KI: Angriff der Roboter?

Smarte Technologien und Künstliche Intelligenz werden unsere Welt verändern – nur wie? Drei Bücher entfalten Szenarien einer computerisierten Arbeitswelt von morgen.

Von Dr. Daniel Dettling (08/2016)

Flickr / Rog01 / Robot / CC-BY-SA 2.0

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge", wusste der griechische Philosoph Heraklit vor mehr als 2.500 Jahren. Das Internet und das Silicon Valley sind Kinder des Militärs. Anfangs war das Silicon Valley, Brutstätte digitaler Supermächte wie Facebook und Google, eine Außenstelle des US-Verteidigungsministeriums. Einer der großen Wegbereiter und Vordenker war Norbert Wiener. Er begründete am Ende des Zweiten Weltkriegs die neue Wissenschaft von der Kybernetik und versuchte, Realist zu bleiben. Auch in seiner letzten Schrift "Gott und Golem" warnte Wiener vor den "Apparate-Anbetern", die wie Goethes Zauberlehrling das Kennwort vergessen haben, mit dem sie ihren Zauber abstellen können.

Die Kybernetik als allgemeine Theorie der Maschinen beschreibt Thomas Rid in seinem neuen Buch "Maschinendämmerung". Rid forscht und lehrt in England am Departement of War Studies und ist Militärforscher. Den Aufstieg der Maschinen hält er für einen nützlichen Mythos. Die technologischen Versprechen sind bislang nie eingelöst worden. So verfolgte das Pentagon um die Jahrtausendwende mit dem "Cyberspace" eine neue Dimension des Krieges im All. Nicht die Maschinen übernehmen die Macht, sondern der kybernetische Mythos übernimmt die Macht. Nicht Mensch und Maschine verschmelzen, sondern Mythos und Maschine.

Rids gelungene kurze Geschichte der Kybernetik ist eine Geschichte des kreativen Scheiterns: Jeder Maschinenmythos erweckt entweder eine neue falsche Hoffnung auf eine friedlichere, gerechtere Welt oder schürt Ängste vor einer unkontrollierten Automatisierung lernender Maschinen, die den Menschen irgendwann ersetzen.

Das Zeitalter der Roboter, der Künstlichen Intelligenz und der Automatisierung sieht auch Martin Ford in seinem neuen Buch "Aufstieg der Roboter" kommen. Die Maschinen, so Ford, werden nicht nur unsere Produktivität steigern, sie werden sich selbst in Arbeiter verwandeln und die Menschen langfristig ersetzen. Die neue "arbeitslose Zukunft" habe gravierende sozialpolitische Folgen: Die Welt der Arbeit und des Kapitals verschwimmen mehr denn je.

Die Automatisierungswelle betrifft künftig nicht nur Transportunternehmen, Kreditsachbearbeiter, Versicherungsgutachter und Servicekräfte. Auch Führungskräfte und Vorgesetzte – von Ärzten über Anwälte bis zu Aufsichtsräte – können sich ihrer Rolle in Zukunft nicht mehr sicher sein: Sämtliche Routinetätigkeiten sind digitalisierbar und automatisierbar. Der durchschnittliche Stundenlohn eines Roboters liegt unter sechs Euro. Selbst in den Entwicklungs- und Schwellenländern lohnt sich ihr Einsatz bereits. Die Stagnation der Durchschnittslöhne in vielen westlichen Ländern gilt für Ford als Beleg, dass die Automatisierung der Arbeit bereits einen Effekt hat: Kein Bürojob ist mehr sicher.

Wird die Soziale in Zukunft von der Digitalen Marktwirtschaft ersetzt? Entwarnung liefert das Buch "Smarte Maschinen" von Ulrich Eberl. Für den langjährigen Leiter der Innovationskommunikation bei Siemens und heutigen Wissenschafts- und Technikjournalisten überwiegen die Vorteile der neuen smarten Arbeitswelt. In Zukunft werden wir uns gewöhnen an Roboter, die Häuser bauen, Artikel schreiben können und uns pflegen.

Eberl prognostiziert eine Rückkehr der nach China oder Indien ausgelagerten Jobs, weil diese nun von intelligenten Maschinen übernommen werden. Viel wichtiger wird es sein, nahe beim Kunden zu sein und möglichst flexibel und individuell zu produzieren. Wann und wo die Arbeit erledigt wird, wird an Bedeutung verlieren. Eberl sieht das Zeitalter der vernetzten virtuellen Teams kommen, der Anteil an Freiberuflern wird deutlich steigen. Die größte Herausforderung ist der Umbau unseres Bildungssystems. Kreativität wird zum Schlüssel der neuen digitalen Arbeitswelt.

Während der ersten Industriellen Revolution schrieb John Stuart Mill, dass es "kein legitimeres Anliegen für eine Regierung geben könne" als sich um den Lebensunterhalt derer zu kümmern, die durch Maschinen ersetzt werden. Auch Martin Ford befürwortet ein bedingungsloses steuerfinanziertes Grundeinkommen – und reiht sich damit ein in eine größer werdende Bewegung. Viele Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley und auch der Chef der Deutschen Telekom machen sich für die neue Sozialleistung stark. Finnland testet das Grundeinkommen derzeit als erstes Land und begründet das Experiment mit dem Vormarsch der Roboter.

Aber vielleicht kommt alles doch ganz anders. Bereits vor mehr als 50 Jahren macht der “Spiegel” mit dem Titel "Einzug der Roboter" auf und warnte vor der Ära der Automation. Wenige Jahre später erreichte das Computer-Zeitalter auch Deutschland, was dasselbe Magazin mit dem Titel begrüßte "Fortschritt macht arbeitslos." Auf dem Bild ist ein Roboter zu sehen, der einen Arbeiter packt und ihn zur Seite räumt. Erst die Revolution, dann die Exekution?

Die Automatisierung ist kein Fluch, sondern ein Segen für die Menschheit. Statt gegen die Maschine zu rennen und sie zu bekämpfen, sollten wir mit ihr laufen und kooperieren. Jede Tätigkeit, die eine Maschine machen kann, soll sie auch machen. Dazu haben wir sie entwickelt: Maschinen sollen uns mehr Zeit verschaffen, die wir für andere, sinnvollere Tätigkeiten nutzen können. Die wahre Tätigkeit des Menschen liegt in seiner Kreativität; die Reproduktion ist Sache der Maschine. Sicher: wir werden in Zukunft lernen müssen mit Robotern zusammenzuarbeiten. Dennoch bleibt die Maschine unser Werkzeug, unser Golem. Wir bleiben das Original. Der Preis, den wir am Ende zahlen müssen im Zeitalter der Maschinen und Roboter, ist ein anderer. Wir werden lernen müssen, was wir wirklich wollen. Können wir das?
Thomas Rid: Maschinendämmerung. Eine kurze Geschichte der Kybernetik. Propyläen Verlag, 2016
Martin Ford: Aufstieg der Roboter. Plassen Verlag, 2016
Ulrich Eberl: Smarte Maschinen. Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert. Hanser Verlag, 2016

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