Slow Design

Seit Längerem ist unsere Gesellschaft von einem spürbaren Wertewandel geprägt. So sehr die Individualisierung eine Vielfalt an Lebens- und Konsumstilen erzeugt, so sehr sorgt sie auch für eine Pluralisierung der Werte und ein verändertes Qualitätsverständnis in Sachen Design. 

Von Christian Rauch

In den gesättigten Märkten des Massenkonsums verändert sich zunehmend der Wohlstandsbegriff: Es geht immer weniger um altes Statusdenken, Protz und Prestige. Was zählt, sind Zeitautonomie, individuelles Wohlergehen und Lebensqualität. Zugleich hinterfragen Konsumenten immer öfter, wie und wo Waren produziert werden, woher die Rohstoffe und Materialien stammen, welche Auswirkungen die Produktion auf die Umwelt und den Menschen hat.

Selfmade als neues Statussymbol

Mehr denn je bestimmt die Suche nach Individualität die Ansprüche der Konsumenten. Auch der Do-it-yourself-Trend ist Teil dieser Entwicklung. Das Selbermachen ist inzwischen selbstbewusster Ausdruck dieser neuen Werthaltung. Laut Verbrauchs- und Medienanalyse (VuMA 2016) stricken, häkeln oder schneidern allein in Deutschland über 18,6 Millionen Menschen in ihrer Freizeit – wenn nicht wenigstens einmal im Monat, dann zumindest von Zeit zu Zeit. Das sind 1,6 Millionen mehr als noch 2013. Was einst als Hobby von Großmüttern galt, ist heute Charakteristikum eines modernen Lebensstils und aktuellen Zeitgeistes. Mehr noch: „Selfmade“ ist zum Statussymbol geworden, das für ein verändertes Designverständnis und Konsumbewusstsein steht – jenseits von rein materiellem Reichtum. 

Der Wert des Wertvollen

Zugleich sind mit hand- und selbstgefertigten Dingen natürlich auch klare materielle Werte verbunden. Allein der Gesamtmarkt für Handarbeitsbedarf belief sich laut des Verbands der führenden Anbieter der Handarbeitsbranche in Deutschland 2015 auf knapp 1,3 Milliarden Euro. Davon allein 475 Millionen Euro für Stoffe – Tendenz steigend. Beim Slow Design geht es nicht um Kostenersparnis. Neben dem ideellen Wert etwa eines selbstgestrickten Pullovers oder handgefertigter Möbel sind allein die einzelnen Materialien oft teurer (mitunter um ein Vielfaches) als ein vergleichbares, qualitativ gutes, industriell gefertigtes Produkt aus dem Handel. Insofern tragen die hochwertigen, ausgewählten, besonderen, zum Teil seltenen Materialien zum „Slow Luxury“ bei, der handgefertigte und selbstgemachte Erzeugnisse auszeichnet. Das ist auch ein klarer Unterschied zu früheren Zeiten, als Handarbeit eher Subsistenzwirtschaft war, die günstigere Alternative zum Kauf. Heute ist sie teure Statusarbeit, die leicht mal ein Vielfaches des Ladenpreises erreicht.


Slow Business 

Jahrzehntelang war das Streben nach Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung bestimmt. Entscheidungen im Management, Innovationsprozesse, Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze – wenn etwas zu lange dauerte, war es schlecht. Langsam wird jedoch klar: Zeitknappheit und Alltagsstress erlöst man nicht durch noch mehr Effizienz. In der Studie Slow Business signalisieren 8 Wirtschaftsbereiche die Absage an die alte, dem Ende entgegenrasende Beschleunigungsökonomie. Entdecken Sie in Slow Business, was Fortschritt ohne Schnelligkeit im Zeitalter der Achtsamkeit bedeutet.

