Materialien von morgen

Die Plastik-Ära geht zu Ende: Unternehmen, die sich langfristig nachhaltig aufstellen wollen, setzen auf neue und neu entdeckte Materialien.

Von Franz Jäger (09/2015)

Der Wecker klingelt. Sie stehen auf, duschen, frühstücken, werfen einen Blick auf die Uhr, schnell die Tasche gepackt, auf geht’s. Ein routinierter Start in den Tag – und allein in dem kurzen Zeitraum zwischen Aufstehen und Arbeitsbeginn sind Ihnen so viele Dinge aus Plastik begegnet, dass sie kaum zu zählen sind: Wecker, Zahnbürste, Duschvorhang, Duschgel, Butterdose, Kugelschreiber und so weiter. Plastik ist allgegenwärtiger Bestandteil unseres Alltags und jeder kennt die damit verknüpften Umwelt- und Ressourcenprobleme. Unser Alltag ist damit alles andere als nachhaltig. Zum Beispiel Zahnbürsten. Nehmen wir an, dass alle Deutschen eine Zahnbürste besitzen. Eine Zahnbürste wiegt etwa 15 Gramm, das ergibt bei 80,62 Millionen Deutschen, die alle drei Monate die Zahnbürste wechseln, ganze 4800 Tonnen Plastikmüll pro Jahr. Allein für Zahnbürsten in Deutschland.

Was spricht nun dagegen, auf nachhaltigere Materialien umzusatteln? Ganz einfach: der ökonomische Vorteil von Plastik. Erdöl ist leicht zu verarbeiten und vor allem ein billiger Rohstoff. Noch. Doch das wird sich in den kommenden Jahren ändern. 

Zum einen schon deshalb, weil die Erdölreserven der Erde begrenzt sind – und damit langfristig immer teurer werden. Zum anderen, weil mit jedem verbrannten Gramm Erdöl der Kohlenstoffdioxid-Gehalt der Atmosphäre ansteigt, was einer CO2-neutralen Wirtschaftsweise hin zu mehr Nachhaltigkeit entgegen steht. Die Wirtschaftswissenschaftler Georg Müller-Christ und Lars Arndt entwickelten vor diesem Hintergrund ein wirtschaftsnahes Konzept zu nachhaltigem Wirtschaften, ausgehend von der Kernfrage “Ist das Unternehmen über einen sehr langen Zeitraum überlebensfähig?” – eine indirekte Kritik an Managern, die keine langfristigen Konzepte parat haben, sondern aufgrund kurz- oder mittelfristiger Rentabilität weiterhin Erdöl-basiert denken. 

Dabei kann heute auf eine Vielzahl alternativer Materialien und Produkte zurückgegriffen werden. Seit vier Milliarden Jahren bringt die Evolution verschiedenste Substanzen und Strukturen zum Vorschein, die paradoxerweise heute erst neu entdeckt werden müssen – man denke nur an das Feld der Bionik (Lotuseffekt, Leichtbauweise nach Kieselalgenstrukturen). So zeigen schon heute verschiedenste Rohstoffe, wie eine Zukunft ohne Erdöl aussehen kann:

  • Zahnbürsten und andere Produkte aus schnellwachsendem Bambus: Mit einer Wachstumsgeschwindigkeit von ein bis drei Metern pro Tag ist Bambus einer der im Pflanzenreich effizientesten Rohstofflieferanten – der zusätzlich noch Kohlendioxid bindet.
  • Liquid Wood: Die Grundlage bildet das in allen verholzten Pflanzenteilen vorkommende Lignin. Extrahiert und aufbereitet aus Abfällen der Papierindustrie verhält es sich bei hohen Temperaturen ähnlich wie Thermoplast, ist also leicht formbar, und kann so für die Herstellung von Alltagsgegenständen wie Schüsseln, Boxen oder Spielzeug genutzt werden. 
  • Kautschuk aus Löwenzahn: Das “Unkraut” führt, etwa in Auto- und Fahrradreifen, nicht nur zu regionalerem Wirtschaften, sondern ist auch ebenso qualitativ hochwertig wie herkömmlicher Kautschuk.

Um nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen, muss sich ein Unternehmen immer wieder neu positionieren – langfristig und damit umweltfreundlich. Dies ist ein Ressourcen-aufwändiger Prozess, wird aber auf lange Sicht durch Preisstabilität der nachwachsenden Ressourcen und intakte Ökosysteme, auf denen unsere Gesellschaft basiert, belohnt. So stehen wir vielleicht in Zukunft morgens auf, putzen uns die Zähne mit Bambus-Zahnbürsten, essen aus Liquid-Wood-Schüsseln und radeln auf auf einem Fahrrad mit Löwenzahnkautschuk-Reifen zur Arbeit.

Literatur: 
Georg Müller-Christ und Lars Arndt: "Nachhaltigkeit als Brücke zwischen ökonomischer Rationalität und ethischer Vernunft". Mensch und Markt. Gabler, 2011. S. 189-224.

Über den Autor

Franz Jäger ist Umweltwissenschaftler mit den Schwerpunkten Umweltchemie und soziale Ökologie. Besonders interessieren ihn die Zusammenhänge anthropogener Einflüsse auf die Umwelt und deren Auswirkungen. Der studierte Biochemiker weiß um die ökotoxikologischen Konsequenzen schwer abbaubarer Materialien und Chemikalien und sieht kritischen Konsum als ersten Schritt in eine nachhaltigere Gesellschaft.

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