Die Skandalokratie der Wutbürger

Zukunftsforscher Matthias Horx beobachtete schon 2010 den medialen Trend zur Erregungskultur – und die Gefahren des Krisotainments für die Demokratie.

Quelle: Trendreport 2011

Im Jahre 1962 veröffentlichte der Sozialphilosoph Jürgen Habermas sein Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Im Gegensatz zu Monarchien und totalitären Diktaturen, so die Grundthese, verfügen moderne Demokratien über einen „Diskurs der regelnden Öffentlichkeit“. In diesem Feld der Verständigung setzt die Gesellschaft Themen und trifft kollektive Entscheidungen aus einem komplexen Kommunikations- und Verständigungsprozess heraus. In der offenen und öffentlichen Debatte wird gesellschaftliche Zukunft produziert, die dann von den demokratischen Institutionen wie Parteien und Parlamenten in politische Entscheidungen übersetzt wird. Öffentlichkeit funktioniert als Selbst-Stabilisierungs-Mechanismus des Gemeinwesens.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein erneuter Strukturwandel ab. Beobachtet man die öffentlichen Debatten, lässt sich folgende Diagnose nicht vermeiden:

  • Die Erregungskurven öffentlicher Themen erzeugen immer höhere Ausschläge – bei stetig kürzer werdenden Intervallen. Dabei entstehen immer extremere Befürchtungs-Parolen und Angst-Formeln.
  • Der Tonfall unter den Kontrahenten der öffentlichen Debatte wird unerbittlicher, feindseliger, unversöhnlicher und persönlicher. Das Vokabular wird grobschlächtiger und denunzierender. Man ist zunehmend bereit, sich gegenseitig mit Gewalt an der Äußerung zu hindern oder dem anderen das Äußerungsrecht abzusprechen.
  • Die öffentliche Erregung löst sich zunehmend vom Anlass ab. Es geht in den Debatten nicht mehr um Lösungen von Problemen. Sondern um den Skandal selbst, der von den Medien ständig mit Überreizungen und Überzeichnungen angeheizt wird.

Krisotainment könnte man die Öffentlichkeitsform nennen, die aus dieser Eskalations-Logik entspringt: eine Gesellschaft organisiert ihre Krisengefühle als permanente Unterhaltungs-Events. Dabei bilden sich zunehmend professionelle politische Provokateure aus, die geschickt mit der Erregungsbereitschaft spielen – und von den Skandalokratie: Herrschaft der Erregung über den Diskurs, der Emotion über die Vernunft, der Empörung über Lösungssuche Medien auf perfide Weise „gepampert“ werden. Nach der Methode: Unglaublich und falsch! Aber er hat es gesagt!

Das Erregungsphänomen selbst ersetzt auf diese Weise den öffentlichen Diskurs. Skandalokratie meint die Herrschaft der Erregung über den Diskurs, der Emotion über die Vernunft, der Empörung über die Suche nach Lösungen und Kompromissen. Skandalokratie hat die Tendenz, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs zu zerstören, aus dem eine zivile Gesellschaft besteht.

Die Gurus des Meinungs-Krawalls

Stellvertretend für dieses Phänomen kann der Sarrazin-Streit dienen, der fast ein halbes Jahr die deutsche Öffentlichkeit bewegte. Thilo Sarrazin versteht sich wie kaum ein anderer in der Bedienung öffentlicher Erregungsmuster. Er ist ein Meister der kalkulierten Unschuldspose: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

„Wer, wenn nicht einer wie ich“, formuliert Sarrazin in einer Polemik gegen den Bundespräsidenten und dessen Türkeireise, – „65 Jahre alt, politisch erfahren und ohne materielle Bedrohungsängste – soll denn in Deutschland unangenehme Wahrheiten aussprechen? Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind auf dem Weg in die Duckmäuser-Republik.“

Solche eitlen Formulierungen zielen auf die unterdrückten Gefühle in der Bevölkerung. Verklemmter Zorn, Abstiegsängste, Demütigungen durch die Wirklichkeit – die Päckchen, die jedermann mit sich herumträgt, suchen nach einem Ventil. Sarrazin berührt diese Punkte sanft, wie ein Seelenmasseur – und lenkt sie auf einen Feind, den Islam. Sarrazin konstruiert ein „eindeutiges Wir“ gegen „die bedrohlichen Anderen“. In seiner Lesart bedroht „der Islam“:

  • unseren Gencode, indem er „immer mehr Kinder macht“.
  • unseren Wohlstand, indem er immer mehr Bildungsdefizite erzeugt.
  • unsere Werte und Lebensweisen.

