Müssen wir etwas Radikales tun, um die Welt zu ändern?

Stephen Emmott hat in seinem Buch "10 Milliarden" eine Horrormeldung nach der anderen mit passenden Fotos und Daten verknüpft. Gegen Ende des Buches heißt es "Wenn wir eine globale Katastrophe verhindern wollen, müssen wir etwas Radikales....tun. Aber ich glaube nicht, dass wir das machen werden. Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten." Teilen Sie die Meinung ?

Stephen Emmotts kleines Untergangs-Buch führt auf dem Markt der Meinungen ein gespenstisches Leben. Es  ist bei Weitem kein klassischer Bestseller. Aber bei einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen  wirkt diese kleine Untergangsfibel wie eine fast religiöse Monstranz, ein Katechismus: GLAUBST DU ETWA NICHT AUCH, WAS HIER  STEHT?

Der Sound des Buches ist in der Tat betörend. Die Schwarz-Weiß-Bilder sorgfältig ausgesucht. Die erste Doppelseite: Eine Großstadt mit Hochhäusern. Autobahnkreuze. Löcher von Erzminen im Boden. Smog. Die Texte sind nur Fetzen, wenige Zeilen der düsteren Andeutung. Wälder sterben. Wasser wird knapp. Ressourcen gehen aus. Wir sind zu viele. Wir verderben die Welt.

Alle Kurven im Buch verlaufen von links unten nach rechts oben, wo sie exponentiell “explodieren”: Artensterben, CO2, Erwärmung der Weltmeere, Kohleverbrauch, Transport, vor allem das “exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung. “Wenn unsere heutige Reproduktionsrate bleibt, wird es in hundert Jahren 28 Milliarden von uns geben”, lautet eine der letzten Sätze im Buch. 

Emmott gibt sich als Systemforscher aus. Aber ALLE seine Thesen und raunenden Konjunktive leiden am klassischen Ur-Prognosefehler: Primitive Linearität.  

Nur ein Beispiel: Die weltweiten Geburtenraten gehen weltweit seit vielen Jahren zurück. Ständig. Kontinuierlich. Auch in den ärmeren Ländern. Nach den besten heute verfügbaren Modellen werden wir den “Human-Zenit” - also die höchste Anzahl jemals gleichzeitig auf der Erde lebender Menschen - um 2060 erreichen. Die Zahl der Weltbevölkerung wird dann bei wahrscheinlich knapp UNTER 10 Milliarden stagnieren. 

Ab dann wird die Menschenzahl wieder schrumpfen.

Auch 10 Milliarden Menschen kann unser Planet durchaus ernähren. Mit wenig mehr als der heutigen Landwirtschafts-Landfläche.

In der ersten Stunde seriöser Prognostik lernt man: Es gibt keine lineare Entwicklung. Jeder  Wandel  ist Teil eines komplexen  Systems, in dem Rekursionen, Rückkoppelungen und Selbststeuerungen existieren. Jeder Trend hat einen Gegentrend. Jede  Linie einen Tipping Point. Das ist das Gesetz der inneren Konnektivität. Das Wandlungs-Prinzip der Welt, auf das wir vertrauen dürfen. 

Neue Technologien und Sozialkontrakte  verändern die Bedingungen, auf denen eine Gerade “nach oben” verläuft. 

- Menschen sind in der Lage, neue (Produktions-Kommunikations-Denk-)Systeme zu entwickeln, die effektiver und effizienter sind. Oder die bestehenden zu verbessern. 

- Knappheiten verringern sich tendenziell mit der Komplexität von Systemen. 

Emmott ist, obwohl er ständig behauptet, sich um die Zukunft zu kümmern, ein Mann der tiefen Vergangenheit. Er predigt die These  des presbyterianischen Pfarrer MALTHUS aus dem 18. Jahrhundert. Malthus, ein frommer, zorniger Gottesmann, lebte Knappheiten verringern sich tendenziell mit der Komplexität von Systemen im Übergang von der feudalen Welt in die Industriegesellschaft. Er sah voraus, dass der Fortschritt die Lebenserwartung erhöhen würde.  Malthus wuchs in einer neunköpfigen Familie auf, und er konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals eine Welt geben könnte, in der die Menschen weniger Kinder bekämen. Deshalb hinterließ er der Welt die Grundformel der exponentiellen Katastrophe. 

Die Veröffentlichungen des Club of Rome in den 70er Jahren haben Malthus-Denken tief in jedem Schulbuch, jeder Talkshow, jeder Zukunfts-Debatte verankert.  Die Mär vom exponentiellen Wachstum und dem unausweichlichen ZUVIEL an Menschen durchdringt heute unseren Globalisierungsdiskurs.  Die xenophobe Angst davor, dass es nicht für alle reicht, lässt sich wunderbar grün anstreichen. 

Und genau das passiert heute im Zirkelschluss aus rechtem, reaktionärem und radikalökologischen Gedankengut. 

