Senior Robots: Die Pflege-Maschinen

Im Pflegesektor finden Roboter ihre Bestimmung: Sie werden nicht müde – und können sowohl Maschinen-Jobs als auch menschliche Aufgaben übernehmen.

Von Janine Seitz (06/2016)

Foto: © Aldebaran / www.aldebaran.com / Aldebaran Family

Sie sind längst unter uns, auch wenn sie uns nicht mit großen Kulleraugen anschauen und mit zarten Stimmen sprechen. Der Einsatz von Robotern gehört bereits in vielen Wirtschaftszweigen zum Alltag. Solange Roboter keine menschenähnlichen Züge haben, nutzen wir sie hierzulande als tatkräftige Helfer. Computerprogramme machen weniger Fehler, werden nicht müde oder schlecht gelaunt.

Auch im Pflegesektor nimmt die Automatisierung deshalb ihren Lauf. In 15 Jahren werden rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre alt sein, acht Prozent sogar über 80 Jahre. Die Anzahl von pflegebedürftigen Menschen wird um die Hälfte ansteigen. Was heute noch wie Zukunftsmusik klingt und heftige ethische Debatten hervorruft, wird dann Realität sein: der Einsatz von Robotern in der Altenpflege.

In Japan ist schon heute ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Da in Krankenhäusern und Seniorenheimen die Mitarbeiter fehlen, setzt man auf Pflegeroboter. So kommt im Pflegeheim Fuyo-En in Yokohama der Unterhaltungsroboter Parlo zum Einsatz. Der 40 Zentimeter große Roboter von der japanischen Firma Fuji Soft kann 365 Programme abspielen, z.B. Rhythmusspiele oder Rätselraten. Parlo zählt zu den Servicerobotern, denen eine glorreiche Zukunft prognostiziert wird.

Auch hierzulande bereiten sich Unternehmen bereits auf das Ausscheiden der geburtenstarken Generation der Babyboomer (Jahrgänge 1955 bis 1965) aus dem Arbeitsleben vor. Diese werden im Jahr 2030 älter als 65 Jahre sein. Szenarien gehen trotz sinkender Bevölkerungszahl (2030: ca. 77 Millionen) von wachsenden Krankenhausbehandlungen aus. Dabei werden Menschen bis 60 Jahre im Schnitt seltener im Vergleich zu heute ein Krankenhaus besuchen, die Über-60-Jährigen dafür häufiger. 3 bis 3,4 Millionen Menschen in Deutschland sind dann voraussichtlich pflegebedürftig, Tendenz weiter steigend.

In der Chirurgie sind Roboter bereits heute im Einsatz. Allein 2012 wurden nach Schätzungen des IFR weltweit 450.000 Operationen mit Medizinrobotern getätigt. Roboter im medizinischen und pflegerischen Bereich sollen Fachpersonal nicht ersetzen, sondern ihm unterstützend unter die Arme greifen. Schätzungen zufolge könnten im Jahr 2030 bis zu 500.000 Pflegekräfte alleine in Deutschland fehlen. Pflegepersonal wird nicht nur – wie die meisten sozialen Berufe – schlecht bezahlt, hinzu kommen die belastende Schichtdienst-Arbeit, Erkrankungen wie Rückenbeschwerden durch das Heben und Lagern von Patienten und Burn-out aufgrund der hohen psychischen Belastung. Auf hundert Über-80-Jährige kommen laut OECD schon heute gerade einmal elf Altenpfleger. Im europäischen Vergleich der Personalschlüssel in Krankenhäusern schneidet Deutschland zusammen mit Spanien am schlechtesten ab: Auf eine Pflegekraft kommen zehn Patienten.


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Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe spricht sogar von einem Pflegekollaps und hat in einer Meinungsumfrage festgestellt, dass in der ambulanten Pflege täglich 16, im Krankenhaus 23 und im Pflegeheim sogar 28 Personen betreut werden müssen. Roboter leisten hier nicht nur eine enorme Entlastung des Personals, sondern sorgen für eine angemessene Pflegequalität. Dabei werden ihre Dienste heute und in naher Zukunft weniger für die Unterhaltung benötigt, sondern um handfeste Tätigkeiten und Routinearbeiten auszuführen.

In der Immanuel Klinik Rüdersdorf bei Berlin können Transportroboter bis zu 500 Kilogramm schleppen. Sie bringen Essen, Sterilgut oder Wäsche zu den jeweiligen Stationen und legen dabei täglich bis zu 28 Kilometer zurück. Entwickelt wurden die Krankenhausroboter Transcar LTC 2 von der Schweizer Firma Swisslog. Sie sind in der Lage, Hindernisse zu erkennen, kurze Sätze wie „Bitte gehen Sie zur Seite“ zu sprechen und Aufzug zu fahren. Die Immanuel Klinik ist eine der modernsten deutschlandweit, in den Neubau aus dem Jahr 2009 wurde von Anfang an der Technikeinsatz integriert. Je mehr arbeitserleichternde Technik zum Alltag des Pflegepersonals gehört, desto höher wird die Bereitschaft der Krankenhausbetreiber, in die kostenintensive Anschaffung von Servicerobotern zu investieren – und desto größer ist auch die Akzeptanz seitens der Patienten.

Technologieunternehmen entwickelten bereits vor gut zehn Jahren die ersten Serviceroboter für den Einsatz im Pflegesektor, jetzt ist der Tipping-Point für die Nutzung erreicht. Der demografische Wandel steigert den Bedarf an Pflegepersonal und unterstützenden technischen Lösungen. Andererseits wanderten zahlreiche Krankenhausbetriebe von öffentlicher in private Hand und müssen sich den Kriterien der Wirtschaftlichkeit stellen. Kostenreduktion durch Personalabbau und sinkende Verweildauer von Patienten spitzen die Lage in der Pflege weiter zu. Robotersysteme, die Transporte erledigen und Botengänge übernehmen, sorgen langfristig für reduzierte Kosten. Zudem kommen künftig vermehrt Roboter mit Erinnerungsfunktion sowie zur Unterstützung und Überwachung von Regenerationsfortschritten zum Einsatz.

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