Damit ist die Grundbedingung jedes rechtsradikalen Populismus perfekt erfüllt: Exklusion und Schuldzuweisung, verbunden mit der Behauptung des notwendigen Tabubruchs.

Tabus sind notwendige und integrative Teile öffentlicher Kultur; es handelt sich um nichts anderes als gesellschaftliche Verhaltensregeln. Wer sie „brechen“ will, braucht gute Gründe. Wenn es darum geht, etwas Verborgenes und Verdrängtes aufzudecken, kann ein Tabubruch legitim sein. Was aber ist an Immigrations- und Integrationsproblemen verborgen? Sarrazins Thema ist ein Diskussionsthema der letzten zehn Jahre, in tausenden von öffentlichen Debatten umstritten und umkreist. Auch wenn Integration nicht „gelöst“ ist – kann sie das jemals sein? Sind „Parallelgesellschaften“ nicht auch Teil moderner, globaler Gesellschaften? Heute gibt es Integrationskurse und Deutschkurse für Migranten, strenge Einbürgerungsgesetze, schnellere Abschiebungen. Die Bundesrepublik hat den Zuzug nahezu völlig gestoppt.

Den politischen Populismus interessiert jedoch nicht die differenzierte (und nie „perfekte“) Wirklichkeit, sondern nur der Effekt der Emotionssteigerung. Sarrazin symbolisiert einen bestimmten Typus des medialen Populisten, der sich in allen westlichen Demokratien entwickelt hat. Ohne Zweifel verfügt dieser Typus über die Fähigkeit, die Gesellschaft zu spalten – und damit seine eigenen düsteren Prophezeiungen auf dem Wege der „self fulfilling prophecy“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Vom „Mutbürger“ zum „Wutbürger“

Bürgerliches Engagement ist seinem Wesen nach auf der Idee des freien Individuums aufgebaut, das seine Stimme erhebt, wenn es für öffentliche Belange nötig erscheint. Das Demonstrationsrecht und eine Vielzahl von „checks und balances“ im politischen System sind auf dieser Voraussetzung gebaut. Gemeinwesen kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten – Individuum, Staat, Wirtschaft, zivile Organisationen – nach der bestmöglichen Lösung für die Zukunft suchen. Dazu gehört neben professioneller Politik das, was wir „Bürgersinn“ nennen – ein Sinn für Verantwortung, Maß und Konsequenz.

So war das bis vor Kurzem: Minderheiten widersprachen Mehrheiten, und daraus entstand ein dynamischer Prozess. Das, was die meisten glaubten, oder zu glauben glaubten, musste sich durch Protest und Widerspruch prüfen lassen. Die Mehrheit musste sich den Minderheiten stellen. Und sich etwas einfallen lassen, was die Bedenken berücksichtigte oder zerstreute.

So funktionierte der öffentliche Diskurs in den letzten 40 Jahren, seit den wilden Zeiten der Studentenrevolte, der die alten Konsens-Formen aufbrach. Dass es heute offen schwule Bürgermeister und lesbische Moderatorinnen gibt, ist ein Resultat von (manchmal ziemlich schrillen) Provokationsformen. Auf diese Weise setzte sich der Ökologiegedanke in der Mehrheitskultur durch, geriet die Frauenfrage auf die politische Ebene. Im Wechselspiel mit Wahlergebnissen wurden Reformen möglich, die früher am erbitterten Widerstand der Gegenseite gescheitert wären.

Warum funktioniert dieser segensreiche Mechanismus von Abweichung und Korrektur, von Konsens und Dissens, dieses soziokulturelle Immunsystem, das die Gesellschaft auf einem „gesunden“ Fortschritts- und Emanzipations-Pfad hielt, heute nicht mehr? Warum ist es nicht mehr mutig, wütend zu sein? Dirk Kurbjuweit begründet dieses Phänomen des „Wutbürgers, der nicht an die Zukunft denkt, sondern an sich“, in einem Essay im Spiegel mit dem demographischen Wandel. Er vermutet, dass es die Alterung ist, die immer mehr Bürger aus dem Konsens der Konsensfindung aussteigen lässt. Die Bequemlichkeit, die mit der Besitzstandswahrung in einer Wohlstandswelt einhergeht, macht uns zu Bedenkenträgern jeder Veränderung. Kurbjuweit schreibt:

„Weil Deutschland altert, erlahmt es auch. Denn das Verhältnis von denen, die viel vom Wandel haben, zu denen, die wenig davon haben, wird immer ungünstiger für eine dynamische Entwicklung des Landes.“

Das ist sicher wahr, aber eben nur die halbe Wahrheit. Alterung kann auch den Verstand schärfen, ein Individuum oder eine Gesellschaft klüger, differenzierter, gelassener machen. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall: Protest wird immer blöder und reaktionärer.

