Was ist der Sinn des Orakels?

Orakel haben einen schlechten Ruf: Man denkt unwillkürlich an Zirkus-Veranstaltungen und alte Damen mit Tarotkarten. Aber der Begriff geht auf das Orakel von Delphi zurück, eine Institution des alten Griechenlands, die dort eine Funktion zwischen SCHIEDSGERICHT  UND WEISHEITS-GENERATOR ausübte. 

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Organisiert waren die Orakel in einer Mischung aus Tempel, Theater und “simulacrum”, in dem bestimmte Rituale ausgeübt wurden. Im Hintergrund agierte ein Priesterorden, der die Informationen seiner Zeit sammelte, aber auch politische und philosophische Interessengruppen, die als eine Art “Think Tank” fungierten und mit den Aussagen des Orakels Politik steuerten und auslösten.

Über fast sieben Jahrhunderte kamen Ratsuchende zum Orakel: Feldherren, Staatenlenker, Philosophen, aber auch unzählige normale Bürger, die um Rat bei ihren Geschäften baten. Die Antworten ließen bisweilen Tage auf sich warten, das meditative Ambiente forderte den Fragenden auf, über sein Anliegen SELBST zu reflektieren. Die eigentlichen Antworten waren oft rätselhaft, aber immer auch REFLEXIV im Sinne einer höheren, komplexeren Betrachtungsebene.

Zukunftshaus

GNOTHIS SEATON hieß das erste Motto des Orakels, eingemeisselt in Stein über dem Eingang. ERKENNE DICH SELBST! Jede Zukunfts-Aussage, jede VERMUTUNG über die Zukunft, ist immer auch eine PROJEKTION. “Wer in die Zukunft schaut, begegnet meist nur seiner eigenen Phantasie.” (Yugoslay Vlahovic) Eine “Vision” gibt Auskunft über eine innere Intention, eine “Bias”, eine Verzerrung der Wahrnehmung. Die Aufgabe des Orakels ist es, diesen Effekt BEWUSST zu machen und in SELBST-ERKENNTNIS - und damit echte Handlungsfreiheit - umzusetzen.

MEDEN AGAN lautet das zweite Motto. NICHTS IM EXZESS! Denn alle großen Irrtümer und Tragödien entstehen immer aus den Übertreibungen der Wahrnehmung, des Denkens, der WELT-Bildes. ES GIBT KEINE GUTE IDEE, DIE DURCH ÜBERTREIBUNG NICHT RUINIERT WERDEN KÖNNT! Indem das Orakel die Fragenden zur Mässigung aufrief, leitete sie eine Verarbeitungs- und Reflexions-Prozess ein, der zu höherem Wissen führt. Der Philosoph Alain de Botton schrieb:  

“Die Tragödienspieler des alten Griechenland vergassen niemals, wie grausam, dumm, sexuell, wütend und blind wir sein können, aber sie eröffneten auch den Raum für komplexe Gefühle. Durch die Beispiele, die sie uns hinterließen, werden wir zur Erkenntnis gebracht, dass wir Mitglieder einer noblen, aber hoffnungslos fehlerhaften Spezies sind. Fähig zu wunderbaren Heldentaten,  medizinischen Wundern und grossartigen Gesten. Wir können uns  rührend um das Wohl des Staates oder der Mitbürger kümmern, uns aufopferungswillig um unsere Kinder kümmern - nur um uns dann umzudrehen und in einer einzigen unbedachten Bewegung unsere ganze Existenz zu vernichten. Wir sollten uns besser fürchten!”

Ein gutes Orakel löst also einen  selbst-reflexiven, KATHARTISCHEN Prozess aus, in dem emotionale Wahrnehmungen, die sich in Weltbildern kristallisieren, in Erkenntnisse höherer Ordnung transformiert werden können. Damit ist das “Orakeln” immer auch eine STÖRUNG: an tradierten, linearen, konventionellen oder einfach egozentrischen Wahrnehmungs-Systemen und Deutungs-.Mustern. Das gilt auch für gesellschaftliche Fragestellungen. Wie Norbert Bolz in “Blindflug mit Zuschauer” schreibt:

“Wir können Prognosen als SELBST-BEOBACHTUNGEN der Gesellschaft verstehen, durch die sie sich selbst verändert. Moderne Gesellschaften sind dadurch charakterisiert, dass sie eine „metapreference in favour of challenging the prevailing preferences“ haben. Moderne Gesellschaften evaluieren sich selbst durch Selbstkritik.” 

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Grundlagen der Zukunftsforschung

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In diesem Dossier finden Sie Grundlagenwissen, methodische Hintergründe und Literatur zum Thema Zukunftsforschung. Viel Spaß beim Erforschen der Zukunft!

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.