Gemeinsam höher, schneller, weiter

Mit Apps und Tracking-Software bewegen sich Sportler permanent in einer Daten-Cloud – und können so zugleich individualisiert und gemeinschaftlich trainieren

Quelle: TREND UPDATE 02/2015

Sport war schon immer mehr als nur Fitness. Ob der Jahn’sche Turn-, der Arbeiter- oder der studentische Sportverein – neben dem Trainieren des Körpers ging es stets auch um das Erlebnis von Gemeinschaft. Der Verein war und ist ein Ort, der immer auch ein Stück (Alltags-)Kultur hervorgebracht hat, mit der sich die Mitglieder – und seine Fans – identifizieren können. Nichtsdestotrotz sind Sportvereine in den letzten zwanzig Jahren im Zuge des Megatrends Individualisierung immer unattraktiver geworden: zu unflexibel, stationär und exklusiv das Sportangebot. Und so waren es ab den 1990er-Jahren insbesondere die Fitnessstudios, die ein flexibleres und effizienteres Work-out anboten. Doch dort fehlt das, was den Sportverein so attraktiv macht: Gemeinschaftserleben.

Dieses Entweder-oder, Gemeinschaft oder flexibles Work-out, wird nun seit Mitte der 2000er-Jahre durch eine neue Form des Sportmachens in ein Sowohl-als-auch überführt: Wir nennen es Cloud-Fitness. Mit Hilfe von mobilen digitalen Endgeräten, Trackingsoftware, Apps und Social Media ist es mittlerweile möglich, orts- und zeitflexible Fitness und Gemeinschaftserleben zu verbinden. Hierfür bewegen sich die Individuen quasi permanent in einer Daten- und Personencloud.

Cloud-Fitness: Die Symbiose aus Fitnessstudio und Sportverein

Während der Besuch von Fitnessstudios in Deutschland seit 2012 leicht zurückgeht – die Zahl der Besucher, die mindestens selten ins Fitnessstudio gehen, schrumpfte von 2012 bis 2014 von 16,9 Prozent Hybride Gemeinschaften helfen sich sowohl face-to-face im konkreten Training als auch online auf 16,2 Prozent und die Zahl der Nichtbenutzer stieg von 52,54 Prozent auf 54,45 Prozent (VuMa 2014) –, hat Cloud-Fitness in den letzten Jahren massiv an Fahrt aufgenommen. Bei RunKeeper etwa, einem 2007 in Boston gegründeten Startup für Running-Apps, meldeten sich allein 2012 fünf Millionen und 2013 zehn Millionen neue User an. Mittlerweile besteht die Community aus etwa 30 Millionen Usern. Eine ähnliche Erfolgs- geschichte legte das Linzer Unternehmen Runtastic hin, dessen Apps 2014 insgesamt von rund 40 Millionen Usern genutzt werden (Computerwelt 2014). Nimmt man allein die fünf größten Cloud-Fitness-Anbieter, so kommt man auf etwa 150 Millionen Nutzer. Damit ist das Konzept der Cloud-Fitness in nur wenigen Jahren so wirkmächtig geworden, dass es die Zukunft der Fitness, vielleicht sogar des Sports allgemein nachhaltig beeinflussen wird.

Wie funktioniert Cloud-Fitness? Tracking-Systeme zeichnen die sportliche Performance der Nutzer auf – also z.B. wie viele Meter sie in welcher Zeit gelaufen sind, in welchem Tempo wie viele Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt wurden oder wie viele Sit-ups jemand gemacht hat. Aus diesen Daten generieren sich dann die individuellen Trainingspläne. Doch auch die Community ist wichtig: Das Selbst-Coaching auf Grundlage einer Me-Cloud ist in vielerlei Hinsicht in eine aktive Sportcommunity eingebunden: Zum einen können andere User sportliche Performances auf der jeweiligen Internetplattform oder auf Social-Media-Seiten wie Facebook kommentieren, und die Freizeitsportler können sich, teils auch live, gegenseitig anfeuern. Sie sind somit in eine Cheer-up-Community eingebunden, die sie idealerweise immer wieder aufs Neue motiviert und pusht. Zum anderen tauschen sich die Nutzer über Fragen aus zu den Themen Sport und Gesundheit. Was früher vor allem Aufgabe des Coaches war, der aus einer Autoritätsposition heraus Anweisungen und Ratschläge gab, fällt hier der Community als egalitärer Austauschsgemeinschaft zu. Und nicht zuletzt sind die Mitglieder füreinander auch als reale Trainingspartner da. Ganz im Sinne des Megatrends Konnektivität haben wir es hier also mit hybriden Gemeinschaften zu tun, die sich sowohl face-to-face in konkreten Trainings als auch online helfen, die einander anfeuern und unterstützen.