Der entscheidende Unterschied zwischen der alten und der neuen Protestkultur ist ihr verächtliches Verhältnis zur Politik an sich. Der rebellische Spießer, der neue Konsens-Bürger, ist vor allem von einem Gefühl getrieben: Dass „die da oben“, die „Mächtigen“ und „Herrschenden“, die „Inhaber von Posten und Positionen“, „uns“, den „kleinen Leuten“, unentwegt ans Leder wollen. Kein Diskurs, keine Straßendebatte, keine Talkshow, die ohne die Klischees der Politik(er)feindlichkeit auskäme:

Während der Rebell früherer Tage immer in der hartnäckigen Hoffnung protestierte, er könne gehört werden, Politik könne und müsse sich ändern, steigen die Empörungs-Skandalisten aus dem politischen Verhältnis aus. Und das, was das Wesen von Politik ausmacht – Abwägung, Nüchternheit, Vernunft, Kompromiss-Suche – verschwindet unter einer Wolke populistischer Selbstgerechtigkeit.

Opportunistischer Skandalismus: Die Rolle der Medien

Medialer Alarmismus ist nichts Neues. Medien müssen, das ist ihr Auftrag, Skandale aufdecken, Ängste der Bevölkerung aufgreifen und Missstände anprangern. Investigativer Journalismus war für die Entwicklung der Demokratie existentiell. Es waren nicht zuletzt die Medien, die in den 70er Jahren Seveso und Watergate, das Wald- und Walsterben öffentlich machten. Medien bilden die notwendige vierte Gewalt, und dass sie dabei manchmal etwas übertreiben, scheint nur natürlich.

Seit ungefähr zehn Jahren verändert sich jedoch die innere Struktur der Medien durch ein verändertes Konkurrenzumfeld. Mediale Überproduktion und ständig neue Kanäle haben die Wertschöpfungen der Verlage und Medienunternehmen erodiert. Das Internet zersplittert die Wahrnehmungsformen, bietet aber auch neue Ventile für die Multiplikation von öffentlichen Erregungen. In dieser brachialen Markt-Konkurrenz wird die kostbare Ressource Aufmerksamkeit immer umkämpfter. Durch Redaktions-Zusammenlegungen und Rationalisierungen sinkt das journalistische Milieu. Eigenständige Recherchen sind für die meisten Redaktionen heute unerschwinglich. Und wie könnte man besser die Auflage oder Einschaltquote steigern als durch den Dreiklang von Angst, Polemik und Skandal?

Früher standen „Alternativzeitungen“ und „etablierte Medien“ in einer erkennbaren Deutungskonkurrenz, ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Debattenkultur. Heute schreiben (und filmen) auf geheimnisvolle Weise alle voneinander ab. Es muss schnell gehen! Und wenig kosten! Also muss man auf das, was die Konkurrenz gerade bringt, dringend noch einen draufsetzen! Was alle bewegt, muss weiter bewegt werden. Das Resultat ist opportunistischer Skandalismus: Alle regen sich nur noch über ein Thema auf – und dabei steigern sich ständig die schrillen Töne, bis das Thema in einer Art Overkill in sich selbst zusammenfällt.

Das Thema „Video-Gewaltspiele führen zu Amokläufen“ kommt über die letzten zehn Jahre in einer bestimmten Rhythmik vor. Seit dem Attentat von Columbine im April 1999 gibt es jeweils im APRIL und im NOVEMBER gehäuft Meldungen und Storys mit diesem Thema. Die Erklärung zeigt, wie Medien heute auf gewisse Angst- und Nachfragezyklen synchron reagieren: Im April müssen aufgrund des Columbine-Jahrestages immer Erinnerungsgeschichten geschrieben werden. Im November läuft das Weihnachtsgeschäft an, wo besonders viele Videospiele verkauft werden. Was tut ein ordentlicher Redakteur in einem ordentlichen Medium? Er schreibt wie alle seine Kollegen eine Story, die der Werbeabteilung passt, die aber vor den Gefahren der Video- spiele warnt und allgemeine Ängste anspricht.

