Slow Creativity

Unter dem Druck von Globalisierung und Digitalisierung ordnet sich auch das Kreativgeschäft neu. Wie lässt sich größer planen – schneller kreativ sein – der nächste Hype produzieren? Auch das Nachwuchsproblem wird zur Aufgabe. Zeit, sich mehr Zeit zu nehmen? Für die Rückkehr zur Intuition?
Ein Essay aus der Perspektive eines jungen Agenturgründers – Gabriel Diakowski

Es heißt, die besten Ideen entstünden auf dem Klo. Oder beim Duschen. Manchmal funktioniert auch Spazierengehen oder Gitarrespielen. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, das Ziel kurz aus den Augen zu lassen, den Raum zu wechseln, sich Zeit zu nehmen, loszulassen. Denn die ersehnte Idee könnte wie von selbst kommen, plötzlich und unerwartet. Man muss die Großen der Kreativindustrie verstehen, wenn sie Arbeitsplätze zu Spielplätzen umbauen. Sie schaffen Raum für Ideen. Hirn- und Kreativitätsforscher geben ihnen recht. Kreativität braucht Freiheit, Spaß und Spiel. Aber woher kommen Ideen?

Wenn eine Idee ihre Schlagkraft nicht innerhalb drei Sekunden entfaltet hat – sagt die Daumenregel –, ist sie noch nicht am Punkt. Um sie auf den Punkt zu bringen, wird methodisch gearbeitet, beginnend mit einer klaren Problem- und Zieldefinition. Beide Formulierungen, sowohl die Problemstellung als auch die Zielsetzung, sollten kurz gehalten sein und am besten in einen einfachen Satz passen, einen Hauptsatz. Alles was länger ist als ein Hauptsatz, muss nachgeschärft werden. Denn je schärfer die Problemstellung, desto schneller nimmt die Zielsetzung Punktform an. Dieser „Punkt“ am Horizont erleichtert Führung und Teamwork.

Die Kommunikationsidee, der Slogan und die Headline müssen deshalb genauso „auf den Punkt“ gebracht werden wie Problemstellung und Zielsetzung. Doch ein Punkt kennt weder Raum noch Zeit, er hat weder eine dritte Dimension noch eine zweite. Das ständige Kürzen auf eine einzige Dimension reduziert unsere Wahrnehmung auf einen Tunnelblick. Kein Wunder also, wenn wir plötzlich ein Umweltproblem haben – im Tunnel sieht man keine Umwelt.

Europäer haben Geld, Afrikaner haben Zeit

Fünf Tage lang holperten wir im Auftrag einer Hilfsorganisation durch den Senegal: von Brunnen zu Brunnen, von Kornspeicher zu Kornspeicher, von Dorf zu Dorf. Ich war unterwegs, um Spendenprojekte zu filmen und aus den Aufnahmen einen Kinospot zu schneiden. Wie, wusste ich noch nicht, denn die Bilder gaben nichts her. Die Bäckerei war eine Lehmhütte, in der eine Beton-Mischmaschine stand. Schon am ersten Tag wurde ich nervös, weil in Afrika einfach nichts so aussieht, wie man es sich im Glashochhaus vorstellt. 


Slow Business 

Jahrzehntelang war das Streben nach Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung bestimmt. Entscheidungen im Management, Innovationsprozesse, Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze – wenn etwas zu lange dauerte, war es schlecht. Langsam wird jedoch klar: Zeitknappheit und Alltagsstress erlöst man nicht durch noch mehr Effizienz. In der Studie Slow Business signalisieren 8 Wirtschaftsbereiche die Absage an die alte, dem Ende entgegenrasende Beschleunigungsökonomie. Entdecken Sie in Slow Business, was Fortschritt ohne Schnelligkeit im Zeitalter der Achtsamkeit bedeutet.

Mehr über diese Studie

Das perfekte Zeitgefühl der Intuition 

Wir waren mit einem Top-down-Ansatz aus dem Glashochhaus nach Afrika aufgebrochen. Doch die Wirklichkeit, die wir uns vorgestellt hatten, hat mit Afrika nichts zu tun. Unsere Vorstellung war nicht regional genug, unser Plan ein im Fast-Creativity-Verfahren manipulierter Same, der auf afrikanischem Boden nicht keimt. Erst als ich mich auf die Wirklichkeit vor Ort einließ, die lokale Zeit und Raum Slow Creativity wirkt unmittelbarer, authentischer und hinterlässt einen tieferen Eindruck. betrat, schwitzend, aber entspannt auf der Ladefläche eines durch den Busch holpernden Jeeps, kam mir meine Intuition zu Hilfe. Im Bottom-up-Verfahren kreuzte sie den Slogan der österreichischen Hilfsorganisation mit der Wirklichkeit afrikanischer Dorfbewohner. Was dabei herauskam, hatte ich selbst noch nie gesehen. Der Spot wuchs organisch. Ich brachte eine ungesehene Frucht mit nach Hause. Das beeindruckte die Marketingleiterin so sehr, dass wir das Konzept auf drei weitere Spots ausdehnten. Das zweite Mal fuhren wir in ein Roma-Dorf in Slowenien, das dritte Mal quer durch österreichische Hilfseinrichtungen. Jeder Spot wurde zu einer Kreuzung aus Slogan und regionaler Wirklichkeit. Ich wusste nie, was passieren würde, war mehr Zeuge als Regisseur. Heute weiß ich, dass das Experiment das ideale Medium für Slow Creativity ist. Es öffnet das Bewusstsein für Zeit und Raum und weckt die Intuition.

Vom Objekt zum Subjekt

Die Kunst von Slow Creativity besteht nicht darin, einen Film zu erfinden. Das wäre Top-down, das wäre Fast Creativity. Die Kunst von Slow Creativity besteht vielmehr darin, einen Film zu finden, sein Bewusstsein dabei zu beobachten, wie es sich selbst eine Geschichte erzählt, zum Kameramann zu werden, dessen Regisseur irgendwo im Unbewussten sitzt, sich wie ein Dokumentarfilmer durchs Büro zu bewegen, im Bewusstsein dessen, dass man sich in einem Spielfilm befindet. In diesem sprachlosen Bewusstsein von Zeit und Raum, von Entschleunigung und Regionalität, kommen Ideen, die im Punktkrieg verloren gehen. Sie wirken unmittelbarer, authentischer und hinterlassen tieferen Eindruck.

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