Was kommt nach dem Internet-Desaster?

Die Digitale Revolution ist vorbei. Die “Silikon-Sultane” haben die Weltherrschaft ergriffen. Und jetzt?

1.

Das Internet ist kaputt, formulierte Sascha Lobo vor einem Jahr drastisch. 

Niemand hörte so richtig zu. 

„A Wonderland for Pathological Liars and Attention Whores“ nannte eine amerikanische Zeitung neulich das Internet.

Trotzdem werden auf allen High-Tech-Konferenzen immer noch dieselben alten Gesänge verbreitet, die alten Parolen gerufen, als  befänden wir uns im Honeymoon des gloriosen Digitalen Zeitalters: “Das ist erst der Anfang! Die wahre Internet-Revolution kommt erst noch! - Disruptive Geschäftsmodelle, Künstliche Intelligenz, vollautomatische Häuser, das INTERNET DER DINGE…!” 

All das klingt nur noch wie hohle Drohungen.

Längst habe ich die  Kommentarspalten abgeschaltet. Ich kann dieses widerliche Geweine und Gegreine der ewigen Zeigefinger-Besserwisser und ideologische Trolle nicht mehr lesen. Längst haben die meisten meiner Freunde ihre Facebook-Accounts leergeräumt. Wir reduzieren Emails, lesen wieder mehr Bücher. Wir üben eine neue digitale Schüchternheit.

In meinem Haus gibt es wieder Lichtschalter, die “Klick” machen. (www.zukunftshaus.at).

Der ECONOMIST verglich die Internet-Gründer vor Kurzem mit den RÄUBERBARONEN des späten 19. Jahrhunderts, den Rockefellers. Er nannte die Bezos und Zuckerbergs und Google-Gründer  SILICON SULTANS - Silikon-Sultane.

“Die neuen Internet-Kapitalisten haben längst ihren Glorienschein verloren. Wie die Tycoons der Gründerjahre haben sie sich von Revolutionären, die das Neue, die Innovation zu den Massen bringen wollten, zu Monopolisten gewandelt, die mit allen Mitteln um Marktherrschaft ringen. Sie glauben, alle Probleme der Menschheit lösen zu können, vom Tod bis zur Weltraumfahrt. Sie beschäftigen - indirekt - gewaltige Massen von Billiglöhnern, gehen rücksichtslos mit ihren Shareholdern um, schmieren oder umschmeicheln Politiker… “

Günther Thiel, der Paypal-Gründer (neuerdings auch Investor in die Marihuana-Branche), hat in seinem Buch “Zero to One” diesen Monopol-Hyperkapitalismus sogar dreist als Programm ausgerufen: “Alle gescheiterten Unternehmen sind im Grunde daran gescheitert, dem Wettbewerb zu entkommen!” Prompt wird Thiel auf alle hippen IT-Konferenzen eingeladen, man hängt an seinen Lippen wie am pseudorevolutionären Gesäusel von Jeremy Rifkin. Der will uns weismachen, wir lebten demnächst in einem “Paradies ohne Grenzkosten”. 

Wer diese Zero-Cost zu tragen hat, zeigen Beispiele wie UBER. Solche zynischen Geschäftsmodelle zeigen, wie man mit der Sharing-Idee Kreative Destruktion  ganz ohne die Kreativität ausüben kann. Als brutale Strukturgewalt. Der Economist:

“Henry Ford schuf Autos für jedermann. Bill Gates versuchte, einen Computer in jedes Büro zu stellen. Larry Page und Sergey Brin brachten alle Information der Welt auf jeden Bildschirm, und Mark Zuckerberg machte das Internet sozial. Beide Gruppen expandierten dann aggressiv aus ihrem Kerngeschäft heraus:  Die Eisenbahn-Tycoons gingen ins Bankenwesen, Rockefeller investierte in Chemie,  Immobilien und Verlage -  so wie Google heute massiv in Robotik, Energie und Hauselektronik, ja sogar in Weltraum und Unsterblichkeit  investiert. Immer geht es um die Economy of scale: Preise reduzieren, den Markt erobern, die Standards setzen, die Welt abgrasen. Der Wissenschaftshistoriker Alfred Chandler summierte die hundert Jahre nach 1880 mit dem Satz: “10 Jahre Innovation, dann 90 Jahre Oligopol”.