Die Vertrashung der Leitmedien

An keiner anderen Medienform kann man den Skandalokratie-Trend so deutlich studieren wie am Stammplatz des öffentlichen Debatte, der politischen Talkshow. Früher saßen bei solchen Sendeformaten etwas müde Herrenrunden aus „Korrespondenten und Politikern“ bei Wein und Zigaretten und redeten über ein Thema lange und ausführlich – nicht immer zum Vergnügen des Publikums, aber immer recht differenziert. Heute haben sich zur besten Sendezeit „politische“ Skandal-Formate durchgesetzt, in denen es von Moralisierungs-Klischees und „Infofilmchen“ nur so wimmelt. Man muss nur einige Titel der Frank Plasberg/Anne Will/Sandra Maischberger-Sendungen Revue passieren lassen, um das Ausmaß dieser galoppierenden Boulevardisierung zu erahnen.

Aus der Kognitionspsychologie wissen wir, wie Fragen die Antworten vorstrukturieren. Wer fragt: „Aus Die Moralkeule zerstört jeden Kontext, in dem politischer Diskurs sich entfalten könnte für Sicherheit und Wohlstand?“ appelliert ausschließlich an Ängste, er macht eine differenzierte Debatte schon im Vorfeld unmöglich. Der Moderator – meistens eine Moderatorin – dient nicht der Moderation, sondern wirkt als Domina, die die Zuspitzungen mit der Peitsche vor sich hertreibt. In solchen Trash-Shows geht es nie um Verständnis und Verbesserung, sondern immer nur um die Frage: Wer ist schuld?

Solche Talkshow-Formate erzeugen eigene Selbsterziehungseffekte, die die Struktur der Öffentlichkeit weiter verändern. Die Politiker, die sich auf diesen Sendeplatz wagen, wissen, dass sie in jedem Fall verprügelt werden. Mit dem Ergebnis, dass nur noch narzisstische Charaktere in diesen Sendungen sitzen – und zwar immer die gleichen –, die die Klischee-Ebene besonders gut bedienen können. Die anwesenden „Experten“ rekrutieren sich entlang von Skandal-Kriterien. Um eingeladen zu werden, muss man mindestens einen skandalfähigen Bestseller geschrieben haben – zur Not reicht auch gutes Aussehen, Star-Status als Model oder Fernsehkoch oder ein solide schlechter Ruf, etwa als Gewaltverbrecher oder Rapper.

Wohlgemerkt – hier handelt es sich nicht um Bums-Sendungen des Privat-Fernsehens, sondern um die großen öffentlich-rechtlichen Talkshows, bezahlt mit den Gebühren von Millionen Bürgern, mit öffentlich-rechtlichem Auftrag. „Pointen statt Ergebnisse, Fragen, bei denen die Antwort schon vorher klar ist – und bloß keine inhaltlichen Diskussionen“, schrieb sogar der Spiegel (dem diese Tendenz wahrhaftig auch nicht fremd ist). Das Ergebnis jedenfalls steht immer schon fest. Die Mittelschicht zerfällt. Islamismus ist gefährlich, wird aber verdrängt. Die Jugend ist schlecht oder wird von der Politik schlecht behandelt. Wir werden immer ärmer, kränker und ausgebeuteter. Quod erat demonstrandum.

Der Betroffenheitskult

Zu den Standardausrüstungen der skandalistischen Talkshow gehört auch ein „Format“, das wie kein anderes den gesellschaftspolitischen Diskurs verändert hat: die Betroffenheitsrunde. Der klassische „Infofilm“ verläuft immer nach der gleichen Choreographie. Wahllos aus der Masse herausgegriffene Passanten in Fußgängerzonen werden nach etwas gefragt, von dem sie keine Ahnung haben. Wie denn auch? Die Politik erklärt uns ja nix! Die machen ja sowieso, was sie wollen! Oder direkt im Studio: Sobald der Diskurs sich einer gewissen Komplexitätsebene zu nähern droht, schwenkt die Kamera auf einen Menschen, der an einem Nebentisch oder im Publikum die ganze Zeit auf seinen Auftritt gewartet hat. Den „Betroffenen“.

