Liebe: Vom Rechnen mit Unbekannten

In ihrem Buch „Mathematics of Love“ schreibt Hannah Fry über Syntheseversuche von Mathematik und Liebe auf der Suche nach der Formel für den besten aller möglichen Partner

Quelle: Trend Update 05/2015 

© Cover "The Mathematics of Love" / Simon & Schuster

Kann man Liebe berechnen. Nein? Ja? Die digitale Welt hat uns jedenfalls eine neue, interessante Illusion beschert: Dass man qua Flirt-App und Partnersuche-Plattform ganz sicher herausfinden kann, wer zu einem passt und wer nicht. Hannah Fry, Sozial-Mathematikerin aus London, hat jetzt im Rahmen der Vortragsplattform TED ein Buch geschrieben, das die verschiedenen mathematischen Systeme der „Partnerologie“ schildert.

Den Mann oder die Frau fürs Leben finden ist einfach: Die Entscheidung für einen „Lebenspartner“ verläuft nach einer klassischen Regel, die man auch das „Sultan-Spiel“ nennt. Theoretisch muss man sich nur nach einem Drittel der möglichen Partner für den nächsten Besten entscheiden. Beeindruckend, nicht wahr? Nur leider wenig nutzbar – Hannah Fry schreibt selbst, dass die Theorie dann zu schlechten Ergebnissen führt, wenn einem Traumprinz bzw. -prinzessin zufällig ganz am Anfang einer Liebesbiographie über den Weg läuft.

Fry weist ehrlich immer wieder darauf hin, dass in der Begegnung von Mathematik und Liebe ein inneres Paradox existiert. Wer liebt, will eben nicht beurteilen und zählen und optimieren – genau das ist das Wesen der Liebe. Deshalb halten viele Psychologen Online-Dating-Plattformen für wahre Liebestöter: Hier wird unsere Gabe, uns selbst zu überschreiten, in die kalte Währung von „Beziehung“ konvertiert.

Hugo Schmale, der Erfinder Mathematischen Systeme der „Partnerologie“ der ersten Partnerschaftstests und Mit-Gründer von Parship, wohnt übrigens in einer schönen Villa am Innocentia-Park in Hamburg. Allein. Seine beiden Ehen waren vom Schicksal gezeichnet. Seine erste Frau starb an Krebs, die zweite ließ sich scheiden. „Der Mann, der möglicherweise hunderttausend Menschen vor der Einsamkeit bewahrt hat, lebt allein, aber umgeben von Gegenständen, die er liebt“, heißt es in der ZEIT 7/2015. „Die Menschen“, sagt der Psychologe, „sind tief verunsichert. Es fehlen ihnen klare Kriterien, was Liebe angeht, und was das fürs Zusammenleben bedeutet.“

Wirklich? Vielleicht haben wir ja tief im Innern doch nicht ganz vergessen, was Liebe eigentlich heißt: Ja zu sagen. Nicht aus Verzweiflung, sondern aus der Freiheit heraus. Bedingungslos.

Hannah Fry: The Mathematics of Love: Patterns, Proofs, and the Search for the Ultimate Equation. TED Books (2015)

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Marketing

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.