"Megatrends sind Mind-Changer"

Harry Gatterer gibt im Gespräch mit dem Audi-Magazin Einblick in die Arbeit eines Zukunftsforschers. Er erklärt, was Megatrends sind, wie sie unsere Gesellschaft prägen und bei welchen Trends Europa den USA voraus ist.

Zukunftsinstitut / Marc Haader

Kann man die Zukunft wirklich vorhersagen? Welche Methoden wenden Sie dazu an?

Harry Gatterer: Prinzipiell sagen wir die Zukunft nicht voraus – das wäre ja Wahrsagerei – sondern sprechen von Wahrscheinlichkeiten. Wir analysieren die Gesellschaft und nehmen aufgrund dieser Analyse Entwicklungen wahr, aus denen wir Ableitungen für die Zukunft machen. Einerseits gibt es langsamere bzw. stabilere Entwicklungen, die man besser prognostizieren kann, zum Beispiel die Populations- oder die Altersentwicklung. Andererseits Das Zukunftsinstitut beschreibt insgesamt zwölf Megatrends, die die globale Gesellschaft prägen werden. gibt es auch schnell eintretende Trends, die zum Teil unvorhersehbar sind. Uns geht es darum, verständlich zu machen, wo Veränderungen gerade stattfinden und wie sie sich auf unsere Zukunft auswirken. Auch um einen anderen Blick auf die Gegenwart zu werfen. Es geht also um „mind changing“. Wir justieren manchmal Entwicklungen gegen die öffentliche Wahrnehmung. Beispielsweise hat man aufgrund der öffentlichen Diskussion das Gefühl, dass die Zahl der alleinerziehenden Mütter stark gestiegen ist. Tatsächlich ist deren Zahl in Österreich seit den 70er-Jahren relativ stabil. Wir sehen genau hin, hinterfragen, analysieren, um für Politiker, Manager oder andere Wissenschafter Entscheidungshilfen bereitstellen zu können.

In welchem Zeitrahmen bewegt sich die Zukunftsforschung?

Harry Gatterer: Wir haben in unseren Forschungen zwei Zeitdimensionen: Die eine wird von der Trendforschung umfasst, die sich mit den nächsten zwei bis drei bis hin zu fünf Jahren auseinandersetzt. Die eigentliche Zukunftsforschung beschäftigt sich mit einem Zeitraum von 20 bis 40 Jahren, für den wir versuchen, die Megatrends herauszufiltern. Also die „Treiber“, die uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden.

Was sind denn die wichtigen Megatrends der Zukunft?

Harry Gatterer: Das Zukunftsinstitut beschreibt insgesamt zwölf Megatrends, die die globale Gesellschaft prägen werden. Um ein paar zu nennen: Sicherheit ist ein Thema, das aktuell noch einmal eine neue Dynamik aufgenommen hat. Dann ist Konnektivität ein zentraler Megatrend, der gerade auf einen Höhepunkt zusteuert, weil die Welt durch hochgradige Vernetzung die Konnektivität sichtbar und nachvollziehbar gemacht hat. Weiters die Alterung der Gesellschaft, wir nennen es Silver Society. Sie wird gravierende Veränderungen mit sich bringen, die sich noch schwer abschätzen lassen.

Übernehmen die USA für Europa die Vorreiterrolle in Sachen Trends?

Harry Gatterer: Was Konsum und Technologie betrifft, stimmt das meistens. Mit dem Silicon Valley haben die USA die Führung in der Entwicklung vieler Technologien übernommen, was zusammen mit dem Massenkonsum herausragend funktioniert. Die Amerikaner entwickeln schneller einen Markt und damit eine Nachfrage, die dann auch nach Europa schwappt. Europa setzt bei der Entwicklung von Technologien stärker auf Ingenieurskunst, was ja gerade in der Autoindustrie in Verbindung mit einem Qualitätsanspruch viel bringt. Wir importieren mittlerweile auch Trends aus Asien, denken Sie an die Themen Gesundheit und Ernährung.
Umgekehrt zeichnen sich andere Megatrends in Europa zuerst ab, zum Beispiel die sich verschiebende Altersstruktur der Gesellschaft. Zwar hat Japan aktuell die älteste Gesellschaft, die sich aber durch die kollektivistische Prägung des Landes nur schwer ableiten lässt. Bei der Silver Society wird Europa eine Vorreiterrolle in der Weiterentwicklung der sozialen Systeme und der Gesundheitsvorsorge spielen.

Wie wird sich unser Leben durch die zunehmende Urbanisierung ändern?

Harry Gatterer: Wir haben in Österreich bereits einen hohen Verstädterungsgrad von über 65 Prozent. Dieser Trend ist bei uns also schon sehr weit ausgeprägt. Global gesehen verändert sich die Welt natürlich gewaltig, 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung im urbanen Lebensraum leben. Die Dichte der Stadt bietet mehr Möglichkeiten, erfordert aber andere social skills, bringt andere Bei der Silver Society wird Europa eine Vorreiterrolle in der Weiterentwicklung der sozialen Systeme und der Gesundheitsvorsorge spielen. Probleme mit sich. Es wird bereits viel experimentiert und entwickelt, zum Beispiel die „grüne Stadt“, die nicht nur Funktionalität, sondern auch Lebensqualität ins Zentrum rückt. Es wird nicht nur der eigene Wohnbereich, sondern die ganze Stadt als Lebensraum genutzt. Es entwickelt sich die periurbane Landwirtschaft, die lange Transportwege wegfallen lässt, weil in der Stadt und darum herum produziert wird. Die Stadt wird zum resilienten Raum, der beweglich bleibt, in dem sich Gebäude an die Erfordernisse anpassen können. Ein Gebäude nach zehn Jahren Lebensdauer wieder abreißen zu müssen, weil es den Bedürfnissen nicht mehr entspricht, ist Ressourcenvergeudung. Resilienz bedeutet, dass Gebäude so geplant werden, dass sie je nach Erfordernis mitwachsen können. Und natürlich entwickeln sich neue Konzepte der Mobilität, die den Menschen mehr Freiraum geben.

Das Interview führte Beate Kreuzer für die aktuelle Ausgabe des Audi-Magazins.

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