Der Begriff Tourismus passt nicht mehr ins Lebenskonzept des 21. Jahrhunderts

Zum Start der Internationalen Tourismus Börse Berlin (ITB) unterhielt sich Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, mit dem Hotel-Fachmagazin “Cost & Logis” über Disruption, das Selbstverständnis von Hotellerie und Touristik, die „Generation Global“, Achtsamkeit und „Zukunftsmacher“ im Tourismus.

Zukunftsinstitut / Marc Haader

Herr Gatterer, die disruptive Dimension der Digitalisierung zeigt sich auch in der Hotellerie und Touristik. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Harry Gatterer: Viele disruptive Ereignisse sind verpasste Evolutionen. Das touristische Paradebeispiel dafür ist die Reaktion der Branche auf die Story von Airbnb. Die Themen Sharing Economy und soziale Vernetzung haben sich über Jahre hinweg angekündigt. Die Unternehmen der Hotellerie und Touristik hatten also ausreichend Zeit, sich darauf einzustellen und entsprechend auszurichten. Dennoch sind die meisten von ihnen von der Entwicklung und den damit einhergehenden Veränderungen überrollt worden, weil sie den Zugang zum Thema nicht gefunden haben. Der überwiegenden Zahl der Marktteilnehmer fehlt das Verständnis für das, was vor sich geht. Sie sind zu sehr im Branchendenken verhaftet und beißen sich an bestimmten Problemen fest, die scheinbar nicht zu lösen sind. Stellvertretend dafür ist das Thema Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Wenn sich die Dinge angekündigt haben, wie sie sagen, warum wird dann nichts unternommen?

Harry Gatterer: Weil viele Betriebe ganz einfach nicht hinschauen und beobachten, was um sie herum vor sich geht. Vorneweg prescht eine Avantgarde, der Rest kommt nicht hinterher. Offenbar wird das auf einem Marktplatz wie der ITB in Berlin, die ja in diesen Tagen wieder ins Haus steht. Wenn Sie die Messe besuchen, dann stellen Sie fest: Es treffen sich Jahr für Jahr immer wieder dieselben Menschen zum Austausch. Darüber hinaus gibt es kaum Konnektivität. Wir müssen uns bewusst machen, dass touristische Systeme in ihren Abläufen stark determiniert sind. Veränderungen sind sehr aufwändig und lassen sich am besten in komplizierten Computerprogrammen Der Begriff Tourismus ist tot. abbilden. Die technologischen Kompetenzen von Betrieben aus der Hotellerie und Touristik sind aber begrenzt – eine Tatsache, die sich Unternehmen von außerhalb der Branche zunutze machen. Nehmen wir als Platzhalter für solche Profiteure wieder Airbnb: Das Portal wird sich niemals als touristisches Unternehmen verstehen, auch wenn es das vielleicht hin und wieder so kommuniziert. Das Selbstverständnis von Airbnb ist das einer Plattformökonomie. Das Unternehmen vergleicht sich nicht mit Anbietern aus der Touristik, sondern mit Größen wie Amazon, Google oder Uber. Weil sie nicht touristisch denken, ist derjenige, um den sie sich Gedanken machen auch nicht ein Tourist, sondern ein Mensch, der reist. Das macht einen enormen Unterschied.

Welches Selbstverständnis müsste die Hotellerie denn demnach haben?

Harry Gatterer: Es geht um den Gast. Wenn wir ihn in den Fokus rücken, verändert sich der Blick fundamental. Der Begriff Tourismus ist entstanden, als der Terminus Fremdenverkehr ausgedient hatte. Jetzt müssen wir uns eingestehen: Der Ausdruck Tourismus passt nicht mehr in das Lebenskonzept des 21. Jahrhunderts. Gerade in einer digitalen Welt ist es die menschliche Begegnung, sind es emotionale Erlebnisse, die wieder wichtig werden und den Unterschied machen. Es geht darum, die Lebensqualität der Gäste zu verbessern und damit ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis zu befriedigen – ich spreche von Erholung, Inspiration, vom Bedürfnis, Freunde zu treffen und mit ihnen eine schöne Zeit zu verbringen.