„Was sagen Sie jetzt?“ fragt die Domina-Moderatorin nach der Betroffenheits-Einlage triumphierend die anwesenden Politiker. Und natürlich schauen diese wie begossene Pudel und suchen nach Worten. Die Moralkeule zerstört jeden Kontext, in dem politischer Diskurs sich entfalten könnte. Das Politische muss immer „abstrakt“ bleiben, muss vermitteln, abwägen, Dilemmata lösen. „Betroffenheit“ hingegen hat immer maximal Recht, ohne Rücksicht auf die Folgen nehmen zu müssen. Wer seine Wunden zeigt, dessen Blut ist immer ein finales Argument.

„Ihr da oben, wir da unten“ hieß der Titel eines Bestsellers von Günther Wallraff in den 70er Jahren. Wallraffs anprangernde Recherche in prekären und ausbeuterischen Arbeitswelten funktionierte in einer Zeit, als sich die Gesellschaft generell in Aufwärtsbewegung befand, als politisches Korrektiv. In einer reifen Wohlstandsgesellschaft wird die Oben-Unten-Formel jedoch zu einem Freibrief für eine ausufernde Opfer-Rhetorik: Ich bin für nichts verantwortlich und die da oben sind schuld! „Die Prinzipienmoral“, so schrieb die Publizistin und Redenschreiberin Caroline Waldeck, „treibt als Hemmnis öffentlicher Lern- und Verständigungsprozesse Keile in die Gesellschaft, deren Zusammenhalt sichern zu wollen ihre Vertreter vorgeben. Das Argument, etwas Grundsätzliches stehe auf dem Spiel – soziale Gerechtigkeit, das christliche Menschenbild, die abendländische Kultur –, erstickt den gesellschaftlichen Diskurs jedes Mal an der Stelle, an der es interessant und relevant wird.“

Das amerikanische Beispiel

Die jüngste Entwicklung in den USA zeigt das Ergebnis der Skandalokratie in Reinform. In den Talkshows vor den Mid-Term-Wahlen des Jahres 2010 konnte von Debatte nicht mehr die Rede sein. Minutenlange Schreiereien, unterbrochen nur von Gelächter und Gröl-Einlagen vom Band, waren praktisch das Einzige, was zu politischen Themen zu hören war. Komik-Sendungen und zynische Late-Night-Shows mit bizarren populistischen Moderatoren übertrafen in Einschaltquoten jede politische Sendung – und man konnte sich keineswegs sicher sein, ob die Zuschauer überhaupt wussten, dass es sich hier um Satiresendungen handelte.

Der skandalistische Strukturwandel der Öffentlichkeit ist in den USA besonders weit fortgeschritten. Dies liegt auch an der dort beschleunigten Medien-Evolution: Zu einem rapiden Zerfall der klassischen Zeitungs- und Fernsehmedien kommt ein Aufstieg der populistisch-ideologischen Privatsender. Auch das Internet ist keine Rettung: Hysterische Verschwörungs-Gerüchte machten vor allem digital die Runde, Barack Obama konnte im Netz gefahrlos abwechselnd als Kommunist oder Moslem beschimpft werden, und dieses kopierte sich gleich millionenfach in Twitter (siehe auch die Website Truthy, die die Ausbreitungsstruktur solcher Gerüchte im Netz dokumentiert).

Wie konnte es so weit kommen? Amerika hat eine harte Zeit hinter sich, in der der moralische Anspruch dieser Gesellschaft zunehmend kollabierte. Zwei erfolglose Kriege, eine Finanzkrise im Herzen des Kapitalismus, gefolgt von steigender Arbeitslosigkeit und dem millionenfachen Verlust von überschuldeten Privathäusern. Amerika ist heute keine Führungsmacht mehr und von enormen Selbstzweifeln geplagt. Eine Gesellschaft, die auf dem Engagement und dem Freiheitswillen der Bürger gebaut ist – mit relativ schwacher Funktion des Staates – ist besonders empfindlich gegen hysterische Epidemien. Schnell liegt jene paranoide Angst in der Luft, in die sich der Brandgeruch des Amok, des Bürgerkrieges, des totalen Zerfalls mischt. Religiöse Deutungsmuster, in denen Endzeitbilder eine starke Rolle spielen, verschärfen die Situation noch.

