Superheld Alge: Warum sie unsere Welt rettet

Wir haben uns im Vorfeld des Future Day 18 mit Friedrich Liechtenstein unterhalten. Der über Nacht zum Medienstar avancierte Künstler wird uns in seinem Future-Day-Talk am 7. Juni zeigen, warum Algen die lässige Lösung für die Probleme der Menschheit sind. Im folgenden Interview führt uns Liechtenstein schon vorab ein Stück in die faszinierende Welt dieses lebendigen Multitalents.

Future Day 2018 - Interview Liechtenstein

Herr Liechtenstein, was hat es mit den Algen auf sich?

Das ist ein Riesenthema, das mich schon beschäftigt, seit ich als kleiner Junge an der Ostsee auf Urlaub war. Ich fand damals vor allem gut, dass Algen die Zukunft sind. Mit ihnen kann man alles machen, die Weltbevölkerung ernähren zum Beispiel. Man kann aber auch viele technische Errungenschaften mit Algen zusammen durchsetzen, im Bereich von Material und Innovation, auch in der Mikrotechnik. Die Alge ist überall und sie ist ein großes Vorbild. Wenn man ein Quartett des Lebens spielen würde, wäre meiner Meinung nach die Alge ist die Chefkarte, die gewinnt.

Was macht die Alge so mächtig?

Sie stand am Anfang unserer Sauerstoffwelt, sie wäre aber auch noch in der Welt ohne Sauerstoff zuhause. Sie ist ein Alleskönner. Überall wo man denkt es wächst nichts mehr, fühlt sich eine Alge zuhause. Ich habe in den letzten Jahren viele Anekdoten und Texte gesammelt und nach wie vor ist es ein Wunsch von mir, damit noch mehr Zeit zu verbringen. Zum Beispiel würde ich gerne ein Algenmuseum entwickeln. Das Algenthema ist für mich vor allem aber auch Systemtheorie. Wenn ich sage, „die Zeit der Eiche ist vorbei, jetzt ist die Zeit der Alge“, bezieht sich das für mich auch auf die Vorstellung von der Welt: Etwas hat Wurzeln, Stamm, Krone und Früchte. Dieses Bild hat ausgedient, das ist ein Modell von vielen. Interessanterweise passt der Baum aber auch in die Welt der Algen, denn der Baum war früher selbst eine Alge, bevor daraus ein Baum wurde. Die Menschen neigen dazu, sich in der Natur etwas zu suchen, um ihr Leben bzw. ihre Entwicklung im Leben zu beschreiben, wie etwa den Baum.

Da ist die Alge sehr gut geeignet, finde ich. Ihr Zündstoff ist Sauerstoff, der höchst aggressiv ist, gleichzeitig aber auch das ermöglicht, was wir als Leben bezeichnen. Ich mag das Anekdotenhafte, das Kleinteilige und Große an Algen. Es gibt beispielsweise auch riesige Algen, etwa die Kelpwälder in Polnähe. Sie wachsen schon mal 80 Zentimeter am Tag und bis zu 110 Meter hoch. Es gibt Algen, die so tun, als wären sie eine Pflanze. Darunter sind auch sehr wohlschmeckende und welche, die viel Power in sich tragen. Kieselalgen hingegen sind ganz kleine Teilchen, die so hübsch sind, dass sie ein beliebtes Geschenk sind und es ein Genuss ist, sie unter dem Mikroskop zu betrachten.

Bemerkenswert ist auch die Praktik der Algen, Symbiosen einzugehen.

