Digitales Cocooning: Offline als Status

Wer erreichbar ist, hat es nötig: Warum der höchste Status der Always-on-Gesellschaft die die Nichterreichbarkeit sein wird.
Matthias Horx / Status Reloaded (02/2016)

Ich kann mich noch gut an Business-Kongresse erinnern, auf denen CEOs stolz verkündeten, "always on" zu sein. "Ich bin immer für jeden meiner Mitarbeiter per Mail erreichbar!" Das war eine der mächtigsten Illusionen, die die digitale Neuzeit mit sich brachte: Online sein als revolutionäre Lebensform. Mit allen verbunden, in Echtzeit, einfach da! Es brauchte zehn Jahre Erfahrungen mit Multitasking, und Shitstorm, mit Hatemails und Cybermobbing, es brauchte drei Quadrillionen Bytes, die durch unsere persönlichen Datenkanäle rauschten, bis wir verstanden, dass derjenige, der "always on" ist,  ein Problem hat.  

In den USA weiß jeder, was ein FOMO-Syndrom ist: Fear Of Missing Out. Die panische Angst, etwas zu verpassen. Dieses Gefühl, nicht zu existieren, wenn nichts im Postfach klingelt, ist nur eine von rund 20 intermentalen Krankheiten, die uns das  Internet beschert beziehungsweise die es verschärft hat. Der Infografiker David McCandless hat sie in einem hübschen Katalog zusammengefasst – zum Beispiel:

  • Infoglut: Halbbewusstes oder bewusster Verschlingen großer Mengen an leerer Information.
  • Hypermind: Das Gefühl des Sinnloswerdens aller realen Inhalte durch Überverlinkung und unentwegtes Hüpfen von Link zu Link zu Link.
  • Ampulsivity: Der Drang, ständig etwas mit Smileys oder Ausrufezeichen oder Fluch-Zeichen loszuschicken, um eine Reaktion zu erhalten; vulgo digitales Brechreiz-Syndrom.
  • Contentstipation: Das Gefühl schwerer Verstopfung durch "read later"-Texte und eine ständig überfüllte Mailbox und nie beantwortete Kanäle.

Das Internet ist deshalb ein Suchtmittel, weil es uns an unserem archaischen Grund-Bedürfnis nach Verbundensein und Wahrgenommenwerden packt. Wenn man zwischen zwölf und 25 Jahre alt ist, spielt das im Leben die entscheidende Rolle: Wer gehört zu mir, wie werde ich "gefunden"? Wer "liked" mich – und wenn ja, wie viele? Aber nicht nur Tragödien wie die der Online-Diva Essena O’Neall, die sich auf Instagram jahrelang lasziv und exhibitionistisch auszog, und dann in einem öffentlichen Nervenzusammenbruch ihren Fans verkündete (ungeschminkt), dass das Netz ihr Leben ruiniert habe, und sie von nun an offline sein werde, zeigen, wohin die Logik der Erreichbarkeit führen kann: in ein narzistisches Nirvana.

Irgendwann im Leben kehren sich die Dinge um. Man erreicht den digitalen Tipping Point. Verbindungsakte werden zu Pflichtübungen. Links zu Störungen, Kontakte zu Komplikationen. Das ist der Moment der Erkenntnis: Wer erreichbar ist, hat es nötig. Wer unentwegt auf Xing freundlich zu allen ist, braucht dringend einen Job. Wer ständig über sein Innenleben twittert, leidet unter einer Autonomiestörung. Der Kollege, der alles mit allen teilt, ist schrecklich unsicher. Ständig erreichbar, sind in der modernen Dienstleistungswelt Handwerker, Lastwagenfahrer, Boten und andere Menschen unter Druck.

Heute ist die kommunikative Welt in mehrere Grund-Universen geteilt, deren Grenzen immer hermetischer werden. Meine Freunde A., D. und F. kommunizieren alle über Facebook, alle fragen immer wieder, ob ich dasunddas auf Facebook gelesen habe. Ich halte Facebook für einen unmoralischen Sucht-Laden, ich gehe dort nicht hin, obwohl ich weiß, dass manche Menschen das durchaus intelligent nutzen. Natürlich habe ich, wie inzwischen meine Mutter, einen Whatsapp-Zugang, aber man muss vorsichtig damit umgehen. Whatsapp ist gut für kleine Gruppen, aber es kippt sehr schnell ins "Hallo, ich bin noch da – Wie geht es Dir", sobald man die Schleusen öffnet. Ich bekenne: Ich bin und bleibe ein Mailer. Ich antworte nicht sofort, aber verbindlich.

Die Konsequenz ist Digitales Cocooning – oder auch, in einer positiveren Wortwahl: OMline. Man kann erreichen, aber man ist nicht erreichbar. Jedenfalls nicht immer und sofort und einfach nur, weil einer das will. Digital Cocooning ist das Statusverhalten der Neuzeit. Wenn man früher zeigen wollte, wie gut es einem ging, musste man schweres Gerät auffahren: Autos, teuren Schmuck, Uhren, schwere Weine, all den Quatsch. Heute muss man ohne Smartphone und mit Achtsamkeit im Blick auf eine Versammlung kommen.

Nichterreichbarkeit strömt Macht aus – aber auch eine gewisse Erotik. Wie man beim Werben und Flirten den anderen niemals mit Bedürftigkeit erobern kann, ist die digitale Enklave ein Ort der Vornehmheit, des Geheimnisses, der Freiheit. Als ich in meine heutige Herzdame verliebt war, schrieb ich Postkarten. Hunderte. Nachdem ich eine Postkarte abgeschickt hatte, entstand jedesmal eine magische Leere. Ein Abgrund von Zeit tat sich auf, und in diesen unbeschriebenen Raum hinein flossen Möglichkeiten, Visionen, neue Gedanken und Gefühle. Manchmal kreuzten sich Botschaften, oder sie mussten ergänzt, werden, bevor sie angekommen waren. Manchmal war es nur die unterschiedliche Laufzeit der Post, die Trägheit des Briefträgers, die über das Gefühl von Himmel oder Hölle entschied. So entstand eine Turbulenz, die von Verletzlichkeit und Leben gefüllt war, in der der Zufall und seine Gnade, die Serendipity, eine Rolle spielte – eine komplexe Spirale, die uns zueinander führte.

Jetzt gibt es eine Postkarten-App, bei der man bestimmen kann, wann die Botschaft zugestellt wird: nach zehn Minuten, nach 1 Stunde, nach 2 Stunden, nach 12 Stunden, nach einem Tag, nach zwei Tagen, nach einem Jahr… Man kann auch noch "rückholbar" oder "nicht rückholbar" auswählen. Aber diese Einstellung bleibt dann eine ganze Woche erhalten. Die App hat schon Millionen Nutzer. Alles kehrt zurück, auf verschlungenen, geheimnisvollen, wunderbaren Wegen.

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