Overview-Effekt: Was uns der Blick auf die Erde lehrt

Im Vorfeld des Future Day 2018 haben wir uns mit Benjamin Grant unterhalten. Er wird uns in seinem Future-Day-Talk am 7. Juni mit atemberaubenden Satellitenbildern eine neue Perspektive auf die Welt und unsere Gesellschaft verschaffen. Im folgenden Interview führt er uns vorab schon einmal in den Overview-Effekt und die Ziele seiner Arbeit ein.

Future Day 2018 - Interview Benjamin Grant

Benjamin, wie gehen Sie an Zukunft heran?

Wenn ich über die Zukunft nachdenke, dann blicke ich sehr stark auf die Vergangenheit zurück. Ich sehe mir an, was bislang passiert ist und wie sich die Natur bereits entwickelt hat, um basierend darauf Vorstellungen zu entwickeln, was kommen wird. Ich versuche, auch gemeinsam mit meinem Publikum, eine langfristige Perspektive für den Planeten zu entwickeln. Ich ermutige die Menschen, das Big Picture ins Auge zu fassen, mit all den Faktoren, die auf die Umwelt einwirken. Sie sollen nicht nur an die nächste Woche oder das nächste Monat denken, sondern viele Jahre im Voraus. Wenn wir an Probleme wie Klimawandel, Überbevölkerung oder den Rohstoffmangel denken, dann ist eine langfristige Zukunftsperspektive essenziell. Im Moment gibt es zu diesem Thema sehr viele negative, melancholische Sichtweisen, aber ich denke, wir müssen das positiv angehen. Wenn wir clevere, langfristige Überlegungen anstellen, können wir auch zu guten Lösungen kommen.

Wie sehen Sie die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft?

Auf der einen Seite würde ich sagen, die Vergangenheit wiederholt sich. Auf der anderen Seite bemerke ich, dass wir in einer sehr unvorhersehbaren Zeit leben, die sich nicht mehr so stark an alte Muster hält, wie früher. Unsere Gesellschaft entwickelt sich exponentiell, viele neue Technologien machen alles zusätzlich unvorhersehbarer. Es ist also beides möglich, aber wie schon gesagt: Man muss einfach alle verfügbaren Informationen einbeziehen, um bestmögliche Prognosen zu erstellen.

Diese negative, melancholische Sichtweise, wie können wir sie aus den Köpfen der Menschen bringen und ihnen zeigen, dass sie Teil des Big Picture sind?

Die Menschen müssen auf ihr eigenes, individuelles Leben blicken und sehen, dass sie Einfluss haben. Meine Kunst ist getrieben vom Gedanken zu zeigen, was auf dem Planten vor sich geht. Wenn Sie über den Klimawandel oder Statistiken lesen, mag es Sie nicht sonderlich berühren, aber wenn Sie sehen, welchen Einfluss wir als Spezies haben, wie unser Wirken die Natur verändert, dann ändern Sie vielleicht Ihr tägliches Verhalten. Und wenn das auf einer breiten Basis passiert, viele Menschen ihr tägliches Verhalten ändern, dann tritt der massive Einfluss, den wir haben, zutage. Mit den neuen Technologien und cleveren Ideen können wir einen wirklichen Change herbeiführen, beginnen muss er aber auf individueller Ebene.

Mit Ihrer Arbeit versuchen Sie einen Teil dazu beizutragen.

Meine Arbeit ist keine Lösung, aber ich denke, sie bringt Menschen dazu, das Big Picture zu begreifen und darüber nachzudenken. Das „Daily Overview“-Projekt nutzt Satellitenbilder, um jene Orte auf der Welt zu zeigen, an denen Menschen den größten Impact haben. Die Inspiration davon kommt  aus der Raumfahrt der 1960er Jahre und vom sogenannten Overview-Effekt. Irgendwann sah ich ein Interview mit Astronauten, die die Erde aus dem Orbit oder von der ISS aus gesehen hatten. Sie erzählten vom Einfluss, den diese Erfahrung auf sie als Menschen hatte. Sie hatten auf den ganzen Planeten hinuntergeblickt, gesehen, wie fragil er ist, dass wir alle durch ihn verbunden sind. Und wenn das auf einer breiten Basis passiert, viele Menschen ihr tägliches Verhalten ändern, dann tritt auf den ganzen Planeten Wir müssen uns bewusst werden, dass das, was auf der einen Seite des Planeten passiert, die andere Seite beeinflusst hinuntergeblickt, gesehen, wie fragil er ist, dass wir alle durch ihn verbunden sind. Und vor allem war ihnen bewusst geworden, dass wir die Erde beschützen müssen. Durch die während des Apollo-Projekts entstandenen Bilder von der Erde wurde diese umfassende Perspektive auch der Bevölkerung zuteil. Meine Misson ist es heute, die Eindrücke, die solche Bilder erzeugen, einer breiten Masse zu ermöglichen. Die komplexen Hintergründe der faszinierenden Bilder in ein paar verständliche Sätze zu packen ist eine Herausforderung, aber das ist notwendig, um die Menschen zu einer tieferen Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema zu animieren. Dabei ist mir klar, dass ich mit dem Bild eines schönen Strandes sicherlich mehr Likes generieren kann, als mit dem eines Flüchtlingscamps. Aber es geht mir darum, das ganze Spektrum abzubilden: Gut und Schlecht, saubere und schmutzige Energie, positive und negative Entwicklungen. Ich sage nicht, woran wir Schuld sind, sondern zeige, wozu wir im Stande sind.

Wie sieht Ihre Utopie der Welt aus?

Es gibt einige große, offensichtliche Probleme, die gelöst werden müssen, dabei würde ich aber nicht von meiner persönlichen Utopie sprechen. Dass Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Nahrung, Energie, aber auch Dingen wie dem Internet haben, ist für die ganze Welt wichtig. Ich sehe aber auch, dass wir in einer Zeit leben, in der man sich wieder auf nationalistische Gedanken besinnt, während Phänomene wie der Klimawandel sich nicht an Grenzen halten. Wir versuchen Menschen daran zu hindern, Grenzen zu überschreiten, aber die Luftverschmutzung macht an der Grenze nicht Halt. Das sind globale Probleme, die in krassem Gegensatz zu den Tendenzen stehen, die aktuell auf der ganzen Welt ausgemacht werden können. Wir müssen größer denken, in Verbindungen. Wir müssen uns bewusst werden, dass das, was auf der einen Seite des Planeten passiert, die andere Seite beeinflusst.

Sie legen in Ihrer Arbeit einen starken Fokus auf die Umwelt, die Vermeidung von beispielsweise Plastik, etc. Viele Menschen assoziieren damit schnell Restriktionen.

Das Verhältnis von Restriktion gegenüber bewusster Entscheidungen ist ein interessanter Punkt. Ich glaube, dass dieses ‚Du darfst nicht ...’ nicht der richtige Weg für Innovation und die Entwicklung der Zukunft ist. Es geht darum, das Leben des Einzelnen durch Innovationen zu verbessern, die gleichzeitig auch besser für die Umwelt sind.

Future Day 2018 - Interview Benjamin Grant

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