Shades of Grey für Manager

"The Second Machine Age" von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee: Ein Buch über Arbeit und Wohlstand im Hyper-Zeitalter – zum Gruseln und Träumen

Von Matthias Horx (07/2016)

Es gibt Theorien, die nur deshalb plausibel erscheinen, weil sie so oft als ewige Wahrheiten wiederholt wurden, dass man irgendwann ermattet aufgibt, Einspruch zu erheben. Sei es das "Ende der Rohstoffe", das "Ende der Mittelschicht" oder die Mär vom "Ende der Arbeit". Seit Beginn der Industriegesellschaft wird die unheimliche Macht der Maschinen beschworen, die garantiert uns arme Menschen "überflüssig" machen wird.

Brynjolfsson und McAfee haben ihr Buch zum Thema mitten in der Finanzkrise geschrieben. Gutes Timing. Der Thesenkern rankt sich um die Behauptung, das "intelligente Technologie und Hyper-Vernetzung" in den nächsten Jahren Millionen Jobs "kosten" werden. Was einst in den Fabriken begann, so die These, befällt nun auch den Wissensbereich. Immer mehr kognitive Arbeit wird durch superkluge Computersysteme substituiert.

Wirklich? Man kann an vielen Berufen studieren, warum Arbeits-Substitutionsthesen meistens falsch sind – und die wahre Zukunft durch Rekursion statt Linearität entsteht. Es mag schon sein, dass zum Beispiel in einzelnen Teilbereichen der Medizin Rationalisierungsschübe bevorstehen. Aber gleichzeitig wird die Anzahl der Heil-Gurus exponentiell steigen. Dass Aktien heute durch Computer gekauft werden, heißt nur, dass die Anzahl halbseidener Finanzberater noch weiter steigt. Und bleibt der Lastwagenfahrer auf der Strecke, weil LKWs in Zukunft vollautomatisch fahren? Ich wette, dies wird erst dann passieren, wenn Männer, die Bock haben, auf dem Bock zu sitzen, weil sie nicht so gern zu Hause bei ihrer "Alten" sind, aussterben. Wann das sein wird? Ungefähr im Jahr 5467 ...

Das Buch ist technikgläubig, ein bisschen alarmistisch, aber auch auf jene schöne amerikanische Weise pathetisch, in der immer wieder "der menschliche Geist" beschworen wird. Das taugt zum Bestseller. Als Anregungsbuch lässt sich das Werk empfehlen. Aber auch als Illustration für die vielen aufgeregten Geek-Märchen, die auch im seriösen Management sehr beliebt sind, weil sie so süffig von einem Zukunfts-Kapitalismus ohne Gewerkschaften und störende Kundenwünsche erzählen. Hier kommt jeder auf seine Kosten. "Shades of Grey" für Management-Lesepublikum.

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.