Postwachstumsökonomie: Weniger ist mehr

Die Wachstumsparty ist vorbei. Nur der Rückbau des Industriemodells zu einer Postwachstumsökonomie ermöglicht sozial stabile und global faire Versorgungsstrukturen. 

Von Niko Paech (09/2015)

Um das Zwei-Grad-Klimaschutzziel bei 7 Milliarden Menschen zu erreichen, müsste jeder Erdbewohner seine Bedürfnisse im Rahmen eines individuellen CO2-Kontingents von nicht mehr als 2,7 Tonnen befriedigen können. In Deutschland verursacht jeder Mensch durchschnittlich 11 Tonnen CO2 pro Jahr. Seit dem grandiosen Scheitern „grüner“ Wachstumsträume und drohenden Ressourcenengpässen verbleibt als Option lediglich ein – gemessen an derzeitigen europäischen Verhältnissen – drastisch verkleinertes Industriesystem, erweitert um eine Regional- sowie eine Subsistenzökonomie. Wenn für jede erwachsene Person nach einer Halbierung der kommerziellen Ökonomie eine 20-Stunden-Beschäftigung verfügbar wäre, ließe sich damit immer noch eine sparsame Konsumausstattung finanzieren. Die nun freigestellten 20 Stunden könnten für handwerkliche Ergänzungsleistungen und kooperative Formen der Selbstversorgung verwendet werden. 

Gemeinschaftliche Nutzung: Wer Gebrauchsgegenstände mit anderen Personen teilt, trägt dazu bei, industrielle Herstellung durch soziale Beziehungen zu ersetzen. Doppelte Nutzung bedeutet halbierter Bedarf. Verschenkmärkte, Tauschbörsen, -ringe und -partys sind weitere Elemente. 

Verlängerte Nutzung: Wer durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick die Nutzungsdauer von Konsumobjekten erhöht – zuweilen reicht schon die achtsame Behandlung, um frühen Verschleiß zu vermeiden –, substituiert materielle Produktion durch eigene produktive Leistungen, ohne auf Konsumfunktionen zu verzichten. Wo es gelingt, die Nutzungsdauer durch Instandhaltung, Reparatur oder Umbau zu verdoppeln, könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden. Offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und Netzwerke des hierzu nötigen Leistungs- und Erfahrungstausches würden dazu beitragen, ein modernes Leben mit weniger Geld und Produktion zu ermöglichen.

Eigene Produktion: Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten, Dachgärten, Gemeinschaftsgärten und andere Formen der urbanen Landwirtschaft als Möglichkeit einer partiellen De-Industrialisierung. Künstlerische und handwerkliche Betätigungen reichen von der kreativen Wiederverwertung ausrangierter Gegenstände – z.B. zwei kaputte Computer ausschlachten, um daraus ein funktionsfähiges Gerät zu basteln – über selbst gefertigte Holz- oder Metallobjekte bis zur semi-professionellen Marke „Eigenbau“. 

Moderne Subsistenz bedeutet Autonomie, insbesondere sich durch subversive Taktiken unabhängig(er) von Geld- und Industrieversorgung zu machen. Das Rezept ist einfach: Industriegüter werden durch eigene Produktion ersetzt oder durch selbsttätige und kooperative Subsistenzleistungen „gestreckt“, um das Potenzial der Bedürfnisbefriedigung einer bestimmten Produktionsmenge zu vervielfachen. Dazu sind drei Ressourcen nötig: Erstens handwerkliches Improvisationsgeschick, künstlerische und substanzielle Kompetenzen. Zweitens eigene Zeitressourcen, denn manuelle Verrichtungen, die energie- und kapitalintensive Industrieproduktion ersetzen, sind entsprechend arbeitsintensiv. Drittens sind soziale Netze wichtig, damit sich verschiedene Neigungen und Talente synergetisch ergänzen können. 

Eine derart duale Versorgung steigert die Krisenresistenz und mindert den Wachstumsdruck, weil monetäres durch soziales Kapital ersetzt wird. Mit dem hierzu nötigen Übungsprogramm kann jede/r sofort beginnen. Wirtschaftspolitik wäre umzudefinieren: Nicht konsumtive Fremdversorgung durch Industrieproduktion, sondern die Befähigung zur autonomen Selbstversorgung müsste zum Leitbild werden. Eine für das 21. Jahrhundert taugliche Sozialpolitik kann sich nicht mehr allein auf Transferleistungen oder eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen beschränken; sie müsste vielmehr ökonomische Resilienz im Sinne von „Geldunabhängigkeit“ und somit Krisenrobustheit anstreben. 

Bildung und Erziehung könnten sich stärker an geldlosen Versorgungspraktiken, vor allem handwerklichen Befähigungen orientieren. Unternehmen könnten Reparaturkurse anbieten, um Instandhaltungswissen anstelle von Produkten anzubieten. Über politische Maßnahmen müsste gegen „geplante Obsoleszenz“ vorgegangen werden, damit aus hilflosen Konsumenten souveräne Reparateure werden. Aber anstatt auf Politik und Unternehmen zu warten, ließe sich auch fragen: Warum fangen wir nicht einfach an? 

Über den Autor

Prof. Dr. Niko Paech ist einer der prominentesten Vertreter der Postwachstumsökonomie. Er forscht und lehrt am Lehrstuhl Produktion und Umwelt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg u.a. in den Bereichen Klimaschutz, nachhaltiger Konsum, Umweltökonomik und Innovationsmanagement. Paech ist u.a. Autor des Buches “Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie”. 

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