Rumpelstilzchen des Zufalls

In "Antifragilität" plädiert Nassim Nicholas Taleb, der Advocatus Diaboli der Zukunftsforschung, für eine neue Offenheit gegenüber dem Chaos.

Von Matthias Horx (08/2016)

Es gibt Bücher, die vollkommen unleserlich sind, eitel geschrieben, mit schrägen Thesen. Und die man trotzdem "lesen" sollte, um die Welt besser zu verstehen. Nicholas Nassim Talebs "Antifragilität" gehört dazu. Ein 500-Seiten-Wutausbruch mit 3.500 Fußnoten. Ein strukturalistisch-philosophischer Rap!

Taleb, im Libanon geboren, arbeitete vor seiner Zweitkarriere in der Wissenschaft als Spezialist für komplexe Finanzderivate in mehreren Wall-Street-Unternehmen. Sein Buch "Der Schwarze Schwan" erschien kurz nach der Finanzkrise und begründete seinen Mythos. Die wahrhaft wichtigen Ereignisse – jene, die den Lauf der Geschichte ändern, so Talebs These – kommen immer aus einer Richtung, aus der man sie nicht erwartet. Taleb goss Hohn und Spott über seine Kollegen aus, die Börsenanalysten. Dem Publikum gefiel das als Ventil für die tiefe Enttäuschung, die durch die Krise entstanden war.

In "Antifragilität" entwirft Taleb nun eine evolutionäre Theorie des Zufalls. Er teilt das Universum auf: in Systeme, die fragil, instabil, störanfällig und bald schon verschwunden sein werden. Und "zufalls-affine" Systeme mit einer Art Hyper-Robustheit, die er "Anti-Fragilität" tauft.

"I want to live happily in a world I don’t understand", schreibt Taleb. Umarme den Zufall! Bejahe das Chaos! Sie sind nicht nur Störungen, sondern die eigentlichen Treiber der Veränderung. Und deshalb geht es nicht darum, die Zukunft vorauszusagen oder zu verstehen. Im Gegenteil: Schon der Versuch ist des Teufels! Im Kapitel "What kills me makes others stronger" führt er aus:

"Wir können das Verhältnis zwischen Fragilität, Irrtum und Anti-Fragilität wie folgt vereinfachen: Wenn du fragil bist, bist du davon abhängig, einem genau geplanten Kurs zu folgen, mit so wenig Abweichung wie möglich – weil Abweichungen immer mehr Nachteile als Vorteile bringen. Deshalb muss das Fragile immer sehr 'vor-aussagend' sein – und umgekehrt erzeugen fragile Systeme Vorhersagbarkeit. Wenn du nach Umwegen suchst, und du hast kein Problem mit Störungen, weil ihr Resultat immer willkommen ist, dann bis du antifragil."

Das lässt sich auf drei Sätze reduzieren:

  • Zukunft ist generell unvorhersagbar.
  • Alle Versuche, es dennoch zu tun, werden mit Aussterben geahndet.
  • Zukunft ist das Ergebnis der Auslese des Fragilen und des Überlebens des Antifragilen (Spontanen, Chaos-Affinen).

Das klingt wie eine Weltformel, eine Ideologie. Und ist auch so gemeint. Taleb ist ein glühender Vertreter der "Hormesis" (griech.: "Anregung, Anstoß"), die von Paracelsus formulierte Hypothese, dass geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen eine positive Wirkung auf den Organismus haben. Mit anderen Worten: Was uns nicht umbringt, macht uns härter!

Für die Zukunftsforschung ist Talebs Ansatz eine interessante Provokation. Begreift er doch die Prognose selbst als Wurzel allen Übels. Die Finanzsysteme der Welt gerieten in dem Moment in die Krise, als man versuchte, auch die letzten Risiken vorherzusagen und zu "hedgen".

Man kann Talebs Pamphlet als leidenschaftliche Rede für mehr Offenheit, Varianz und Kreativität lesen. Aber auch als Tea-Party-Wutanfall. In der Kulisse seines Denkens wartet falsch verstandener Darwinismus: Nur das Super-Fitte, Mega-Adaptive, ständig radikal Veränderungsbereite überlebt. In diesem Sinne ist Terrorismus adaptiv, Krebs erfolgreich, menschliche Verluste nicht nur logisch, sondern begrüßenswert. In einer solchen Welt müssten aber früher oder später nur noch Zufalls-Mikroben überleben, die sich unentwegt genetisch neu erfinden (und Steine, die dem Zufall nicht unterliegen).

Dass dieses Modell nicht stimmt, zeigt schon der erstaunliche Erfolg des Menschen. Unsere Spezies ist erfolgreich, weil wir in der Lage sind, beides zu vollbringen: die Zukunft vorauszuahnen und mit Unberechenbarkeiten umzugehen. Wie so viele Radikale hüpft Taleb auf einem Bein durch die Weltgeschichte, immer im Kreis herum. Ach wie schön, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß' ...

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.