Dieses Prinzip finde ich sehr gut, vor allem die fakultative Symbiose. Oft gibt es Endosymbiosen: Gemeinsam können beide Partner sehr gut funktionieren, aber wenn einer abhaut, stirbt der andere. Ein Beispiel dafür ist das Korallensterben. Die Pracht von Riffen beruht maßgeblich auf der Arbeit der Algen, die dort eine Symbiose mit Nesseltieren eingehen. Wenn die Algen verschwinden, bricht alles zusammen. Die Partner in fakultativen Symbiosen funktionieren hingegen auch alleine. Eine weitere tolle Eigenschaft ist, dass Algen vergessen können. Wenn sich ihre Lebensumstände ändern, dann stellen sie auch mal komplett ihre Ernährung und Vermehrung um, das hat dann gar nichts In einem Quartett des Lebens wäre die Alge die Chefkarte mehr mit ihrem Vorleben zu tun. Davon könnten sich Menschen und Maschinen auch etwas abschauen. Die Alge trägt zudem sehr viel zur Reinigung der Meere bei. Bei uns vermittelt sie zuerst aber meist Schrecken: Der Pool sieht schlimm aus, der See ist dreckig, die Hauswand vergammelt. In asiatischen Ländern ist das anders, da läuft den Menschen das Wasser im Mund zusammen, wenn sie Alge hören. Es ist aber eben nicht alles rundum positiv und harmlos. Es gibt auch Killeralgen, die sehr gefährlich sind und auch einen langen Atem haben. Das zeigte ein Unfall bei der Reinigung eines Aquariums. Dabei gelangte eine Alge ins Mittelmeer, die eine Pflanze imitiert. Sie hat den ganzen Grund überwuchert, alles gekillt. Man hat versucht sie mechanisch und chemisch zu bekämpfen. Natürlich vergeblich, weil die Natur letztlich die Chefin ist. Irgendwann hat die Alge aber selbst gemerkt, dass sie dort nicht hingehört und sich ins Rote Meer zurückgezogen. Algen können auch durch Wind transportiert werden, es gibt terrestrische Algen in Bäumen oder Rotalgen, die als blutender Schnee in den Alpen bekannt sind.

Sie haben die Alge als einen Grundbaustein des Lebens beschrieben, aber was kann sie konkret für uns tun? Beispielsweise in der Ernährung.

Beim Thema Essen gibt sie viel her. Wenn die Meere überfischt sind und wir dennoch Omega-3-Fettsäuren brauchen, dann können wir uns diese durch Algen holen. Fische haben Omega 3 auch nur durch das Fressen von Algen. Algen sind aber auch die Ersten, die Gift aus etwas herausholen. Damit reinigen sie zwar die Welt, dass bedeutet für uns aber auch, dass wir noch mehr aufpassen müssen. Es gibt Algen, die Plastikmüll im Meer verarbeiten, das Toxische aufnehmen, durch die Strömung an die Küste gelangen und dort bei Menschen Hautreizungen verursachen. Die Algen sind dabei nicht böse, sondern wir haben Mist gebaut. In der Lebensmittelindustrie sind Süßwasseralgen auf dem Vormarsch, etwa bei Nahrungsergänzungsmitteln, Smoothies, Tabletten, Drinks und Speisen. Ein Niederländer baut beispielsweise Meeresspaghetti an. Die wachsen in Spaghettiform, werden geerntet, getrocknet und gekocht.

In Asien geht das Essen von Algen soweit, dass die Menschen dort über bestimmte Enzyme verfügen, um Algen richtig aufzuspalten und das Meiste aus ihnen herauszuholen. Wir haben die noch nicht, unser Körper kann das aber lernen. Man kann zudem Tiere mit Algen füttern. Es ist ein unglaublich schnell wachsendes Nahrungsmittel mit hohem Nährwert, Mineralien und Vitaminen. Es muss aber natürlich auch frisch sein und gut behandelt werden. Der Kapitalismus, der stets an der größten Handelsspanne interessiert ist, wird irgendwann auch anfangen, daran herumzuschrauben. Ein Huhn ist ja per se kein schlechtes Lebensmittel, sondern erst durch die Massenindustrie zu so einem geworden. Ähnliches blüht der Alge vielleicht auch. Das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel ist in den letzen Jahren allerdings sehr, sehr, sehr stark gestiegen. Schönheit und ein langes Leben sind immer noch die wichtigsten Dinge für Menschen. Und wenn man weiß, dass man das auch durch Essen erreichen kann, statt durch Chirurgie, dann ist die Alge da ganz weit vorne.

Future Day 2018 - Interview Liechtenstein

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