Die Entwicklung Amerikas gibt uns Hinweise darauf, in welchen Kontexten Skandalokratie entsteht und eskaliert. Sie lässt ahnen, wie tief die Bereitschaft zur emotionalen Eskalation in unserer Kulturgeschichte, in unseren Genen und Memen, verankert ist.

Eine Mem-Infektion

Wer ist am Ende „schuld“ an diesem Phänomen? Die Medien? Die Wirtschaft mit ihrem ewigen Hunger nach Verwertbarkeit und Steigerung? Leiden wir an einem Mangel an Optimismus, oder lässt sich das Ganze am Ende als Dekadenz-Phänomen komplexer (westlicher) Gesellschaften interpretieren? Das Verständnis fällt leichter, wenn wir das Phänomen als eine Art Angst-Infektion begreifen. Als ein „Mem“, ein kulturelles Verhaltensmuster, das sich in bestimmten gesellschaftlichen Konfigurationen hoch ansteckend verhält. Das seine Ursprünge jedoch tief in der Herkunft des Menschen hat.

Hunderttausende von Jahren zogen unsere Vorfahren durch die Savanne, jagten mühsam Tiere, sammelten Wurzeln, suchten Wasser. In dieser Welt der Knappheit und Gefahr Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich der Angstreflex zunehmend sozialisiert entstand unser „Nervenkostüm“ – unser endokrines System ist auf Kargheit und Gefahrenabwehr abgestimmt. Angst war für das Überleben unserer Vorfahren ein wichtiger Mobilisierungs-Faktor. Wilde Tiere und feindliche Stämme konnten jederzeit das Ende bedeuten. So musste man wachsam bleiben – und lieber etwas über, als untertreiben.

Da wir die Nachkommen der Ängstlichen, nicht der Tapferen und Mutigen sind, hat sich unser Gefahrenabwehr-System besonders sensibel entwickelt. Es neigt zu „Überschüssen“, die wir nur sozial abreagieren können – durch menschliche Nähe und Vorkehrungen, die uns das Gefühl von Sicherungen geben. Etwa funktionierende Sozialsysteme, oder dauerhafte Arbeitsplätze, oder sichere Zukunftsaussichten für uns und unsere Kinder.

Angst ist ein Impuls, der durch eine Drüse nahe unseres Stammhirns koordiniert und gesteuert wird. Die Amygdala ist eine Zentrale zur Auswertung von Informationen aus der Umwelt. Sie sortiert emotionale Strömungen, analysiert körperliche Reaktionen, Blutdruck, Herzschlag etc.

Dabei steht sie in engem Kontakt mit der „Nachbardrüse“ Hypothalamus, die als Regulationszentrum für alle vegetativen und endokrinen Vorgänge dient. Die Amygdala kommuniziert sowohl mit unserem rationalen Selbst im frontalen Hirnlappen als auch mit dem Hippocampus, der tiefe, „archaische“ Erinnerungen speichert.

Wenn die Amygdala zur „Überzeugung“ gelangt, dass reale Gefahr droht, kann sie blitzschnelle Hormon- und Enzymausschüttungen veranlassen, die den Körper in höchste Aktivität versetzen. Wenn der Lastwagen auf der Autobahn plötzlich ausschert, überschwemmen uns Adrenaline, bevor wir überhaupt nachdenken können. Dieser Mechanismus ist unser entscheidender Überlebensvorteil. Oder war es zumindest, in einer Umwelt voller Fress- und Konkurrenzfeinde.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich der Angstreflex zunehmend sozialisiert. Angst ist hochgradig ansteckend, weil unser Wahrnehmungssystem nicht nur die eigene Lage beurteilt, sondern auch „Angst in anderen Gesichtern“. Der Grund, warum Menschen – als einzige Spezies – einen teilweise weißen Augapfel haben, ist, dass wir die Blickrichtung unseres Mitmenschen dadurch präziser sehen können. Ein entscheidender evolutionärer Vorteil.

Dem Angst-System steht unser Wut-Eskalations-System als eine Art Assistent gegenüber. Aggression und Dominanzverhalten werden in unserem dorsalen Anterior Cingulate Cortex (dACC) gesteuert. Im orbifrontalen Cortex – dem rationalen Verstand – werden die Wutreaktionen wiederum sozial moderiert. Hier findet sich auch unsere „Kooperationszentrale“ – jener evolutionär jüngste Teil unseres Hirns, der ständig zwischen „Kooperation“ und „Dominanzverhalten/Wut“ abwägt.

