Silver Driver: Die Mobilität der neuen Alten

Die Generation 60+ identifiziert sich nicht mit dem immobilen Ruhestand. Die neuen Alten nehmen das Steuer in die Hand und werden zum Treiber der Mobilitätsmärkte.

Von Rosalie von Boch (06/2016)

Foto: iStock / antonellabozzini

Schwere Glieder, trübe Augen, schlechte Ohren: So fühlt es sich an, wenn man in einem Alterssimulationsanzug steckt. Ein Tremor-Generator lässt sogar die Hand wie bei einer Parkinson-Erkrankung zittern. Damit Ingenieure die Bedürfnisse älterer Fahrer besser nachvollziehen können, haben Wissenschaftler der TU Chemnitz einen Anzug entwickelt, der altersbedingte Einschränkungen simuliert. BMW, Audi, VW, Ford – sie alle nutzen ihn. Denn nur wer seine Produkte und Dienstleistungen auf die Silver Society ausrichtet, wird vom demografischen Wandel profitieren und zu den Trend-Gewinnern zählen.

Im Autoverkehr rücken die “Silver Driver” immer stärker in den Vordergrund. Schon jetzt sind ein Drittel der Neuwagenkäufer in Deutschland älter als 60 Jahre. Damit sind die Über-60-Jährigen heute deutlich mobiler als ihre Vorgängergenerationen. Eindimensionale Vorstellungen vom Rentnerdasein weichen individuellen Lebensformen – und die sind immer häufiger mobil. Denn Mobilität bedeutet Unabhängigkeit und Flexibilität. Doch jeder noch so aktive Best Ager spürt früher oder später den Zahn der Zeit – und eine eingeschränkte Beweglichkeit, eine verminderte Sicht und ein schlechteres Gehör wirken sich auf die Fahrtüchtigkeit aus. Die veränderten Mobilitätsbedürfnisse der Silver Driver werden zum Fokus vieler Neuentwicklungen und innovativer Lösungen in der Automobilindustrie.


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Um die Sicherheit und Selbstständigkeit der Generation 60+ im Verkehr so lange wie möglich zu garantieren, setzen Fahrzeughersteller auf vernetzte Technologien wie Stauassistenten, Einparkhilfen oder Notbremssysteme. Das neu konzipierte Sicherheitssystem Driver Focus von Continental etwa misst mittels Infrarotkameras die Aufmerksamkeitsspanne des Fahrers und macht durch Vibrationen im Sitz auf Gefahren aufmerksam. Forscher der BMW Group entwickeln im Rahmen des Forschungsprojekts "Smart Senior" einen Nothalteassistenten: Bei einem gesundheitlichen Notfall des Fahrers wechselt dieser in einen autonomen Fahrmodus und führt ein abgesichertes Nothaltemanöver durch. Rettungsdienste erhalten automatisch einen SOS-Notruf mitsamt der Fahrzeugposition sowie Herz- und Kreislaufdaten des Fahrers. Auch Ford entwickelte bereits einen "Heart Rate Monitoring Seat", der Gesundheitsdaten wie Herzschlag, Hauttemperatur oder Atemfrequenz misst.

Für den Erfolg solcher altersfreundlichen Produkte ist jedoch ein nahtlos integriertes Design ausschlaggebend. Ein Auto, das nach funktionalem Seniorenwagen aussieht, stößt bei keiner Kundengruppe auf Begeisterung. Der Wagen soll nicht das tatsächliche, sondern das subjektiv empfundene Alter widerspiegeln – und gefühltes und biologisches Alter klaffen immer weiter auseinander. "Wir berücksichtigen bei der Entwicklung die Bedürfnisse älterer Autofahrer, entwickeln aber bewusst kein Auto speziell für diese Zielgruppe", erklärt Günther Fischhaber, Innovationsmanager bei Audi. Denn: "Der Kunde will kein 'Old-Age-Produkt' – sei es noch so praktisch."

Die Lösung liegt im Universal Design. Autos wie der Golf-Sportwagen, die Mercedes B-Klasse und der BMW Zweier Active Tourer haben bei Silver Agern und jüngeren Zielgruppen Erfolg: Sie bieten Komfort, Sicherheit und Bequemlichkeit, ganz ohne Rentner-Design. Große Türöffnungen, hohe Sitzpositionen und weite Fensterfronten – was für die Silver Ager essenziell ist, bietet auch jüngeren Menschen Komfort im Alltag.

Nicht nur für die Automobilindustrie gilt künftig mehr denn je: Produkte, die nach Senioren-Handicap aussehen, werden bei den "jungen Alten" von heute und morgen nicht ankommen. Wer in der Silver Economy bestehen will, muss auf Universal Design setzen sowie auf hochindividuelle Produkte und Dienstleistungen, die auf eine alternde Gesellschaft jenseits von Rentnerklischees setzen.

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