Radio in Zeiten der Digitalisierung

Das Radio ist zu einem „Diffusionsmedium“ geworden, zu einem ewig dudelnden Alltagsbegleiter. Doch in Zukunft wird wieder zugehört: Sie gehört der „ordnenden Stimme“.

Quelle: TREND UPDATE 03/2013

georgejmclittle / Fotolia

1. Evolution: Radio als Identitätsbildung

Das Radio gehört zu den wenigen Medien, die sich tatsächlich rasend schnell in der Gesamtpopulation durchsetzten. In den 1920er Jahren in Amerika und in den 1930ern in den meisten Ländern Europas eingeführt, kam ihm innerhalb kürzester Zeit die Funktion eines Leitmediums zu: des ersten und perfekten One-to-many-Mediums in Echtzeit. In den 30er Jahren standen in 80 Prozent der US-Haushalte bereits Empfangsgeräte, existierte ein flächendeckendes Sendenetz in den industrialisierten Ländern.

Der Grund für diesen Durchmarsch: Die Soziotechnik des Mediums ist einfach, die Infrastruktur leicht zu gewährleisten. Man muss nur einen Sendemast und einen Empfänger aufstellen, das Zuhören erfordert keine komplexen Kompetenzen. Zudem waren die meisten Sender zunächst staatlich geprägt. Das Radio steckt in einer evolutionären Nische fest. Es ist „aus-evolutioniert“ Das machte das Radio zum Staatsprojekt und zum Verlautbarungsmedium mit hoher Kollektiv-Kompetenz. Übertragen wurden große Konzerte, Nachrichten (aus Sicht der Regierenden), Gottesdienste, Kriegsberichte. Aus dem Krieg bezieht das Radio auch einen seiner „Tiefen-Mythen“: der Heeresbericht als Unheils- oder Heilsverkündung aus der Ferne, oder als Subversionsmedium durch das Hören von „Feindsendern“.

Das Medium wurde tatsächlich, wie kein anderes, zur Message, wie Marshall McLuhan formulierte. Es konstituierte Massengesellschaft wie kein anderes vor und nach ihm. In der Nachkriegszeit modernisierte, demokratisierte, kulturisierte und differenzierte sich das Radio massiv – es passte sich an die veränderten Gesellschaftsstrukturen an. In den 60er Jahren kann man es getrost als Medium gesellschaftlichen Wandels und neuer Identitätsbildung betrachten. Wenn junge Deutsche AFN hörten, den amerikanischen Soldatensender, wurden sie mit dem Rock’n’Roll-Virus infiziert. Das Radio verkündete nun nicht mehr das Bestehende, sondern erzählte vom Neuen. Sogar innerhalb der staatlichen Strukturen bildeten sich die enormen Spannungen der 68er-Zeit ab: Popsender bekamen Kultstatus. Blasmusik gegen Avantgarde- Pop, Jazz versus Schlager – die Sendeformate differenzierten sich entlang von Musik-Kultur und Lebensstilen, in denen sich die Gesellschaft differenzierte.

Ende der 70er Jahre endete diese Leitbild- und Formungsfunktion. Das Radio verlor seine innere Spannung – und seine Deutungsmacht – an das Fernsehen. In der zunehmenden Privatisierung des Mediums in den 80er Jahren entstanden immer mehr kommerzialisierte Milieu-Formate: Radio als Selbstvergewisserung des „Lifestyle“ – und Werbekonzept. Eine letzte Radio-Rebellion fand im Juli 1999 statt. Damals verschanzte sich der Morgen-Moderator des Hamburger Hit-Privatsenders Mix 95.0, Oliver Bennet, aus Protest gegen den Einheitsbrei im Radio in seinem Studio. Er spielte nur noch zwei Songs, „No Milk Today“ von Herman’s Hermits und „Dancing Queen“ von Abba. Die Protestaktion wurde erst nach vier Stunden beendet (nach je 30-mal „No Milk Today“ und „Dancing Queen“), als es dem Geschäftsführer des Senders gelang, das Studio über den Lastenaufzug zu entern und den DJ zu überwältigen. Die Zuhörer waren von Bennets Protesthaltung jedoch begeistert; der Moderator wurde erst beurlaubt und dann weiterbeschäftigt.