Selbst auf der stets digitaleuphorischen TED-Konferenz kippt die Stimmung. “Das Internet steht in Flammen” (The Internet is on Fire!”), hieß ein Vortrag von Mikko Hypponen auf der TED X-Konferenz Brüssel. “Wenn Sie hören, dass ein Gerät SMART ist, dann übersetzen Sie dieses Wort bitte mit: “AUSBEUTBAR”!”, sagte Hypponen.

“Der wirkliche Mythos”, schreibt Andrew Keen in seinem neuen Buch “The Internet is not the Answer” (deutsch: “Das Digitale Debakel”), “ist, dass wir ÜBERHAUPT kommunizieren. Die Wahrheit ist, dass wir meistens nur mit uns selbst sprechen auf diesen angeblichen “Sozialen Netzwerken”. Das Internet ist eine vernetzte Kleptokratie, nichts anderes!” 

So wie es aussieht, sind IS und PEGIDA die wahren Profis des Netzes. Und das Netz führt keineswegs zu einer Belebung der öffentlichen Zukunftsdebatte. Sondern zur Verkommenheit des öffentlichen Diskurses. Ist das also das Ende eines Traumes? Einer revolutionären Phantasie, die uns ein Vierteljahrhundert im naiven Glauben des Fortschritts und der Zukunft ließ? Und die jetzt wie ein Kartenhaus zusammenfällt?

Alles vorbei?

 2.

Vielleicht schauen wir auch einfach nicht richtig hin.

Als die Dampfmaschinen zu laufen begannen, wurden hunderttausende Weber arm und arbeitslos.  Die Eisenbahn zerstörte ganze Landschaften, machte Ausplünderungen ganzer Kontinente möglich. Würde man die Eisenbahn deshalb  heute als “gescheiterte Technologie” empfinden? Sie hat ihren Sinn und Nutzen gefunden, und ihre Exzesse eingedämmt, ihren Segen bewiesen - vielleicht sogar noch eine weitere Zukunft vor sich.

Die Elektrizität kostete nicht nur den Lampenputzern den Job. Chemie führte zu schrecklichen Verseuchungen der Umwelt,  zu schrecklichen Waffen und einer Degeneration der Lebensmittel. Heute nutzen wir Chemie, um die nächste Stufe nachhaltiger  Stoffkreisläufe einzuleiten. Aus Recycling ist längst eine neue Kreislaufwirtschaft geworden, die das alte Paradigma der Rohstoffknappheit gerade radikal in Frage stellt.  Die Cradle-to-Cradle-Bewegung definiert unseren Umgang mit den Molekülen neu. Michael Braungart der Öko-Revolutionär, der diesen Begriff prägte, ist Chemiker und beschäftigt ein riesiges Unternehmen mit Chemikern, um die schädlichen Stoffe aus unserem Stoffkreislauf HERAUSzubekommen.

Jede große Disruption hat Folgekosten, gerät irgendwann in die Krise - und wird danach in neuen Kontexten re-konfiguriert. Die Geschichte des Fortschritts scheint auf einem ständigen Stolpern und Fallen, einem ewigen IRREN geprägt. Im günstigsten Fall erleben wir RENAISSANCEN, in denen das altgewordene Neue und das wiederentdeckte Alte sich zu echtem Fortschritt vereinen. Die  zerstörerischen Kräfte, die das Automobil mit sich brachte, begreifen wir jetzt erst  langsam - im Rahmen einer Renaissance des urbanen Lebens. Die ersten Städte beginnen damit, die Herrschaft des Verbrennungsmotors hinter sich zu lassen - und haben damit, siehe Münster, Kopenhagen, Amsterdam, großen Erfolg. Langsam begreifen wir, dass uns das Auto ähnlich wie das Internet zu Süchtigen gemacht hat. Wir sind Junkies des großen Boliden. Autofahren frisst unsere Lebenszeit, aber erst das Aufkommen des automatischen Autofahrens am Horizont lässt uns plötzlich ins Grübeln geraten: WAS MACHEN WIR DA ÜBERHAUPT? WIE SEHR SIND WIR LÄNGST DIENER, SLAVEN DES LENKRADS UND DER KOLBENRINGE?

Technologie stellt uns immer Fragen nach uns selbst. Wir müssen nur zuhören!

