„Wandel muss partizipativ sein“

Die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen lässt eine neue Partizipationskultur entstehen. Crowdfunding wird dabei als Finanzierungsinstrument immer wichtiger und kann zu einem positiven gesellschaftlichen Wandel beitragen, sagt Markus Sauerhammer, Kooperationschef der größten deutschen Crowdfunding-Plattform Startnext.

Interview mit Markus Sauerhammer (06/2017)

Foto: Kristoffer Schwet © Startnext

Wenn Sie nur einen Tweet zur Erklärung hätten: Was macht Social Business für Sie aus?
#SocEnt ist ein Baustein zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit den Werkzeugen des 21. Jahrhunderts.

Startnext bezeichnet sich selbst als die größte Crowdfunding-Plattform für kreative und nachhaltige Ideen, Projekte und Startups im deutschsprachigen Raum. Was genau ist Ihr Ziel?
Unsere Vision trägt die Antwort schon in sich: „Wir glauben an eine Gesellschaft, in der kreative und nachhaltige Ideen mit der Unterstützung von vielen Menschen gefördert werden.“ In den nächsten Schritten wollen wir weitere Partner und Finanzierungsmöglichkeiten einbinden, um noch mehr guten Ideen dabei zu helfen, erfolgreich zu werden. Gemeinsam mit diesen Partnern kann Startnext zu einer Art Ideenrealisierungsmaschine werden.

Wie passen Crowdfunding und Social Businesses zusammen?
Bei beiden Themen geht es darum, Menschen mitzunehmen. Kein Crowdfunding ohne Crowd. Kein gesellschaftlicher Wandel ohne Gesellschaft. In meinen Augen ist die Schnittmenge beider Themen groß und passt gut zusammen.

Ein weiterer Grund für den guten Match ist die extreme Zurückhaltung der Politik bei dem Thema Social Entrepreneurship. Erst kürzlich wurden in der Studie „The best place to be a Social Entrepreneur“ die 45 wirtschaftlich stärksten Nationen dazu untersucht. Bei dem Punkt „Unterstützung durch die Regierung“ landet Deutschland nur auf Platz 34 – zwischen Griechenland und Mexiko. In meinen Augen ein Desaster, wenn man sich unsere Tradition bei der Realisierung gesellschaftlicher Innovationen und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen anschaut.

Wenn ich mir das aktuelle politische Handeln ansehe, kommt mir immer wieder das Sprichwort „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ in den Sinn. Bislang gibt es leider noch immer keine öffentlichen Finanzierungsprogramme, die sich explizit auf die Zielgruppe Social Business fokussieren. Hier ist Crowdfunding für viele eine der wenigen Finanzierungsalternativen.

Ist Crowdfunding nur eine Mode, oder wird es bleiben?
Ich bin fest von reward-based Crowdfunding überzeugt und bin mir sicher, dass wir immer noch am Anfang einer großartigen Bewegung stehen. Mit dem Finanzierungsinstrument lösen wir die größte Herausforderung von Gründern: Gibt es überhaupt einen Markt für mein Vorhaben/Produkt? Ich war vorher in der Gründungsberatung tätig und habe hier Gründer immer wieder die gleichen Fehler machen sehen. Als ich das Potenzial von Crowdfunding entdeckt habe, musste ich meinen Job kündigen, um das Thema weiter voranzubringen. Erstmalig steht bei der Finanzierung eines Vorhabens nicht die finanzielle Rendite für den Geldgeber im Vordergrund, sondern der Nutzen eines Produktes. Es entscheidet nicht mehr ein Gatekeeper außerhalb der Zielgruppe über die Finanzierung, sondern die Zielgruppe selbst. Langfristig ist genau das der Erfolgsfaktor eines jeden Unternehmens: der Umsatz durch Kunden. Die gleichen Herausforderungen gelten auch im B2B-Kontext und für Innovationen klassischer Unternehmen. Hier wird es voraussichtlich noch ein bisschen dauern, bis die Entscheidungsträger aus dieser Zielgruppe im #neuland angekommen sind.

Wie steht Deutschland hier im internationalen Vergleich?
In anderen Ländern ist das Thema schon viel weiter als bei uns. Innerhalb Europas sind wir bezogen auf Wirtschaftsleistung und die Einwohnerzahl eher Entwicklungsland. Wenn man in die USA schaut, sind inzwischen allein durch die größte US-Plattform seit der Gründung 2009 mehr als 300.000 Arbeitsplätze in 8.000 Unternehmen entstanden.

Was müsste also passieren?
Die größte Herausforderung in der weiteren Entwicklung von Crowdfunding ist meiner Meinung nach, dass unsere Politik die analoge Ideenfinanzierung staatlich bezuschusst und sich Crowdfunding in diesem unfairen Wettbewerbsumfeld entwickeln muss. Eigentlich hatte die Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag eine Verzahnung von Crowdfunding und öffentlichen Förderinstrumenten angekündigt. Gesehen habe ich hier bislang noch nichts. Erster Vorreiter für eine Verzahnung der Stärken von Crowdfunding mit denen klassischer Gründerfinanzierung ist übrigens seit April 2017 die L-Bank als Förderbank für Baden-Württemberg mit der MikroCrowd, Ich hoffe, es folgen bald weitere Akteure mit größeren Kofinanzierungen.

