Warten auf die Smart-Home-Revolution

Warum lässt der Smart-Home-Durchbruch in Deutschland auf sich warten? IoT-Experte Vincent Ohana über Vernetzungsängste und Zukunftspotenziale.

Internet of Things (IoT), Smart Home oder Modern Living – die eigenen vier Wände zu vernetzen, wird in ein paar Jahren in Deutschland keine Besonderheit mehr sein. Licht, Heizung, Rollläden, Wasch- und Kaffeemaschine arbeiten teilweise schon heute autonom und lassen sich auch von unterwegs ansteuern. Durch Künstliche Intelligenz und sogenannte Context Awareness werden einzelne Geräte künftig sogar in der Lage sein, Bedürfnisse zu „erahnen“, um dann richtig zu reagieren – abhängig von der Situation, in der sich der Nutzer befindet.

Schon heute gibt es nahezu jeden Haushaltsgegenstand in einer „smarten“, vernetzbaren Version, und die Anwendungsmöglichkeiten scheinen grenzenlos. Der Markt von Anbietern smarter Home-Lösungen boomt und wächst stetig. Die aktuell wichtigsten Player sind Apple mit der HomeKit-Komplettlösung, die Deutsche Telekom mit ihrer Marke QIVICON, Home Connect von Bosch/Siemens oder die RWE-Tochter innogy. Um Google Home als Nummer eins der Leader zu etablieren, hat Google durch den Kauf von Nest einen entscheidenden Schritt gemacht. Auch die neue Version von Amazons Alexa ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der Gigant den Markt erobern will. Als Außenseiter steht Miele@Home am Ende der Playerliste.

Die Deutschen zweifeln

Im Gegensatz zu Nutzern in den USA oder in Großbritannien betrachten Konsumenten in Deutschland das Thema Smart Home allerdings kritisch. Bemängelt wird hierzulande vor allem der fehlende Datenschutz: Nutzer wollen ihre persönlichen Daten nicht preisgeben. Dieses Misstrauen ist einer der Gründe, weshalb das IoT in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Dabei haben die heutigen IoT-Systeme längst integrierte Sicherheitskomponenten – und dass durchschnittliche Privat-Nutzer Opfer von Hacker-Angriffen werden, ist eher unwahrscheinlich.

Ein weiterer Kritikpunkt der Verbraucher ist die vermeintliche Komplexität vieler Smart-Home-Systeme und -Plattformen. Um den Weg für den Durchbruch in Deutschland zu ebnen, muss die Nutzerfreundlichkeit und leichte Bedienbarkeit noch intensiver als bisher von den Big Playern der IoT-Branche bedacht werden. Denn nur diejenigen Lösungen werden sich künftig durchsetzen, die von Kunden jeder Altersklasse und ohne handwerkliches oder technisches Wissen selbstständig verbaut und bedient werden können. Kein Konsument möchte für die Installation einen Handwerker beauftragen oder erst ein langes Erklärvideo ansehen. Ratsam ist es vielmehr, in intuitive, quasi selbsterklärende Systeme zu investieren – so wie Apple und Nest.

Auch wenn sich hierzulande die Zweifel und Vorbehalte gegenüber IoT nur sehr langsam zu lösen scheinen, wird das smarte Eigenheim – zumindest laut einer aktuellen Erhebung – an Beliebtheit gewinnen: Der Umsatz im Smart-Home-Markt in 2017 beträgt etwa 1.800 Mio. Euro. Im Segment “Vernetzung und Steuerung” wird die Anzahl der Haushalte im Jahr 2022 laut Prognose 9,3 Mio. betragen. Vor allem Sicherheitslösungen sind aktuell gefragt, denn sie vereinfachen den Alltag und können die Lebensqualität erheblich verbessern. So verändern Kameras, Sensoren, Künstliche Intelligenz und Subsound-Technologie die Zukunft der Anti-Diebstahl-Alarme, Gegensprechanlagen und Türschlösser. Gelungene Beispiele hierfür liefert die Produktpalette von Bosch Security Systems.

