De-Touristification: Zurück zum Reisen

Heute widersetzen sich Avantgardisten dem klassischen Tourismus - morgen werden es die Massen sein, die einen neuen Anti-Tourismus suchen.

Quelle: Workbook “Hotel der Zukunft” (2014)

Kantver / Fotolia

Es ist nicht einfach zu verstehen: Aber das Menschenbild wandelt sich. Wir sind permanent unterwegs, stehen ständig im Strom von Informationen. Reisen wird zur täglichen Aufgabe, aber Tourist will man eigentlich nicht mehr sein. Das Image des Touristen ist ein gestriges. Als Tourist ist man ausgeschlossen vom echten Leben, ausgeschlossen vom authentischen Treiben und eingeschlossen in eine hermetisch abgeriegelte Welt der Tourismusindustrie, die meist jedoch eine Fassade ist. Doch dieses Fassadenleben ist nicht mehr die Sehnsucht der Menschen. Sie wollen das andere, lebendige, echte Leben vor Ort.

Reisen statt Tourismus

Jeder Mensch ist ständig auf Reisen: Und wenn es nur zwischen Wohnung, Arbeit und Shopping-Alltag ist. Oder zwischen Kinderbetreuung, Businessreise und Fitness-Center. Kaum ein Mensch in unserer oft als schnelllebig bezeichneten Zeit ist nicht permanent unterwegs. Damit wird aber das Unterwegs-Sein zur Normalität, zum Alltag.

Hinzu kommen die Tonnen an Informationen, die wir täglich zu verarbeiten haben: Wer Smartphones, Tablets und Laptops als ständige Begleiter mit sich herumführt, De-Touristification nennen wir dieses Phänomen, bei dem im Resultat die Reisenden als Reisende wahrgenommen werden wollen und nicht als Touristen hat die Welt immer dabei. Ist immer auf dem aktuellsten Stand und kann jederzeit virtuell entfliehen. Was wir Menschen ja auch machen: Sobald wir auch nur zwei Minuten auf etwas warten müssen, zücken wir schon das Handy und beginnen fast panisch nach einer Ablenkung zu suchen. Das Warten, das Dasein, die Langeweile, das Aushalten – das sind nicht mehr die Tugenden dieser Hyperkultur, wie der Philosoph Han unsere Zeit umreißt. Das Verweilen ist zur Seltenheit geworden, weil wir ständig auf Achse sind, und wenn wir nicht wirklich unterwegs sind, dann wähnen wir uns per Smartphone irgendwo anders hin.

Dieser Effekt ist größer und wuchtiger, als man dies auf Anhieb vermuten möchte. Denn er führt uns in eine Zeit, in der wir uns immer schwerer tun damit, aus uns „herauszutreten“. So wie Touristen das üblicherweise tun: Touristen sind nicht nur woanders, sie sind dort auch anders. Sie führen sich anders auf, haben andere Rituale, besuchen Museen, wo sie zu Hause nie in eines gehen würden, machen Führungen mit und lassen sich die Historie von Steinen erklären, die sie eigentlich nicht interessieren. Als Tourist rutscht man in ein anderes

Bewusstsein. Dies war auch lange notwendig, weil man dadurch der (tristen) Arbeitswelt entfliehen konnte und sich quasi maskierte. Wie im Fasching setzte man sich gerne und freiwillig die Maske des Touristen auf und war damit glücklich.

Doch was passiert, wenn unser Alltag das Reisen ist, unser Wesen das Wechseln zwischen realen und digitalen Identitäten? Was passiert, wenn die Flucht aus dem Alltag im Alltag in Facebook, Xing und Co. stattfindet? Was verändert sich, wenn Menschen so viel im Alltag hetzen, dass sie den Urlaub selbst in den Alltag einbauen müssen? Und damit, wenn sie dann einmal verreisen, beides – nämlich den Urlaub und den Alltag – mit sich herumschleppen.

Die Maske des Touristen funktioniert nicht mehr, wenn man per Smartphone immer und überall auch im Alltag sein kann. Die Idee des Abstands, der einem hilft, Abstand zu nehmen, verkommt zur Metapher, wenn die Informationen an einem kleben und im noch immer so genannten Urlaub dann auch nichts anders ist als unterwegs: Da ist man auch zuhause.

