Social Entrepreneurship will gelernt sein

Lösungen für gesellschaftliche Probleme statt Gewinnmaximierung: Wie die Social-Entrepreneurship-Bildung in Schulen junge Menschen besser auf die Welt von Morgen vorbereiten kann.

Von Melanie Akerboom (06/2017)

Unsplash / Alexis Brown / CC0

Social Entrepreneurship wird nicht nur weltweit bekannter, sondern auch mehr und mehr gefördert. Beobachten lässt sich dies durch das zunehmende Bildungsangebot im universitären Bereich und bei Online-Kurs-Anbietern wie Coursera und NovoEd. Auch auf Crowdfunding Plattformen wie Startnext tummeln sich immer mehr Social-Business-Projekte.

Social-Entrepreneurship-Bildung in Deutschland

Auch in Deutschland tut sich was im Bereich Social-Entrepreneurship-Bildung, sowohl auf formeller wie auch auf informeller Ebene. So bietet zum Beispiel die Social Entrepreneurship Akademie (SEA) in München, die 2010 als Netzwerk-Organisation von vier Münchner Hochschulen gegründet wurde, ein zweijähriges studien- und berufsbegleitendes Zertifikationsprogramm (ZGI) an. In dem Programm werden unter anderem sozial-innovative Geschäftsmodelle entwickelt und kreative Kompetenzen, Methoden und unternehmerisches Denken vermittelt.

Das ZGI:lab ist dagegen ein anerkanntes Praxisseminar für Master-Studierende der Technischen Universität München (TUM) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften München (HM). In dem Praxisseminar erarbeiten Studierende in Projektgruppen an konkreten Lösungsansätzen für Herausforderungen realer Social Startups und begleiten diese während des Seminarzeitraums. So erlangen Studierende nicht nur theoretisches Wissen, sondern erhalten auch einen praxisbezogenen Einblick. Weitere Angebote der SEA sind ein zweitägiger Intensivkurs (ZGI:kompakt) für Studierende aller Fachrichtungen, die Global Entrepreneurship Summer School für Studierende aus aller Welt und ein MOOC, der 2016 in Kooperation mit SAP aufgesetzt wurde. Typisch für Soziales Unternehmertum sind diese Angebote in Kooperation mit Partnern entstanden und nicht in Isolation.

Ein anderes Beispiel ist The Do School, die nicht nur in Deutschland, sondern international agiert. Das einjährige „Entrepreneurship For Good“-Programm richtet sich an angehende und internationale Sozialunternehmer. Fellows lernen in einer zehnwöchigen Inkubationsphase (in Berlin oder New York) die wichtigsten Skills für die Entwicklung ihres Sozialunternehmens. Auch hier wird ein praxisnaher Ansatz gewählt, in dem die Fellows an einer realen Herausforderung eines Unternehmens arbeiten, wie beispielsweise der H&M-„Future of Work Challenge“. Im Anschluss an die Inkubationsphase und die Rückkehr der Fellows in ihre Heimatländer werden sie durch Mentoring und eine Online-Plattform weiterhin unterstützt. In Zusammenarbeit mit der Universität Oxford in England und der Tsinghua Universität in China hat The Do School auch Programme für Studierende entwickelt.

Neben dem Angebot für Studierende gibt es in Deutschland auch Inkubatoren für angehende Sozialunternehmer. Die Social Impact Labs von Social Impact bieten sozial-innovativen Gründern über einen Zeitraum von bis zu acht Monaten professionelle Gründungsunterstützung – Workshops, Coaching, Mentoring und einen Co-Working-Arbeitsplatz inklusive. Im Co-Working können sich die sozialen Gründungswilligen mit Gleichgesinnten vernetzen und austauschen. Peer-Exchange – voneinander lernen und profitieren – wird dabei groß geschrieben. Mit verschiedenen Partnern bietet Social Impact diese Stipendien-Programme in Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt, Duisburg und Stuttgart an.

Verwunderlich ist jedoch, dass das Thema Social Entrepreneurship bisher noch nicht im Schulkontext und somit in der Grundausbildung zu finden ist. Bisherige Angebote sind darauf ausgerichtet, Menschen mit konkreten Gründungsvorhaben zu fördern. Aber was ist mit denjenigen, die noch nie was von Social Entrepreneurship gehört haben oder es nicht richtig verstehen? Sollten junge Menschen nicht schon vor ihrer Berufswahl wissen, dass es neben dem klassisch profitorientierten Unternehmen auch Sozialunternehmen gibt, bei denen es vordergründig um das Lösen von gesellschaftlichen Problemen geht?