Smart-Home-Plattformen: Eine Kostenfrage?

Ein weiterer Aspekt, der immer noch viele Deutsche davon abhält, IoT-Produkte und -Services zu nutzen, sind die Kosten für intelligente Haushaltsvernetzung. Doch bereits in naher Zukunft werden Smart-Home-Systeme für alle erschwinglich sein – dann nämlich, wenn die nötige Intelligenz der Geräte in externe Clouds ausgelagert wird. Dieser Prozess ist deutlich billiger, als jedes Device mit einer komplexen und aufwändig entwickelten Elektronik auszustatten. Die Entwicklungskosten sinken damit rapide.

Zudem bieten Cloud-Anbieter wie etwa Amazon Web Services oder Microsoft IoT-Software bereits heute sogenannte Bausteine an. Entwickler von Smart-Home-Lösungen können diese sehr schnell und unkompliziert in ihre Systeme integrieren und müssen nun nicht mehr bei null anfangen. Innovationen im Vernetzten-Heim-Sektor kommen somit schneller und preiswerter beim Endkunden an.

Marken-Kooperationen gegen fehlende Standards

Eine weitere Strategie, um Menschen vom smarten Heim zu überzeugen und Investitionsvolumina zu senken, sind Marken-Kooperationen. Anbieter aus den unterschiedlichsten Bereichen haben sich zu Allianzen zusammengeschlossen, um ihren Kunden gemeinsam smarte Komplettlösungen und Services für das Zuhause zu bieten. So machen auf dem Online-Portal von QIVICON Gerätehersteller wie Osram, Miele, Philips oder Sonos gemeinsame Sache. Vor allem für kleine IoT-Anbieter ist das eine spannende Möglichkeit, gemeinsam mit den Big Playern wie Google oder Amazon am Markt zum Zug zu kommen und Teil ihrer Ökosysteme zu werden.

Unternehmen nutzen Kooperationen auch, um das Problem der fehlenden Standardisierung zu umgehen. Bislang gibt es nämlich nur Kommunikationsempfehlungen und keine weltweit bindenden Richtlinien, wie etwa in der Mobilfunkbranche, wo Standards wie GSM, UMTS oder LTE weltweit gelten. Im IoT-Business haben es die größten Anbieter bisher versäumt, solche gemeinsamen Regelungen festzulegen.

Sollten sich die führenden Anbieter auch in naher Zukunft nicht auf Standardrichtlinien einigen können, werden sich die Konsumenten über kurz oder lang auf einen Provider festlegen (müssen). Denn die Gefahr ist zu groß, dass die unterschiedlichen Systeme der Hersteller nicht kompatibel sind. Folglich würde sich der Markt künftig auf ein bis zwei Smart-Home-Anbieter konzentrieren. Für Unternehmen wie Telekom, Apple oder Google wäre das natürlich wünschenswert, weil sie damit eine noch stärkere Kundenbindung erreichen.

Generation Alpha als Treiber der Smart-Home-Revolution

In den kommenden Jahren können Markt und Konsumenten viele spannende Innovationen erwarten. Letztlich entscheiden jedoch die Verbraucher, wann es zur vollständigen Smart-Home-Durchdringung kommt – speziell in Deutschland. Dies wird allerspätestens dann eintreten, wenn die Generation Alpha, die praktisch von Geburt an ein Smartphone nutzt, die eigenen vier Wände bezieht. Interessant wird die Entwicklung des Smart-Home-Marktes dann auch aus einer übergreifenden Perspektive: im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle, die im IoT-Kosmos entstehen.

Über den Autor

Vincent Ohana ist Partner und Geschäftsführer des IoT-Dienstleisters Concept Reply GmbH. Das Unternehmen bietet einen multidisziplinären Ansatz, um alle Softwarekomponenten eines IoT-Projekts abzudecken: Firmware-, Backend- und Frontend-Entwicklung. Projekte für Kunden werden technologieunabhängig, agil und mit Open-Source-Technologien umgesetzt.

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