2. Die Gegenwart: Perfektes Sekundärmedium

Im Internet-Zeitalter ist das Radio ein klassisches Non-Fokus-Medium geworden. Seine narrative Struktur tendiert in einer multimedialen und interaktiven Welt zur Nische. Obwohl so etwas wie „Hörerbeteiligung“ und „Radiodemokratie“ immer wieder versucht wurde, ist der Rückkanal nicht die Stärke des Mediums. Dennoch konnte es nicht nur in Nischen erstaunlich gut überleben. Der Grund ist sein „Talent“ zu einem perfekten Sekundärmedium. Das Radio ist eines der wenigen Medien, das im Kontext menschlichen Multitaskings funktioniert. Seine Aufmerksamkeits-Anforderung ist gering und variabel. Man kann ein Radio im Hintergrund hören, bei der Arbeit und vor allem beim Autofahren. Damit wurden die Musikprogramme zum „Teppich“, die mit dem Alltagsleben rund um die Uhr kompatibel sind. Und die „Zielgruppe“ zersplitterte in Einsame, Alte, Taxifahrer, Autofahrer, Bastler und Tüftler, Beamte in Verwaltungsgebäuden, Tankstellenbesitzer, Hausfrauen...

Die Motivation des Radiohörens besteht vor allem im Effekt der Unterkomplexität. Autofahren erfordert wenig kognitiven Input, ebenso Bügeln und Am-Halteplatz-Warten.

Die erstaunlich hohen Einschaltquoten des Mediums lassen sich also nicht eins zu eins in die Relevanz des Mediums umdeuten. Wie auch das Fernsehen, nur noch radikaler, unterliegt das Medium dem Lagerfeuer-Effekt. Radios sind „immer an“, aber das heißt nicht, dass jemand „zuhört“ im Sinne kognitiver Präsenz oder Rezeption.

Die verschiedenen Sendeformate, die sich im Laufe der Privatisierung entwickelt haben, sind (meistens) immer noch lukrativ, weil man bei sinkenden Grenzkosten Radio immer billiger produzieren kann. Dies führt allerdings in eine Abwärtsspirale. Es beschränkt, wie die missglückten Einführungsversuche mehrerer Digitaltechnologie-Generationen zeigen, die technische Innovationskraft. Radio ist heute Kapital-defensiv, lebt durch Sparen und sinkende Grenzkosten. Auch die vorübergehende „Podcast“-Welle konnte das Radio nicht aus seinem Dornröschenschlaf herausreißen. Die strukturelle Übermacht der staatlichen Sender in vielen europäischen Ländern führt dabei eher zu einer Verfestigung der heutigen evolutionären Nische des Radios als primäres Sekundärmedium oder „Hörtapete“. Das Radio steckt in einer evolutionären Nische fest. Es ist „aus-evolutioniert“.

3. Die Zukunft: Nichtkomplexe Romantiküberschüsse

Dennoch wird das Radio, wie die meisten „alten“ Medien auch, immer wieder sekundäre Renaissancen erleben. Denn seine Nicht-Komplexität ist in der kommenden Phase des Medien-Überdrusses und der Informations-Überflutung ein komparativer Vorteil. Zudem hat das Radio „romantische Überschüsse“, von denen es im Sinn von Nostalgie- und Retro- Efekten immer wieder zehren kann. Mögliche Klein-Renaissancen werden sich beziehen auf:

  • Sprach-Minderheiten: Radio-Techniken eignen sich sehr gut zur Organisierung sprachlicher Minderheiten, von denen es allein in Europa mindestens 500 gibt. Im Raum solcher Minderheiten funktioniert das Radio besser als das Internet (oder in Ergänzung), weil die gesprochene Sprache das eigentliche Thema darstellt. „Jemanden sprechen hören“ ist der Kern des kulturellen Anliegens und stellt die eigentliche Knappheit dar. In seiner heutigen Fassung 1983 gegründet, stellt zum Beispiel das Radio Euskadi einen der wichtigsten Radiosender der autonomen Gemeinschaft des Baskenlandes dar. Es bringt Sendungen in baskischer Sprache, was zu Zeiten des Franco-Regimes noch undenkbar war. Als Teil der Sprachpolitik des Baskenlandes dient das Radio Euskadi somit auch dem Ziel, die baskische Sprache und Tradition zu erhalten und auch den folgenden Generationen nahezubringen. 
  • Expatriates: Radio wird immer gerne dann gehört, wenn es „in der Ferne aus der Heimat“ berichtet. Dieser Effekt korreliert mit dem Glokalisierungs-Trend: Weil immer mehr Menschen multi-mobil leben, steigt der Bedarf nach Heimat-Rückkopplung. Dabei ist es allerdings fast belanglos, was der Sender sendet – es können auch Staumeldungen vom Autobahnkreuz sein, in dessen Nähe man seine Jugend verbrachte. Doch nicht nur die Heimat-Nostalgie, auch das Ankommen ist ein wichtiges Bedürfnis von Expatriates. Gerade auch für all diejenigen, die aus ganz Europa den langen Weg nach Brüssel antreten, um für UN, NATO oder Europäische Kommission meist lange in einem fremden Land zu arbeiten, ist die Eingewöhnung meist schwierig. Der erste kommerzielle englischsprachige Radiosender in Belgien, RadioX, hat es sich zum Ziel gesetzt, mit lokalen Nachrichten dieser Zielgruppe die Nuancen der belgischen Kultur zu erklären und so das Leben in und rund um Brüssel etwas einfacher zu machen. 
  • Lokal-Heroismus: Im Lokalen selbst liegt die Zukunft des Radios, wahrscheinlich in einer Kombination mit multimedialen regionalen Services. Die Zukunft gehört – unter anderem – integrierten regionalen Gesamt-Verlagen, die Zeitung, Radio, Web-Plattformen, lokale Services bis hin zur Energieversorgung unter einen Hut bekommen und diej örtlich bezogenen Informations- und Organisationsbedürfnisse abdecken, die in der globalen Selektivität der Medien zu kurz kommen. Das Medien-Haus Bauer hat diese Idee in die Tat umgesetzt. Es bietet mit der Dattelner Morgenpost, der Hertener Allgemeinen, der Marler, Stimberger, Waltroper und Recklinghäuser Zeitung lokale Nachrichten im Print und mit seinem Sender Radio Vest auch in Tonform an. Zudem bietet der Verlag auch digitale und mobile Services an – natürlich allesamt „100% von hier“ und für hier. 
  • Märchenonkel-Radio: Immer wieder wird es auch Retros des alten, kulturellen Leitmediums geben. Flüchtig vielleicht, nur auf Spezialthemen oder Minderheiten-Interessen bezogen, immer aber personenzentriert, narrativ, an klassischen Erzählweisen orientiert. Denn die eigentliche Magie des Radios steckt in seiner Fähigkeit zur ordnenden Stimme. Ein archaisches, die ganze Menschheitsgeschichte durchziehendes Motiv. Wenn man die Zukunft des guten alten, autoritären und glaubwürdigen „Radiosprechers“ träumen könnte, dann wäre er ein Mythen- und Sagen-Erzähler, der seine Geschichten Tag und Nacht erzählt und damit die immer verwirrendere Welt um uns herum ordnet und beruhigt. 

Besonders auf Kinder übt diese Funktion des Radios eine große Faszination aus. Dabei geht die Sendereihe „Ohrenbär“ voran, die literarische Erzählungen für Kinder zwischen vier und acht Jahren anbietet. Sie soll die klassische Gute-Nacht- Geschichte ersetzen und wird jeden Tag als eine Produktion von Rundfunk Berlin-Brandenburg, NDR Info und WDR 5 vor 20 Uhr ausgestrahlt.


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In der Medienwelt von morgen werden sich Geschichten noch weiter von ihren Trägermedien lösen und alte Denkschemata in „Zielgruppen“ obsolet machen. Im Zentrum strategischer Überlegungen wird die individuelle Nutzungssituation stehen - und damit auch die Frage, ob ein Medium Diffusions- oder Fokusmedium sein will. Den Medien von morgen gelingt es, beides miteinander zu verbinden.

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