Technik braucht den Human Touch

Um den Erfolg technischer Neuheiten sicherstellen zu können, müssen Unternehmen in Zukunft vor allem eines tun: den Menschen in den Mittelpunkt stellen – kompromisslos.

Von Julia Saswito (09/2016)

Foto: Triplesense Reply

Technologische Neuerungen wie Apps und Wearables eröffnen scheinbar unendliche Möglichkeiten – doch nicht alles, was denkbar ist, ist auch erfolgreich. So brachte vor einiger Zeit ein bekannter Hersteller von elektrischen Zahnbürsten ein Modell mit sogenanntem "Smartguide" und passender App auf den Markt. Auf diesem Weg sollten Nutzer in der Lage sein, ihre "täglichen Mundpflegeziele" zu überprüfen. Doch die smarte Zahnbürste hat bisher wenige Käufer – obwohl die Online-Händler von vornherein die UVP des Herstellers von 274,99 Euro deutlich unterschritten. Was ist der Grund für die schlechten Verkaufszahlen? Liegt es womöglich an der kurzen Akkulaufzeit, die regelmäßig in den Online-Produktbewertungen kritisiert wird?

Die Antwort liegt auf der Hand: Menschen lieben zwar technische Neuerungen, aber nur, wenn sie ihr Leben erleichtern, wenn sie Sinn für sie machen. Zusätzliche Gadgets verkomplizieren die Anwendung lediglich. Aus diesem Grund fällt die smarte Zahnbürste bei den Verbrauchern durch. Ein positives Beispiel ist hingehen das Fahrrad-Device Cobi – eine Art modularer Tacho, der den Fahrer über das Smartphone mit Informationen versorgt. Statt durch viele verschiedene, am Lenker angebrachte Geräte abzulenken, erfordert die Benutzung von Cobi lediglich eine Halterung für das Smartphone, über das der User auf die Services der App zurückgreifen kann. Dieser schlicht gehaltene Benutzungsaufwand punktet auch bei den Verbrauchern.

Doch wie können Unternehmen sichergehen, dass ihre Produkte und Services tatsächlich von den Nutzern gebraucht werden? Das Wichtigste vorab: Man muss nicht alles machen, was möglich ist. Technischer Zusatz-Schnickschnack schadet einem guten Produkt zwar nicht unbedingt – jedoch stellt er allein noch keinen Grund für einen Kauf dar. Nur weil jetzt "alle eine App oder ein Wearable auf den Markt bringen" bedeutet das noch lange nicht, dass Unternehmen gedankenlos der Technik-Euphorie verfallen müssen. Digitale Lösungen, die zum Menschen passen, basieren auf drei zentralen Voraussetzungen.

1. Den Nutzer von Anfang an mit einbeziehen

Unternehmen müssen bei der Entwicklung neuer, innovativer Produkte oder Services immer den Menschen in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellen – am besten gleich beim Projektstart. Schließlich entsteht jede gute Idee aus einem Nutzer- oder Konsumentenbedürfnis. Damit Unternehmen den Bedürfnissen der Nutzer auf die Spur kommen, sind sie auf ein gutes Methodenset, die genaue Beobachtung und den Dialog mit den Nutzern angewiesen. In allen Entwicklungsstadien können Konsumenten folgendermaßen beteiligt werden:

  • Anfangsstadium: Datenanalyse sowie offene Workshop-Formate und Design Thinking-Sessions
  • Konzeptionsphase: Interviews und gemeinsame Entwicklung von Prototypen (Co-Creation)
  • Realisierungsphase: Usability- und Anwendungstests
  • Launchphase: Zunächst in kleineren Pilot- oder Testmärkten an den Kunden bringen

2. Methoden konsequent einsetzen

Damit Marken tatsächlich Services oder Produkte kreieren können, die User brauchen und benutzen, bedarf es eines systematischen und rigorosen Ansatzes, der sicherstellt, dass der Mensch während der Entwicklung tatsächlich immer im Zentrum aller Überlegungen steht. Diese drei Faktoren machen den Weg frei für viele neue Entdeckungen:

  • Methoden und Prozesse: Real Personas, Testing, Prototyping u.a.
  • Das Team: interdisziplinär, divers, Maker-Mentalität, offen für Co-Creation
  • Die Wirkung: Neue Produkte oder Services verbessern und verändert das Leben (bzw.: bewegen emotional, fördern die Kreativität)

3. Wandel der Unternehmenskultur

Nur wenn sich die gesamte Kultur des Unternehmens ändert, können die neue Methodik sowie das konkrete Vorgehen konsequent durchgesetzt werden:

  • Für Unternehmen ist es essenziell, dass sie stets offen für Veränderungen sind.
  • Ebenfalls sollten Unternehmen keine Prognosen darüber aufstellen, was der Verbraucher möchte. Besser ist es, die Bedürfnisse der Verbraucher in regelmäßigen, gemeinsamen Tests herauszufinden.
  • Nicht nur in der Startphase sollte Marktforschung ein Thema sein: Es ist besonders wichtig, dass diese über den gesamten Entwicklungsprozess betrieben wird, um die Qualität der Ergebnisse zu sichern.
  • Fehler sind menschlich und sollten deshalb bei der Produktentwicklung erlaubt sein. Schließlich können beispielsweise Projektbeteiligte mithilfe von Fehlern lernen, wie sie sinnvolle Produkte entwickeln können.
  • Manchmal ist es besser, ein Produkt zu verwerfen, um die ideale Lösung zu erzielen.

Über die Autorin

Foto: Triplesense Reply

Julia Saswito ist Co-Geschäftsführerin und Partnerin bei der digitalen Fullservice-Agentur Triplesense Reply. Die Mission der Agentur lautet "Humanizing Digital": die Entwicklung technologischer Anwendungen, die zu den Menschen passen und das Leben wirklich erleichtern. Im Zentrum der digitalen Lösungen und Services steht immer eine optimale User Experience für den Konsumenten.

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