Ein Blick über den Tellerrand

In anderen Ländern hat es Social Entrepreneurship bereits – zumindest teilweise – in die Schule und auf den Lehrplan geschafft. Ein Beispiel ist InspirEngage International aus England mit Angeboten für Grund- und Sekundarschulen. Auch das Programm „Social Enterprise in Education“ der Social Entrepreneurship Academy in Schottland ist hier zu nennen, das sogar durch die schottische Regierung ermöglicht wird. Statt lediglich theoretisches Wissen zu vermitteln, gründen Schüler mit Hilfe von Lehrern und Eltern ein reales Soziales Unternehmen. Das Programm wurde bis dato an 550 Schulen mit mehr als 1.000 Lehrern durchgeführt und wird aktuell in Australien und Südafrika pilotiert.

CEOs of Tomorrow aus Wisconsin in den USA bietet neben Social-Entrepreneurship-Workshops und -Camps für junge Menschen auch Trainings für Erwachsene, die mit jungen Menschen arbeiten. Die Formate sind den Unterrichtsfächern Mathe, Alphabetisierung und Entrepreneurship angepasst.

Mit Social Innovation Meets School haben wir 2016 in Berlin mit einem ähnlichen Ansatz begonnen und Workshops an Schulen und während eines Jugendcamps durchgeführt. Das langfristige Ziel: Social Entrepreneurship und nachhaltiges Wirtschaften in Deutschland bekannter machen. Wir wollen jungen Menschen zeigen, dass soziales Unternehmertum zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt – und eine Karriereoption sein kann. Zugleich möchten wir jungen Menschen wichtige und praxisrelevante Fähigkeiten und Kompetenzen für die Zukunft vermitteln, etwa Teamarbeit, lösungsorientiertes Denken und verantwortliches Handeln.

Doch wir sind nicht die Ersten und Einzigen in Deutschland: Um die Vermittlung wirtschaftlicher und unternehmerischer Grundlagen zu fördern, wurde vom Bundeswirtschaftsministerium und verschiedener Partner die Online-Initiative „Unternehmergeist in die Schulen“ gestartet. Auch mit der Jugendinitiative „Changemaker School“ von Ashoka Deutschland gibt es schon erste Ansätze, Social Entrepreneurship an die Schulen zu bringen und eine Changemaker-Kultur zu etablieren.

Warum Social Entrepreneurship an die Schulen bringen?

Es geht nicht vorrangig darum, die Social Entrepreneurs von morgen zu kreieren, sondern vor allem: junge Menschen besser auf die Welt von Morgen vorzubereiten. In einer Welt, in der Wissen jederzeit digital abrufbar ist, und in Zeiten des rasanten Wandels werden soziale Fähigkeiten und Kompetenzen immer wichtiger für Wirtschaft und Gesellschaft. Es kommen immer größere gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen auf uns zu, für die es nachhaltige Strategien und innovative Lösungen braucht. Das heißt unter anderem auch, dass Schule verstärkt Fähigkeiten und Kompetenzen fördern muss, die in Zukunft nicht von Maschinen ersetzbar sein werden: Problemlösekompetenz, Kreativität, Flexibilität, Empathie, Gestaltungswillen.

Eingebettet im Lehrplan, würde Social Entrepreneurship nicht nur diese wichtigen „21st Century Skills“ fördern, sondern auch den Gründergeist stärken – und damit wirtschaftliches Wachstum in Deutschland. Schon ein Blick in den Länderbericht Deutschland des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) von 2016 zeigt: Vor allem in der schulischen Grundausbildung steckt noch viel Potenzial.

Über die Autorin

Melanie Akerboom ist Bloggerin und Initiatorin von „Social Innovation Meets School“. Seit 2015 arbeitet sie im Social Impact Lab Berlin, einen Inkubator für Sozialunternehmen in der Gründungsphase. Zuvor war sie an der Stenden Universität in Südafrika als Tutor in den Bereichen Entrepreneurship und Innovative Tourism tätig, gründete die Studenten-Organisation Enactus Stenden SA und schloss einen Master in Social Entrepreneurship an der Goldsmiths University of London ab.

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