Megatrend Silver Society

Von allen Megatrends lässt sich der demografische Wandel am besten prognostizieren. Dieser Auszug aus der Megatrend Dokumentation zeigt die Fakten, die uns erwarten.

Von Verena Muntschick (06/2016)

Unsplash / Jeff Sheldon / Old man in Café / CC0

Neue Lebensstile formen ein buntes Bild des Alterns und lassen die Grenzen zwischen den Generationen verschwimmen. Neue Lebenswelten entstehen, in denen für viele das Alter nicht das Ende, sondern erst der Anfang ist. Ein neues kulturelles Mindset bereitet den Weg für eine Gesellschaft ohne Altersversorgung. Die Silver Society charakterisiert eine niedrige Geburtenrate und eine hohe Lebenserwartung. Eine Kombination, die die Altersstruktur von Gesellschaften grundlegend verändert.

Der Trend zur Silver Society ist global: In den europäischen Ländern liegt die Geburtenrate laut der Revision of World Population Prospects 2015 der UN bereits unterhalb der durchschnittlichen 2,1 Kinder pro Frau, die die Bevölkerungsgröße eines Landes konstant halten würde. Weltweit wird erwartet, dass die Geburtenrate von durchschnittlich 2,5 Kindern pro Frau zwischen 2010 und 2015 auf 2,0 Kinder pro Frau zwischen 2095 und 2100 sinkt. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in den letzten zehn Jahren weltweit um drei Jahre gestiegen, in den afrikanischen Ländern sogar deutlich mehr. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird mit einem Anstieg von den derzeitigen 70 auf 83 Jahre gerechnet.

Begleitend steigt der Anteil der über 60-Jährigen an der Weltbevölkerung, der heute bei 12 Prozent liegt, jährlich mit einer Rate von 3,26 Prozent. Die älteste Population ist die Europas mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren. Bis 2100 wird auch die Weltbevölkerung – heute noch im Schnitt 30 Jahre – so alt sein.

Die Treiber des Megatrends Silver Society sind universell gültig und wirksam: Ausreichende und gute Ernährung, verbesserte hygienische Bedingungen, Fortschritte in der Medizin, friedliche und sichere Lebensumstände sowie steigender Wohlstand sind die Faktoren, die die Lebenserwartung erhöhen, die Mortalität senken – und mit denen langfristig einhergeht, dass Menschen weniger Kinder bekommen.

Als Land mit der ältesten Bevölkerung befindet sich Japan mit einem Durchschnittsalter der Bevölkerung von 46,5 Jahren (laut der UN-Revision von 2015) bereits mitten in diesem demografischen Wandel: Seit 2007 treten dort die geburtenstärksten lebenden Jahrgänge ins Rentenalter ein: Die schleichende Veränderung der Altersstruktur hat nun unmittelbare Konsequenzen für die bestehenden Wirtschafts- und Sozialsysteme. Die öffentlichen Kassen leeren sich und die Logik des Rentensystems stößt an ihre Grenzen. Nur das Rentenalter immer weiter anzuheben, wird nicht reichen.


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In Deutschland, dem Land mit der derzeit zweitältesten Bevölkerung auf der Erde (46,2 Jahre), gibt es eine neue Realität: 2017 werden die ersten Menschen der geburtenstarken 1950er- und 1960er-Jahrgänge in Deutschland 62 Jahre alt. Und befinden sich damit bereits mitten im durchschnittlichen Rentenzugangsalter. Im Laufe der kommenden zwei Jahrzehnte treten diese sogenannten Baby-Boomer komplett aus der Erwerbstätigkeit aus. Der Anteil der Rentner im Vergleich zu den Erwerbstätigen wird damit sprunghaft steigen: Die natürliche Bevölkerungsbilanz – der Saldo der Geborenen und Gestorbenen – ist seit Ende der Baby-Boomer-Generation (den 1970er-Jahren) negativ und das Geburtendefizit anhaltend. Aktuell beträgt die Geburtenhäufigkeit laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 1,4 Kinder je Frau. Bis 2060 wird mit keiner oder nur geringer Veränderung gerechnet, denn der Trend zur späten Familiengründung hält an.

Damit ist jede neue Generation kleiner als die vorangegangene – und die ältere Generation in ständiger Überzahl. Bis zum Jahr 2060 wird ein Drittel der Gesellschaft 65 Jahre und älter sein und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden – bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80,25 Jahren und einer ferneren Lebenserwartung der 65-Jährigen von 19,1 Jahren. 2060 wird bei Geburt mit einer Lebenserwartung von 86,8 Jahren gerechnet, den 65-Jährigen wird dann eine fernere Lebenserwartung von 23,5 Jahren vorausgesagt.

Der Megatrend Silver Society verändert unsere Welt: Er fordert Staaten heraus, Wirtschaftsstrukturen und Sozialsysteme zu überarbeiten oder ganz neu zu entwerfen. Gleichzeitig verändert er aber auch das Selbstverständnis der Gesellschaften: Eine vermeintlich homogene Generation der „Älteren“ und Alternden – erstarkt an Masse und Selbstbewusstsein – differenziert sich aus, sprengt das Generationenverständnis und prägt die Denkweisen und Lebenswelten der Menschen neu. Denn eigentlich war die Gesellschaft noch nie so jung. Ein heute 60-Jähriger hat mühelos das biologische und auch gefühlte Alter eines 40-Jährigen vor 100 Jahren.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Megatrend Dokumentation des Zukunftsinstituts.

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