Die Zeit, in der unser Überleben von häufigen Angst-/Wut-Mobilisierungen abhängig war, ist – eigentlich – noch nicht lange her. Rennen, kämpfen oder getötet werden – das war für unsere Vorfahren bis vor einigen tausend Jahren Alltag. Was aber passiert, wenn wir plötzlich in eine Umwelt geraten, in der wir nicht mehr durch Jagen und Kämpfen fürs Überleben sorgen müssen? In der uns der Supermarkt Kalorien in Hülle und Fülle bietet? Dann liegen unsere Reflexe auf eine prekäre Art und Weise blank. Wir halluzinieren nun ständige Gefahren:

  • Der Wohlstand könnte morgen zu Ende sein!
  • Könnte der andere mehr haben als wir?
  • Diejenigen, mit denen wir heute kooperieren, sind in Wirklichkeit Feinde!

So sicher unsere physische Umwelt geworden ist, so gigantisch ist die Bilderflut, die aus allen Kanälen auf uns einströmt. Überall Gewalt-, Bedrohungs-, Hunger-, Katastrophenbilder. Immer mehr Arme! Immer mehr Elend! Krieg! Mord! Wird es auch uns treffen, oder „die unseren“? (unseren Clan, unsere Sippe, „die Deutschen“?) Unser orbifrontaler Cortex gibt oberflächlich Entwarnung: alles „nur ein Bild“. Unser Empathie- und Angstsystem hingegen wartet nur auf die nächste Adrenalin-Ausschüttung.

„Skandalokratie“ ist nichts anderes als das aus dem Lot geratene Zeichen- und Alarmsystem in einer komplexen Mediengesellschaft. Die Medien nutzen den überdrehten Warnapparat, der sich in immer neuen kollektiven Angsthysterien äußert. All das zeigt nicht unsere unmenschliche, „verrückte“ Seite. Sondern wie unter einem Brennglas unsere urhumane Eigenschaft, Risiken möglichst frühzeitig zu bekämpfen, in Gefahrensituationen unseren sozialen Radius auf ein strenges „WIR“ zu verkleinern. Wir gegen die anderen! Und lieber etwas lauter schreien, als zu spät reagieren!

Wie geht es weiter?

Zwei Szenarien sind prinzipiell denkbar:

  • Aus dem Zerfall der Öffentlichkeitsstrukturen entstehen Polarisierungen, die sich nicht mehr heilen lassen. Es beginnt ein Kampf jeder gegen jeden, oder das, was Hans Magnus Enzensberger einmal den „molekularen Bürgerkrieg“ nannte. Eine solche Entwicklung endet in einer „Mafialisierung“ der Gesellschaft; nach dem Modell Russland oder Italien. Nur noch gut organisierte, brutal oder besonders clever operierende Gruppen, Lobbys und „Clans“ können sich durchsetzen. Das Leben wird eine mühsame Beschaffungsmaßnahme. Am Ende wächst das Bedürfnis nach einem erlösenden Führer ins Unermessliche. Dunkle Zeiten brechen an – wie schon so oft in der Geschichte.
  • Die andere, positivere Variante scheint heute unwahrscheinlicher. Aber sie ist durchaus möglich.

Vielleicht ist der mediale Hysterismus nur ein Übergangsstadium. Ein Spuk. Wir leben in einer hektischen Zwischenzeit, in der das Alte noch nicht aufgehört, das Neue noch nicht wirklich begonnen hat. Für eine globale Welt, in der die kreativen Kräfte des Einzelnen ungleich mehr zählen, müssen wir die entsprechenden Kulturtechniken erst mühsam lernen. Selbstverantwortung. Kooperation. Netzwerke – diese „Vertrauenstechniken“ fordern Aufwand und mühsames Lernen.

Stellen wir uns vor: Die gebildeten Schichten, die verantwortlichen Bürger koppeln sich vom medialen Lärm ab. Wir schalten den Fernseher aus und glauben nicht mehr allen Unsinn, der in den Zeitungen steht. Die Skandal-Talkshows werden das, was sie eigentlich immer schon waren: Entertainment für die Unterschicht. Kein Politiker geht dort mehr hin. Anne Wills Sendeplatz wird von Dieter Bohlen übernommen. Lady Gaga macht Late Night an Maischbergers Stelle. Harald Schmidt übernimmt Plasbergs Sendeformat. Was keinem weiter auffällt.

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.