Man sagt: Social Businesses setzen sich für einen positiven Wandel der Gesellschaft ein. Welche Rolle kann Crowdfunding hier übernehmen?
Ich glaube, gesellschaftlichen Wandel kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr von oben verordnen. Er muss partizipativ sein und die Menschen begeistern. Hier sehe ich gerade die Ausbaustufen von Crowdfunding als eine tolle Möglichkeit, um Lösungen für konkrete gesellschaftliche Herausforderungen zu erarbeiten. Vorreiter ist hier z.B. die gemeinnützige Hertie-Stiftung mit dem Deutschen Integrationspreis, die klassische Stiftungsförderung, Qualifizierung, Kommunikation und die Vernetzung der Akteure mit dem Crowdfunding für die Realisierung von Integrationsprojekten kombiniert. Wenn man so will, eine Art gesellschaftliches Inkubationsprogramm. Allein in der ersten Phase vom Crowdfunding sind bereits ohne die Förderung der Stiftung über 400.000 Euro von knapp 15.000 Unterstützern zusammengekommen. Hier entscheidet nicht allein die Stiftung oder eine Behörde, wer eine Förderung erhält, sondern die Gesellschaft wird direkt mit einbezogen. Solche Programme kann man genauso für andere Herausforderungen oder im regionalen Kontext aufsetzen. Hier sind wir noch immer am Anfang einer großartigen Bewegung.

Kreativität und Nachhaltigkeit sind auch Startnext – wie bei vielen Social Businesses – zentrale Werte. Was genau stellen Sie sich darunter vor?
Ich bin davon überzeugt, dass eine Verzahnung von Kreativität und Nachhaltigkeit eine essenzielle Kombination für die Weiterentwicklung unserer Wirtschaft ist. Mit dem wirtschaftlichen und technologischen Wandel geht auch immer ein gesellschaftlicher Wandel einher. Dies sollte noch viel mehr in neue Geschäftsmodelle einfließen. In meinen Augen wird dies bislang gerade bei digitalen Geschäftsmodellen noch viel zu wenig berücksichtigt. Hier haben wir völlig neue Möglichkeiten Geschäftsmodelle umzusetzen. Sehr spannend finde ich in dem Kontext das Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ von Jeremy Rifkin. Bei Startnext leben wir diese Veränderung durch eine Provision, die zum Teil auf Vertrauensbasis erfolgt. Ursprünglich sind wir auch als gemeinnütziges Unternehmen gestartet. Leider ließ sich dieser Status für den weiteren Ausbau des Unternehmens nicht aufrechterhalten. Hier zeigt sich wieder, wie dringend wir eine eigene Rechtsform für Sozialunternehmen bräuchten, da gemeinnützige Unternehmen gerade für den Aufbau in Wachstums- und Zukunftsmärkten gegenüber klassischen Unternehmen benachteiligt sind. Zudem sind wir seit 2016 einer der deutschen Pioniere für die BCorp-Bewegung. Die Aussage unseres Gründers Denis Bartel bringt die Motivation hierzu gut auf den Punkt:

„Das BCorp Siegel (...) steht für unseren Anspruch, eine Plattform mit gesellschaftlichem Mehrwert zu sein. Wir gehören zu einer wachsenden Community von Changemakern, die gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten. Wir stellen mit Startnext eine Infrastruktur bereit, die der Gesellschaft dient, soziales Unternehmertum fördert, sowie Kreativität und Erfindergeist eine Bühne bietet.“

Wie lautet Ihre Prognose für die Zukunft der Social-Business-Bewegung?
Aktuell findet bereits ein gesellschaftlicher Wandel statt. Leider geht dieser in eine völlig andere Richtung als ich mir das wünsche. Für mich stellt sich die Frage, ob unsere Bewegung schnell genug wächst, damit wir gemeinsam die aktuellen Herausforderungen lösen und einen positiven Wandel gestalten können. Die Social-Business-Bewegung vereint die Stärken aus sozialem und unternehmerischem Wandel im Einklang mit den technologischen wie gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit. Es geht darum, in einer immer komplexeren Welt ganzheitlichere Systeme aufzubauen. Dies kann ein großer Lösungsbaustein für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein. Aktuell ist unsere Bewegung noch zu klein, und viele der etablierten Akteure sind noch immer skeptisch. Wenn wir es schaffen, Politik, Wirtschaft und Akteure der klassischen Wohlfahrtsorganisationen auf unsere Reise mitzunehmen und gemeinsam diesen Wandel zu gestalten, schlummert hier enormes Potenzial für eine bessere Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass wir das Ruder herumreißen und gemeinsam einen positiven Wandel gestalten.

Über Markus Sauerhammer

Markus Sauerhammer ist erster Ansprechpartner für Kooperationen mit Startnext. Er war Landwirt, Gründer eines Hanfgartens, langjähriger Gründungsberater bei der IHK, hat Marketing und Management studiert und einen MBA für Gründung und Innovation absolviert.

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