Stellen wir uns vor, ein Buch käme auf dem Markt, im dem die Zukunft der Menschheit und des Planeten angemessen komplex beschrieben wird.  In 50 - oder hundert - Jahren, werden “wir” in der Tat MEHR Menschen auf diesem Planeten sein. Aber nicht SEHR VIEL mehr. Es wird regionale Knappheiten geben, Konflikte, wie es immer in der Menschheitsgeschichte welche gab. Es wird Verlierer und Gewinner geben, wir werden immer noch kämpfen,  erfinden, irren - und manchmal versagen.

Aber wir werden in der Zwischenzeit auch verdammt viel gelernt haben.

Stellen wir uns vor, in einem solchen Zukunfts-Buch fänden sich Argumente von Hoffnung und Heilung. Der enorme globale Fortschritt, den die Menschheit, in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, würde nicht einfach als Täuschung oder Trick des Weltwährungsfonds abgetan, sondern Aber wir werden in der Zwischenzeit auch verdammt viel gelernt haben. mit Dankbarkeit anerkannt. Registriert würde zum Beispiel, dass im letzten Jahr die weltweite fossile CO2-Produktion zum ersten Mal nicht weiter anstieg. Dass der Autoverkehr in den USA seit 2008 deutlich zurückgeht. Dass deutliche Fortschritte gegen die weltweite Armut zu verzeichnen sind. Dass der Fleischkonsum in den Industrieländern seinen Zenit erreicht hat.  Dass die globalen Waldverluste heute sehr viel geringer sind, oder sich bereits in weltweiten Waldzuwachs verkehren. Dass der Anteil der erneuerbaren Energien drastisch steigt. Vor allem in China. Dass immer mehr Cradle-to-Cradle-Produkte auf   den Markt kommen, durch die Rohstoffketten zu effizienten Kreisläufen geschlossen werden.

Dass viele negative Trends ihre Richtung ändern.

Ein solches “Buch der komplexen Zukunft”  wäre würde wohl kein Erfolg. Denn wir sind die evolutionären Nachkommen von Menschen, die in wahrhaft prekären Verhältnissen lebten. Für ihr Überleben waren unsere Vorfahren darauf angewiesen waren, jedes Anzeichen für Gefahr frühzeitig wahrzunehmen. Wir sind, wie ein Kognitionsforscher etwas kompliziert formulierte, “Resonante Wesen, die unentwegt Angst von Kompetenzverlusten haben.”  Schlichter: Wir glauben, was viele andere glauben. Und wir fürchten, dass die Herden vom letzten Jahr nicht wiederkehren und der Nachbarstamm uns überfällt. 

Eine Welt, in der Knappheit nicht mehr über die Zukunft entscheidet, können wir uns deshalb kaum vorstellen. Aber versuchen wir trotzdem ein Denk-Experiment:

Stellen wir uns vor, Rohstoffe wären nicht  “demnächst  zu Ende” (wie wir es bis vor Kurzem noch z.B. über das Öl gedacht haben).  Die Möglichkeiten technisch-stofflicher Konversion steigen im Moment exponentiell. Aus jedem Müll lässt sich inzwischen - oder demnächst - Energie machen, aus (fast) jedem Stoff ein neuer. Dann wäre alleine die Gesamtenenergie entscheidend, um Entropie zu vermeiden. 

So, wie die Steinzeit nicht am Mangel an Steinen zu Ende ging, wird auch die Ära der fossilen Energien nicht durch Ölmangel enden. Die Energieeinstrahlung der Sonne auf unseren Planeten übersteigt das, was die Menschheit jemals verbrauchen kann, um das Hunderttausendfache. Solange die Sonne scheint, kann sich eine ständig erweiterte Morphologie der Moleküle entfalten, in der wir durchaus unseren Platz finden können. Wir wären dann keine “Schmarotzer an der Natur”. Sondern eine Spezies, die ihre Umwelt zunehmend gestaltet und moderiert.

Eine solche Vorstellung der Zukunft als Wandel ist in unserem angstgeprägten Knappheits-Modell schlicht undenkbar. Das liegt auch daran, dass lineare Denkmodelle eben so schön EINFACH sind. Aber es hat auch damit zu tun, dass es zu den beliebtesten Beschäftigungen unserer Psyche gehört, andere moralisch herabzusetzen. Genau das tun  Emmott und seine Jünger unentwegt: Durch den satten Klang der Apokalypse setzen sie sich in ein unveräusserliches,  tyrannisches Recht. 

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Auf der letzten Seite von “10 Milliarden” fragt Emmott einen “brillianten jungen Wissenschaftler,” was er denn angesichts der schrecklichen Lage der Welt zu tun gedenkt. Die Antwort:

“Ich werde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht!”

Das ist der letzte Satz des Buches. Man weiss nicht genau, ob es sich um eine echte Gewaltphantasie handelt. Oder um apokalyptische Arroganz, im Sinne von “ich wollte nur mal provozieren.”… 

“Etwas Radikales tun, um die Menschheit zu retten.” In der Geschichte wimmelt es von Beispielen, wie genau dies zu immer neuen Barbareien führte. Der dunkle Schatten der Weltreligionen stammt genau aus dieser Logik. Kein Terror-Regime kommt ohne den Wahn aus, die Menschheit vor einem Wie-auch-immer-Untergang zu schützen. 