Deshalb formulieren sich auch neue Sehnsüchte der Reisenden, die sie eben nicht zum Touristen machen. Die Maskerade ist vorbei, wo Couchsurfing und AirBnB beginnen. Die Entkoppelung des Reisens vom Tourismus – also vom fröhlichen Anderssein – ist das Ergebnis. De-Touristification nennen wir dieses Phänomen, bei dem im Resultat die Reisenden als Reisende wahrgenommen werden wollen und nicht als Touristen. Bei dem sich die Sehnsüchte der Reisenden mehr auseinanderdividieren, als man das in der Rubrik Urlaub vermuten würde. Was Touristen wollen, ist dem Touristiker wohlbekannt. Aber was wollen Reisende, die keine Touristen mehr sein wollen? Was verbinden die Menschen dennoch mit dem Unterwegssein, und was wollen sie in Zukunft lieber weglassen?


Unser "Tourismus Report 2015"

Der Tourismus Report 2015 dreht sich um die Themen Reisen, Destinationen und Marketing. Er bietet allen Mitwirkenden der Tourismusbranche – ganz gleich ob Hoteliers, Gastronomen, Veranstalter oder Reisende – Orientierung sowie Anregungen zur Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Er ist ein Kompass für die Reisebranche und gibt Einblick in die Bedürfnisse der Reisenden von morgen.
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Neue Konzepte für Hotels

Das Hotel als Zuhause unterwegs ist dabei ein kritischer Ort: Es kann perfekt gelingen, dem Gast das Verweilen zu ermöglichen. Es kann aber auch sein, dass dieser Gast mehr will – nämlich in letzter Konsequenz die fremde Umgebung zu seiner machen, diese sich aneignen, ohne dabei „nur“ als Tourist wahrgenommen zu werden. Der Tourist wird damit zunehmend ein Relikt alter Denkschulen und wird sich – wie auch der Begriff Urlaub – abnützen.

Auch wenn die Branchen noch länger von Urlaub sprechen werden, als solchen empfinden werden dies die Reisenden kaum noch. Sondern eher als eine immer wieder neu zu definierende Reise. Die Frage also, die uns in allen Reiseportalen dieser Welt als erstes entgegenspringt Die Frage “Wohin willst du?” wird abgelöst durch “Was willst du erleben?” – „Wohin willst du?“ – muss abgelöst werden. Denn wohin die Menschen wollen, wissen sie kaum noch. Sie sind so viel unterwegs, dass das Wohin als Frage sie entweder langweilt oder überfordert. Wo, um Himmels Willen, soll ich denn noch hin? Die viel elementarere Frage ist: Was willst du erleben? Was ist der Auslöser der Reise? Ist es vielleicht wirklich Abstand, dann aber sicher nicht mehr im Sinne des Touristen.

Dann muss man plötzlich weiterbohren und fragen: Abstand, von was? Oder ist der Zweck der Reise vielleicht Inspiration oder Menschen kennenlernen oder...? Der Tourist, der will sich maskieren. Der Reisende der Zukunft, der möchte sich erfüllen. Der Tourist möchte unterhalten werden, der Reisende der Zukunft möchte wählen können. Der Tourist, der möchte alles auf einmal. Der Reisende der Zukunft möchte die richtige Dosierung.

Die Unterschiede mögen marginal klingen. Doch sie sind gewaltig. Es geht schlichtweg um die Veränderung in der Grundhaltung von Menschen, die reisen. Es geht um die Neuausrichtung dessen, was wir immer als Urlaub eingegrenzt haben. Und ja, es geht um Nischen, und ja, es geht um Konzepte. Aber vor allem geht es um ein Grundverständnis, eine Erkenntnis. Wenn diese geschehen kann, geht nachher alles wie von selbst.

Eines ist dabei eindeutig: Menschen die permanent unterwegs sind, die also per se Touristen im Alltag sind, brauchen unterwegs Orte des Ankommens. Orte, an denen sie landen können und an denen man ihr Grunddilemma versteht. Diese Orte können Hotels sein, müssen sie aber nicht. Im Zentrum für die Hotellerie steht damit zukünftig die Frage: Welchen Gästen, welchen Reisenden wollen wir in Zukunft überhaupt eine Herberge sein? Welchen temporären Ankunftsort biete ich für wen?

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Dossier: Tourismus

Dossier: Tourismus

Der Tourismus ist zu einer der größten Branchen der Erde geworden. Er formt ganze Landstriche um und verändert Gesellschaften in schnellem Tempo. In Megatrends wie Mobilität, Individualisierung, Neo-Ökologie artikulieren sich die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Reisenden weltweit.

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