Social Robots: Der Einäugige kommt

Zukunftsforscher Matthias Horx über Roboter - und die Erfolgsaussichten von Jibo, dem ersten „emotionalen Assistenten“

Quelle: TREND UPDATE 10/2014

© Jibo / myjibo.com

Technik ist, so formulierte einst ein berühmter Science-Fiction-Autor, das, was noch nicht richtig funktioniert. Zu dieser Kategorie gehört mit Sicherheit eine der ältesten technischen Visionen überhaupt: Der humanoide Roboter. Doch jetzt gibt es einen spannenden neuen Versuch, einen echten, nützlichen Haus-Roboter auf den Markt zu bringen. Und diesmal sind keine japanischen Labor-Nerds am Werk. Sondern eine Frau. Das könnte einiges ändern. Cynthia Breazeal heißt die Forscherin am MIT Media Lab, die unlängst Jibo vorstellte, einen „Social Home Robot“.

Anthropomorpher Kindchen-Effekt

Jibo tut gar nicht erst so, als könnte er Kaffee servieren oder Bierkästen tragen. Er wiegt 2,6 Kilo, ein Standgerät als Kumpan für Einsame, oder als Amüsement für Familien. Sein eines „Auge“ arbeitet als großes Emoticon. Es In zehn Jahren wird es viele einsame Einäugige in den Kellern und Garagen dieser Welt geben. Jibo einsam! Jibo traurig! blinkt, er zwinkert, es rollt und kann zornig oder ratlos gucken – ein anthropomorpher Kindchen-Effekt, der sofort emotional beeindruckt. Jibo ist eine interaktive Comicfigur, die auf Befehl Musik macht, den Terminkalender vorliest, Videokonferenzen organisiert oder Fotos macht (und in der Cloud ablegt). Damit ist eine neue Kategorie geschaffen: Der emotionale Assistent.

Das Jibo-Konzept vermeidet klugerweise konsequent den Uncanny-Valley-Effekt, jene instinktive Abwehr, der wirklich menschenähnliche Roboter letztlich zu einer „unmöglichen“ Erfindung macht – ganz unabhängig von der technischen Komplexität. In psychologischen Tests fand man heraus, dass humanoide Maschinen umso mehr Grusel-Gefühle hervorrufen, je menschenähnlicher sie werden. Deshalb spielt jeder Hardcore-Science-Fiction-Film mit Androiden, die uns schrecklich Angst machen. Und deshalb handeln so viele Filme von der Übernahme der Weltherrschaft durch ausgeflippte Blechkameraden. Wir wollen als von der Evolution gestaltete Bio-Wesen wissen, was tot ist und was lebt. Darauf beharren wir! Und deshalb werden die meisten Roboter auch in Zukunft so aussehen wie Kühlschränke, Waschmaschinen oder Flachstaubsauger.

Jibo soll 2015 auf den Markt kommen. Das Projekt ist von der „Crowd“ finanziert; es werden Vorbestellungen aufgenommen. Prognose: Jibo wird durchaus ein Erfolg, weil das Konzept endlich einmal stimmig auf die menschliche Psyche eingeht. Aber auf Dauer wird uns diese Entertainmentmaschine wohl eher auf die Nerven gehen: In den Werbefilmen wirkt Jibo wie ein aufgedrehter Teekessel auf Crystal Meth. In zehn Jahren, so prophezeien wir, wird es viele einsame Einäugige in den Kellern und Garagen dieser Welt geben. Jibo einsam! Jibo traurig! Ach was, die Batterie ist längst leer.

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Dossier: Technologie

Dossier: Technologie

Was vor wenigen Jahren noch als visionäres Raunen durch die Fachpresse ging, ist jetzt Alltag geworden: das Internet der Dinge. Das digitale Leben hat den Desktop-Computer endgültig hinter sich gelassen und lässt sich in jedermanns Hosentasche herumtragen. Digitale und analoge Realität verschmelzen zunehmend zu einer, was auch eine langfristige “Technisierung” unserer Lebenwelt bedeutet.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.