Wenn man dies alles beherzigt: braucht man dafür in Zukunft angesichts zunehmender Technisierung mehr oder weniger Menschen als bisher?

Harry Gatterer: Ich warne vor der vorgefassten Meinung: Die technologische Entwicklung befindet sich an einem Punkt, an dem es keinesfalls klar ist, wo sie hingehen wird, sondern vielmehr in einer Phase, in der wir experimentieren und lernen, damit umzugehen. Technologie soll Dinge möglich machen. Menschliche Arbeit wird sich verändern und nicht wegrationalisiert. Begegnungen zwischen Menschen sind und bleiben wichtig.

Im Zukunftsreport 2017 beschreiben sie die "Generation Global". Was zeichnet diese Generation aus?

Harry Gatterer: Die Generation Global ist eine Gruppe jüngerer, in eine hochgradig vernetzte Welt hineingeborener Menschen, die ein globales Verständnis Technologie soll Dinge möglich machen. Menschliche Arbeit wird sich verändern und nicht wegrationalisiert. entwickelt hat. Sie verstehen sich mehr als Erden- denn als Nationalbürger. Nach unseren Beobachtungen sind sie keinesfalls so progressiv denkend und handelnd, wie man möglicherweise vermuten würde, stattdessen teilweise sehr konservativ und rational. Ihr Verhalten ist geprägt von Vernunft und dem Streben, das Richtige zu unternehmen. Nach dem Motto: Die Welt ist verrückt, chaotisch und unübersichtlich, jetzt dürfen wir nicht auch noch verrückt werden. Sie suchen nach Konstanz und Stabilität.

Was bedeutet das für die Hotellerie?

Harry Gatterer: Die Generation junger Gäste sollte nicht pauschal beurteilt und dementsprechend behandelt werden.

Mindful Business ist ein Begriff, den sie in ihrem Report ebenfalls aufgreifen. Was ist darunter zu verstehen?

Harry Gatterer: Beim Mindful Business steht die Achtsamkeit im Vordergrund. Es geht darum, die Fähigkeit zur Reflexion zu steigern, einen zusätzlichen Schritt einzulegen zwischen der Beobachtung und der daraus abgeleiteten Handlung. Die Welt in der wir leben, wird durch Technologie und Globalisierung deutlich komplexer, dynamischer und dadurch schwieriger zu beurteilen. Dafür bedarf es einer verbesserten Aufmerksamkeit.

Oft wird davon gesprochen, dass alles schneller geworden ist. Wie sehen sie das?

Harry Gatterer: Sicher führt die wachsende Automatisierung von Prozessen zur Beschleunigung. Wir gewöhnen uns daran und entwickeln eine gewisse Erwartungshaltung. Andererseits sind klare Tendenzen zur Entschleunigung des Lebens zu erkennen, was sich in Bewegungen wie Slow Food, Slow Cities und Slow Travel niederschlägt. Für das Business entscheidend ist weder das eine noch das andere. Im Geschäftsleben geht es vielmehr um das richtige Timing und die Frage: Wann muss ich schnell sein und wann muss ich mir mit einer Entscheidung Zeit lassen, um die Resultate meines Handelns zu verbessern?

Sie sprechen unter anderem von „Zukunftsmachern“: was bewirken diese Menschen?

Harry Gatterer: Zukunftsmacher sind Menschen, die unsere Welt auf der Basis statistischer Daten mit anderen Augen sehen, fundiert und faktenorientiert – Protagonisten, die einem zum Beispiel ins Bewusstsein rufen, dass derzeit die Hälfte der Menschen, die sich einmal im Jahr eine Flugreise leisten können, aus der westlichen Welt kommen. In 20 Jahren werden es voraussichtlich nur noch 25 Prozent sein. Das wird den Tourismus massiv verändern und es ist hilfreich, sich solche Entwicklungen vor Augen zu führen.

Das Interview führte Jens Riemann.

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