Mehr über diese Studie

Gesunde Mode: von Fast Fashion zu Slow Fashion

Handarbeit steht nicht für einen deutlichen Wertewandel, für den Ausbruch aus der Massenmarktökonomie. Handarbeit im Modebereich ist „Slow Fashion“ in Reinkultur: Zeitwohlstand, Wissen, Können, Kennerschaft, Geduld ebenso wie Entspannung. Sie ist für viele die Entschleunigung, die wir uns mehr denn je wünschen. Die Sehnsucht nach der Auszeit und dem Ausgleich zu den stressigen Tätigkeiten der modernen Arbeitswelt Online-Plattformen und kollaborative Businessmodelle sind dabei eine Basis für Weiterentwicklung und neue Wertschöpfung. ist immerhin für knapp die Hälfte derjenigen, die sich mit Do-it-yourself-Aktivitäten beschäftigen, ein zentraler Antrieb. Die Tatsache, dass sich das Selbermachen von der Nische zum Mainstream entwickelt, ist kein Widerspruch zur neuen besonderen Wertschätzung. Im Gegenteil: Der Trend sorgt vielmehr dafür, dass es ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein, eine breitere Öffentlichkeit für die neuen Qualitä­ten des Selfmade-Luxus gibt. Handgefertigte Produkte sind inzwischen für immer mehr Menschen die Antwort auf die immer öfter gestellte Sinnfrage – gerade im Mode- und Textilsegment – und dem lauteren Ruf nach „Fair Fashion“.

Slow sorgt für neue Designkonzept 

Materialwahl, Weiterverarbeitung, Lebenszyklus – über 80 bis 90 Prozent des Umwelteinflusses eines Produktes wird heute bereits im Designprozess entschieden. Produktlösungen, die Materialien möglichst lange in Stoffkreisläufen zirkulieren lassen, gewinnen an Bedeutung. Ressourceneffizienz wird zur Leitdevise im 21. Jahrhundert. Im Design gelingt das beispielsweise durch Cradle-to-­Cradle-­Konzepte (Braungart/McDonough 2014). In den nächsten Jahrzehnten wird sich das Denken in Wertstoffkreisläufen und Produktlebenszyklen massiv durchsetzen. Es wird zum wichtigsten Treiber für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Denn verbunden sind damit nicht nur ökologische Ziele, sondern klare ökonomische Chancen. 

Upcycling läutet als Weiterentwicklung des Recyclings eine neue Ära in der Kreislaufökonomie ein. Mit dem Ziel der Abfallvermeidung werden alte, gebrauchte Materialien und unbrauchbar gewordene Dinge zur Schaffung neuer, nützlicher Produkte verwendet – oft mit einer innovativen Ästhetik und individuellem Style. Recycling war bisher häufig eher ein „Downcycling“, weil unbrauchbar gewordene Produkte mit relativ hohem Energieaufwand einem niedrigeren Verarbeitungsniveau zugeführt wurden, um sie anschließend neu zu verarbeiten. Im Gegensatz dazu geht es beim Upcycling um die Aufbereitung oder Umgestaltung entsorgter Materialien und Produkte, um sie auf eine höhere Stufe im Produktionskreislauf zu heben, sie einer neuen Nutzung zuzuführen und so in ihrem Wert zu steigern. Cooles Design, Kreativität und Individualität spielen dabei ebenso eine Rolle wie ökologisches Bewusstsein und Profitabilität. 

Online-Plattformen und kollaborative Businessmodelle sind dabei eine Basis für Weiterentwicklung und neue Wertschöpfung. Die Öffnung für Produktinnovationen und neue Vertriebswege über digitale Vernetzung steht nicht im Widerspruch zu ehrlicher Ansprache, Authentizität und hoher Qualität. Im Gegenteil: Durch strategische Partnerschaften und die Kraft sozialer Netzwerke lässt sich eine Breitenwirkung erreichen, von der Hersteller, Händler und letztlich die gesamte Designbranche profitieren werden

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Achtsamkeit

Dossier: Achtsamkeit

In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen. Unsicherheit, Disruptionswahn und Big-Data-Hype treiben daher einen starken Gegentrend voran: Achtsamkeit. Dieser Mindshift wird auch für Unternehmen zum Maßstab der Zukunftshandelns.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Christian Rauch

Der Soziologe arbeitet seit 2005 als Trend- und Zukunftsforscher am Zukunftsinstitut. Er verantwortet Forschungsprojekte für Unternehmen unterschiedlicher Branchen sowie Trendanalysen und Studien. Rauch ist Geschäftsleiter des Frankfurter Büros.