Die Welt ist Schaum

Mit welchen Bildern lässt sich unsere hypervernetzte Welt beschreiben? Peter Sloterdijks Metapher des Schaums eröffnet neue, (be)greifbarere Deutungspotenziale.

Von Harry Gatterer (08/2016)

Alles ist Netzwerk: Wir kommen heute mit der Metapher des Netzwerks nicht mehr aus. Keine Frage, sie ist relevant. Wir leben in hoher Konnektivität – privat und beruflich. Und so langsam erhellt sich die Idee, dass sowieso alles mit allem in Verbindung steht. Dass wir sozusagen alle vernetzt mit allem sind. Was man lange nur spirituell erklären konnte, können wir heute beweisen. Die vernetzten Erfahrungen führen auch dazu, dass wir ein holistischeres Bild der Welt zumindest akzeptieren können. Wenn auch noch lange nicht verstehen.

Dem Verstehen hilft aber leider die so gewohnte Beschreibung der Zusammenhänge als Netzwerk nicht. Denn: Was ist ein Netzwerk? Man kann ahnen, was es ist. Und wir kennen natürlich die Bilder von Netzwerken – Punkte, die mit Linien verbunden sind. Aber wir können keine Sinnlichkeit aufbauen in Bezug auf Netzwerke. Wir können sie nicht spüren, ihnen nicht begegnen. Und: Netzwerke haben keine räumliche Dimension. Sie sind nicht vorstellbar, hinstellbar, begreifbar.

Deleuze und Guattari haben 1980 in ihrem Flaggschiff "Tausend Plateaus" ein Bild eingeführt, das schon griffiger ist: das "Rhizom". Dies ist de facto ein Netzwerk, das Pilzkulturen unterhalb der Erde bilden. Es besteht aus verbindenden Strängen und Knollen. Zum Teil, durch Pilze, auch an der Oberfläche sichtbar. Die beiden französischen Extrem-Denker haben dieses Bild entwickelt, ohne das Internet zu kennen. Das Rhizom ist ein echtes Pionier-Bild, das sich aber letztlich als Grundmetapher nicht halten konnte. Die Techniker und Programmierer des Internets konnten mit dieser biologischen Idee nicht viel anfangen. Was soll ein Organismus wie dieser mit dem "Web" zu tun haben? Daher ist das Rhizom bis heute ein Leckerbissen für Philosophie-Freaks – aber kein etabliertes Bild, das uns weiter bringen würde.

Um die Jahrtausendwende hat dann der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk einen Vorstoß gewagt, den ich selbst als äußerst beachtenswert empfinde. Er hat, um es kurz zu halten, die Idee einer Welt als Netzwerk verbannt und eine alternative Metapher eingeführt: den Schaum. Das Leitbild der Welt ist demnach nicht die Kugel, auf der wir leben, oder das Netzwerk, in dem wir uns bewegen, sondern der Schaum. Schaum in unterschiedlichen Dichtegraden und Ausführungen. Schaum kann total verhärten und sich zum Beispiel als Gebäude organisieren. Schaum kann aber auch fluide und spontan sein, fragil und angreifbar. Wie die Systeme, die wir errichtet haben.

Schaum hat dabei eine räumliche Dimension, die nicht wie beim Rhizom unsichtbar unter der Erde zu finden wäre. Das Netzwerk kann als Raum überhaupt nicht herhalten. Der Schaum inkludiert auch das verbindend Trennende. Die verbindende Negation. Im Schaum leben wir zwar jeder in einer Blase, sind durch die Wände der Blase vom anderen getrennt. Aber gleichzeitig entsteht dadurch auch Verbindung: Mein Außen ist auch das Außen eines anderen: Wir leben ko-isoliert, miteinander voneinander getrennt. Im Kern dieser Blasen steht jedoch die Dyade – die Zweisamkeit. Die innigste Berührung. Um diese herum sind die Blasen orchestriert und selbst-organisiert. Wenn wir uns bewegen, versetzen wir so unsere Blase in diverse andere Blasen-Arragements. Und immer wieder ist Trennung-Verbindung zu denken.

Das Verblüffende für mich an dem Bild des Schaums ist eben diese räumliche Dimension, gepaart mit den völlig diversen, möglichen Aggregatzuständen, die der Schaum einnehmen kann. Somit ist Agilität von Netzwerken in deutlich höherer Varianz gegeben, die verbindende und trennende Struktur ist im Schaum wesentlich komplexer erklärt als Netzwerke das können. Auch die Interaktion mit der Umwelt ist gegeben: Schaum-Wände sind interaktionsfähig und stehen immer in Bezug zur Umgebung. Und schließlich: Es ist dem Ort die richtige Dimension beschert. Denn Netzwerke lassen vermuten, dass der Ort keine Rolle spielen würde. Dabei ist selbst Wissen immer örtlich, immer in Blasen organisiert.

Für den Moment ist mir klar, dass die Metapher, die Sloterdijk in epischen Tiefen und Längen aufbaut, kaum eine Durchsetzungskraft erhalten wird. Was im Grunde auch der Forderung Sloterdijks nachkommt. Dennoch ist die inspirierende Kraft des Schaums für mich nicht mehr zu leugnen. Dort, wo gängige Modell-Versuche scheitern, kann der Schaum locker weiter gehen. Dort, wo bislang das Spüren fehlt, kann der Schaum exzessiv sinnlich erfahren werden. Das alles passt erstmal noch nicht in die Welt der glatten Oberflächen und schönen Netzwerk-Grafiken. Und schon gar nicht in die kühle Logik der Markt-Gestalter und Betriebswirte. Aber wer weiß: Vielleicht werden wir einst eine Metapher brauchen, die mehr bietet als die üblichen Erklärungsmuster. Dann hat uns Sloterdijk schon mal einen Anstoß gegeben. 

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Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.