Der Gulag-Kommunismus Nordkoreas bewahrt die Menschen vor kapitalistischer Dekadenz - und lässt sie in Arbeitslagern nachhaltig verhungern.

Putin will mit seinem grossrussischen Reich die Welt vor dem Westen und seiner Schwulenkultur schützen.

Der IS rettet die Menschheit und führt sie zu Allahs Größe,  indem er ihnen die Köpfe abschlägt und sie dadurch zu guten Moslems erzieht. 

Der Co-Pilot des Fluges German Wings 9525 tat etwas wahrhaft Radikales. Indem er seine eigene panische Zukunftslosigkeit - er konnte sich kein Leben ohne Pilotsein vorstellen - in monströse Annihilation umsetzte.  

Die Historikerin Eva Horn hat in ihrem Buch “Zukunft als Katastrophe” die psychologischen Dimensionen des Untergangsglaubens ausgelotet. Sie schildert, wie sich in der Endzeit-Projektion das narzisstische Ich zu ungeahnter Größe entfalten kann. 

„Die Bösen sterben, die Guten opfern sich, und die die Wertvollen werden gerettet. Das ist der mentale Sinn ALLER Untergänge. Seine Ordnungskraft.“, schreibt Horn. Und weiter: „Das grosse gemeinsame Ende gibt dem Einzelnen immerhin die Genugtuung , dass die Welt nach seinem Ende auch nicht mehr weitergehen wird. Hans Blumenberg bezeichnet die globale Katastrophe als den Zusammenfall von Lebenszeit und Weltzeit und die „Aufhebung des Ärgernisses, welches der Einzelne darin nimmt, dass die Welt über die Grenzen seiner Lebenszeit hinweg unberührt fortbesteht.”

Wie man ganz anders mit existentieller Furcht umgehen kann, zeigt ein magischer Film von Wim Wenders über den berühmten Fotographen Sebastiào Salgado. In “Das Salz der Erde” erleben wir den Horror der Welt aus erster Instanz. Salgado sah und dokumentierte Völkermorde, Vertreibungen, Umweltkatastrophen, Kriege. Nach diesem Horror hätte er sich leicht einfach zum Doomsayer erklären können. Mit vollem Recht das Vertrauen an die Zukunft endgültig aufgeben.

Salgado tat etwas anderes. Er forstete die versteppte Farm seines Grossvaters wieder auf. Mit zwei Millionen Bäumen. Wo nur Staub lag, erstreckt sich jetzt eine ganze Landschaft  voller Urwald, fließen Quellen, singen Vögel. 

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Literatur:

Wer den Emmottschen Derwisch austreiben möchte, kann auch mit diesem für die BBC produzierten Video des wunderbaren Zukunftsmenschen Hans Rosling beginnen. In “Don´t Panic” geht es um die gar nicht unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeiten des Positiven:

http://www.gapminder.org/videos/dont-panic-the-facts-about-population/

Eine gute Emmott-Kritik im GUARDIAN von Chris Godall findet sich hier:

www.theguardian.com/environment/2013/jul/09/stephen-emmott-population-book-misanthropic

Weitere Bücher für eine Untergangs-Entzugs-Kur:

Jonathan Porritt: The World we Made: Ein Rückblick aus dem Jahr 2050 auf die heutige Zeit - wie wir die Zukunft bewältigten. 

Cole/ Freemann/ Jahoda: Models of Doom - A critique of the Limits to Growth. Eine frühe, aber treffende Kritik an den Modellen des Club of Rome, erschien 1975 (antiquarisch noch erhältlich)

Peter Diamandis/ Steven Kotler: Abundance: The Future is better then you think. Ein bisschen amerikanisch-naiv, aber ein schönes Gegengift gegen die generelle Knappheitsthese.  

Annalee Newitz: Scatter, Adapt and Remember - How Humans will survive Mass Extincion. Doubleday 2012. Newitz geht das menschliche Überleben von einer ungewohnten Seite an: Von den Katastrophen selbst. Im Umgang mit existentiellen Gefahren entwickeln wir Resilienz - steile These!

Ein guter Gegenentwurf zu Emmott-Logik  im Sinne eines Prozess-Entwurfs: RUTH DEFRIES, ERLE ELLIS, F. STUART CHAPIN: Planetary Opportunities: A Social Contract for Global Change Science to Contribute to a Sustainable Future.

http://bioscience.oxfordjournals.org/content/62/6/603.abstract

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Zukunftsforschung

Dossier: Zukunftsforschung

Wird alles übel enden? Stehen uns Katastrophen und ökologische Zusammenbrüche bevor? Das denken heute viele, insbesondere in deutschsprachigen Kulturkreisen. Die Zukunftsforschung liefert Antworten auf diese Ängste durch neue “Modelle des scheinbar Nichtwahrscheinlichen”

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.