Unsere Studie "Sportivity"

Von Sport zu Sportivity: In Zukunft wird es nicht mehr um Rekorde gehen, sondern um Sport als Lebensgefühl. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wird sich ein komplett neues sportliches Universum schaffen. Sport wird Bedürfnisse aller Art bedienen und einen riesigen Markt für Inhalte, Kleidung, Dienstleistungen, Ernährung und Gesundheit schaffen.
Mehr über die Studie

Spontane Gemeinschaftlichkeit

Derzeit entstehen zahlreiche Formen von Kollaboration und Gemeinschaft, in denen das Miteinander im Vordergrund steht. Dies lässt sich auch bei den Umwälzungen im Sportsektor beobachten. Anstatt alleine im Fitnessstudio vor sich hin zu trainieren, bevorzugen immer mehr Menschen mehr oder weniger spontane Treffs im öffentlichen Raum, um zusammen laufen zu gehen oder in öffentlichen Parks zu trainieren. Bei den meisten Fitness-Online-Plattformen wie Runtastic oder dem Münchner Anbieter Freeletics kann man unkompliziert eine Gruppe gründen oder sich einer schon existierenden Gruppe anschließen. Man gibt einfach an, wann und wo man trainieren wird und andere folgen. Manche Fitness-Apps wie Endomondo machen einen auch darauf aufmerksam, welche befreundeten User sich gerade in der Nähe befinden. Zudem können Community-Mitglieder bei verschiedenen Anbietern Spiele und Wettbewerbe untereinander austragen.

Mit Hilfe der Cloud-Fitness entstehen somit innerhalb kürzester Zeit spontane Ad-hoc-Trainings-Gruppen aus Bekannten und Unbekannten, die gemeinsame Interessen teilen, einander Hilfestellung geben, sich wechselseitig motivieren und mit- und gegeneinander spielen. Diese Kontakte sind zwar flüchtig, können aber für den Zeitraum des gemeinsamen Austauschs durchaus intensiv sein.

Zugleich kommt Cloud-Fitness aber auch dem Bedürfnis nach Flexibilität, Selbstbestimmung Cloud-Fitness kommt dem Bedürfnis nach Flexibilität, Selbstbestimmung und Ungebundenheit entgegen und Ungebundenheit entgegen. Während man in Fitnessstudios in vorgegebenen Räumlichkeiten mit vorgegebenen Geräten und teilweise noch im Rahmen von Öffnungszeiten trainiert, können bei Cloud-Fitness Trainingseinheiten ohne teure Hilfsmittel tendenziell überall und zu jeder Zeit eingeschoben werden – ganz gleich ob zu Hause, bei der Arbeit oder im Park um die Ecke. Sportmachen ist somit schon jetzt räumlich, zeitlich wie sachlich entgrenzt und wird in Zukunft noch sehr viel stärker im Großen wie im Kleinen in die alltägliche Lebensführung der Individuen Eingang finden.

Auf diese Weise haben die Menschen die Möglichkeit, sich ungebunden, flexibel und selbstbestimmt mit anderen zu vernetzen, um in Ad-hoc-Gemeinschaften Sport zu treiben.

Prognose: Die Sportifizierung der Lebenswelt

Angesichts von Trends wie Cloud-Fitness kann man in Zukunft von einer noch weiter zunehmenden Sportifizierung der alltäglichen Lebens- und Arbeitswelt ausgehen. Ob der Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt oder ein kurzes Work-out in der Mittagspause: Die Fitness-App und deine Community erinnern dich daran, dass du gerade ein bisschen Sport machen könntest. Dass Menschen dabei nur mit ihrem digitalen Fitness-Coach trainieren und dabei vereinsamen, stimmt also nicht. Ganz im Gegenteil: Menschen verbinden sich in zahlreichen hybriden sozialen Netzwerken miteinander, tauschen sich aus und trainieren in wechselnden Gemeinschaften. Dabei kommt es zunehmend zu einer Vermischung verschiedener, voneinander getrennter sozialer Netzwerke. Freizeit und Arbeitsgemeinschaften überschneiden sich mit der Sport-Community, wodurch Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte, aber auch (noch) Fremde aus der jeweiligen lokalen Nachbarschaft zusammenfinden.

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