Migration als Zukunftschance für Deutschland

In Zukunft könnten Deutschland goldene Jahre bevorstehen – wenn es endlich seine Rolle als Ein- und Auswanderungsland akzeptieren lernt

Quelle: Trend Update 03/2014

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Verlieren wir zu viele intelligente Menschen an das Ausland? Ist Deutschland also ein Opfer des berüchtigten „Brain Drain“? Fest steht: Viele Hochqualifizierte wandern aus Deutschland aus. Aus Deutschland kommen sogar die meisten hoch qualifizierten Auswanderer, die aus OECD-Ländern stammen. Doch die überraschende Erkenntnis: Das muss nicht zwangsläufig ein Nachteil sein. Denn Deutschland kann so zu einer Drehscheibe transnationaler Migration werden und damit ein Gewinner des weltweiten „Brain Gain“.

Die Beispiele von Tawain, Israel und Bangalore zeigen, was transnationale Migration für das Binnenwachstum einer Volkswirtschaft bedeuten kann: Die Wanderer zwischen den Welten bringen Es gibt eine noch unerzählte Erfolgsgeschichte der globalisierten Migration Innovationen und Investitionsmöglichkeiten zurück in ihre Heimatländer, was dort die Wirtschaft ankurbelt, was wiederum neue Absatzmöglichkeiten für die produzierenden Länder schafft – wie zum Beispiel Deutschland. Es gibt also auch eine noch unerzählte Geschichte der globalisierten Migration, die mit Flüchtlingselend und Sozialneid nichts zu tun hat. Eine Geschichte, die für alle Beteiligten eine Erfolgsgeschichte ist.

Wanted: „Bildungsausländer“

So sehen sich die deutschen Universitäten auch im Wettbewerb um ausländische Studierende. Mit Sorge beobachtet der Deutsche Akademische Austausch-Dienst (DAAD) die Aufholjagd von Brasilien, Russland, Südkorea und Saudi-Arabien als attraktive Ausbildungsstandorte. Doch noch ist Deutschland das beliebteste nicht englischsprachige Gastgeberland der Welt für Studenten, die sich nicht nur im eigenen Land ausbilden lassen wollen. Sechs Prozent aller sogenannten „Bildungsausländer“ weltweit studieren in Deutschland. Damit das auch so bleibt, bieten deutsche Universitäten verstärkt Kurse in englischer Sprache an, damit auch Studierende ohne Deutschkenntnisse eine Chance haben.

Deutschland ist also attraktiv für Studenten mit Migrationshintergrund, doch nach dem Abschluss ziehen viele weiter oder kehren in ihre Heimatländer zurück. Im Gegensatz zu Deutschland versuchen die USA erfolgreich, die ausländischen Absolventen nach der Promotion im Land zu halten. 68 Prozent der Migranten, die im Jahr 2000 in den USA promoviert haben, waren fünf Jahre später immer noch dort. Weitgereist, ehrgeizig, hervorragend ausgebildet: Es ist offensichtlich, dass diese Menschen einen wertvollen Beitrag leisten können. In den USA haben Zuwanderer Unternehmen wie Google, Yahoo und eBay gegründet. Hinter mehr als der Hälfte der Startups in Silicon Valley und der angemeldeten Patente stehen qualifizierte Migranten, obwohl sie nur 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Unbegründete Einwanderungsängste

In deutschen Medien war in jüngerer Zeit häufig von „Armutsmigration“ die Rede. Dabei kam eine Studie des Centre for European Policy Studies zu dem Schluss, dass Sozialleistungen keine Magnetwirkung auf EU-Migranten ausübten. Seit die EU 2004 die Grenzen nach Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen öffnete, kamen viele Migranten aus diesen Ländern nach Großbritannien – und generierten nachweislich mehr Steuerabgaben, als sie Sozialleistungen in Anspruch nahmen. Die Ängste bezüglich der Freizügigkeit für Rumänen und Bulgaren ab Januar 2014 scheinen vor diesem Hintergrund irrational, denn am Ende der Rechnung steht deutlich sichtbar ein Plus. Das weiß auch die Federal Reserve Bank der USA, deren diesbezügliche Forschungsarbeiten ergaben, dass „Migranten die produktive Kapazität eines Landes erweitern, indem Migranten erweitern die produktive Kapazität eines Landes sie Investitionen anregen und zu stärkerer Spezialisierung beitragen… Dies führt zu Effizienzvorteilen und das Einkommen je Arbeitskraft nimmt zu.“

Speziell in Deutschland könnte Migration die Lösung für gleich zwei große volkswirtschaftliche Probleme bedeuten, nämlich für den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung liegt in Deutschland bei über 20 Prozent und ist nirgendwo in der EU so hoch wie hier. 42 Prozent der deutschen Unternehmen haben nach einer Umfrage der Manpower Group Schwierigkeiten, ihre Stellen zu besetzen.

Eine neue globale Rolle für Deutschland

Mit Blick auf eine Zukunft, die von der Alterung der Bevölkerung und niedrigen Geburtenraten einerseits und andererseits von einer Kreativ-Ökonomie, die von kultureller Diversität stark profitiert, geprägt sein wird, ist die Zuwanderung nach Deutschland zu begrüßen. Und sie ist hoch: Kein anderes europäisches Land ist Wohnort so vieler Migranten wie Deutschland. Nach den USA und Russland ist es das drittgrößte Einwanderungsland der Welt. Obwohl hier keine nennenswerte Kolonialvergangenheit, wie etwa im Falle Portugal-Brasilien, den kulturellen Boden bereitet, und obwohl die deutsche Sprache berüchtigt ist für ihre Kompliziertheit, ist Deutschland so etwas wie eine Drehscheibe für internationale Wanderungsbewegungen geworden.

Die Herausforderung liegt darin, die Rolle, die Deutschland schon jetzt in einer globalisierten Welt spielt, in das deutsche Selbstverständnis zu integrieren. Denn alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Deutschland in Zukunft zu einer zentralen Drehscheibe für die weltweiten Migrationsströme werden wird. Darin liegt seine große Chance.

Quelle: Trend Update 03/2014

Literatur

Ian Goldin: Exceptional People. How Migration Shaped Our World and Will Define Our Future. Princeton University Press 2012

Statistisches Bundesamt: Datenreport 2013

Giovanni Peri: The Effect of Immigrants on U.S. Employment and Productivity. In: Federal Reserve Bank of San Francisco: Economic Letters, 30.08.2010

Demos: People Flow. 2011, www.demos.co.uk

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