Gescheitert ist das Internet dort, wo in den Schnittstellen menschlicher Kommunikation der RÜCKKANAL verloren ging. Im Netz kann man jeden beleidigen und abwerten, weil man SEIN EIGENES GESICHT NICHT ZEIGEN muss. Distanz-Aggression ohne Konsequenzen: Im Netz generieren wir nur Masken, die wir zu optimieren versuchen. Das MUSS zu bitteren Enttäuschungen führen.

Zweifelsohne hat das Netz auch einen hohen Sucht-Faktor. (Wie sagte meine Großmutter so schön? “Alles, was gut ist, macht süchtig, vor allem Sauerbraten und Cognac.”). Die menschliche Psyche ist auf Aufmerksamkeit getrimmt. Jede einkommende Botschaft gibt uns das Gefühl.

WIR EXISTIEREN!

Inzwischen verstehen wir, dass es ungesund ist NIE DORT ZU SEIN, WO MAN GERADE IST. In der einer Welt, wo alle unentwegt nur auf ihr “Ding” starren, geht das Zwischenmenschliche verloren.

(Hier ein wunderbarer Clip von Coca Cola zum Thema “Digitale Desozialisation”)

Die nüchterne Wahrheit ist: Menschen eigenen sich nicht wirklich für Multitasking. Ständige Ablenkung führt zum Zusammenbruch unseres seelischen Fokus.

Wetten, dass die “Digital Diet”, die in den USA bereits talk of the town ist, in wenigen Jahren so dazugehört wie Veganismus oder Trennkost oder Wellness-Kuren? Dass es als unhöflich, ja OBSZÖN gelten wird, dauernd auf sein DING (seinen Bildschirm) zu starren? 

Ständig Online sein ist das neue Rauchen!

Jede Technik muss irgendwann ihre Verheißungen relativieren. Nicht alles lässt sich digital substituieren. Zum Beispiel die Liebe. Ein klassischer Irrtum: Suchalgorithmen finden nicht “den/die Richtigen”. Denn Liebe ist nicht das Resultat der richtigen AUS-WAHL. Sondern ein Prozess, in dem wir uns selbst - zugunsten eines anderen - verändern und erweitern.

Oder das Lernen. Wissen entsteht eben nicht durch ZUGANG zu Informationen allein. “Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen”, formulierte John Naisbitt schon vor 15 Jahren - das Problem begann längst vor der Digitalisierung. Wissen ist immer  Erfahrung, Abwägung, Instinkt, Emotion. Deshalb kann man einen Kurs über Fachwissen im Netz belegen. Aber KLUG wird man nur durch den fragenden Umgang mit fragenden, verletzlichen Menschen. 

In Sachen Computer und Internet sind wir alle Opfer eines anthropomorphen Missverständnisses. Wir haben den Computern menschliche Lösungen und Leistungen untergeschoben. Aber ein Facebook-Account mit 1000 Freunden ist eben nicht einfach eine Verlängerung der Hand, wie ein Hammer. Eher ein Hammer, mit dem man sich ständig mental auf den Kopf haut. 

Meine REAL-DITIGALEN Lieblingsanwendungen:

  • EGG (USA): Ein Netzwerk von Bio-Food-Produzenten, bei denen man einen individuellen Warenkorb nach Hause bestellen kann. 
  • MYTAXI: Klarer Win-Win-Nutzen auf allen Seiten: Der Taxifahrer bekommt mehr  Stolz, ich als Kunde weiß, mit wem ich fahre und wann einer kommt, die Taxis werden sauberer, die Fahrer glücklicher, das Trinkgeld steigt… 
  • MUD Jeans: Meine neuen Jeans sind GELEAST, aus biologischer Baumwolle, und wenn sie abgetragen sind, schicke ich sie zurück. Ich weiß, wo sie genäht werden (in Italien, zu vernünftigen Löhnen). Perfekte Kreislaufwirtschaft, nur möglich durch die Segnungen der Netzwirtschaft.
  • PUMPIPUMPE. Wir alle leihen uns bisweilen Werkzeug aus. Eine genuin humane Tauschwirtschaft. Aber der Bohrer, die Säge, der Rührmix sind physische Gegenstände, und der Akt des Lebens und Nehmens ist analog. Pumpipumpe (“a sharing network”) trägt dem Rechnung und lässt seine Mitglieder kleine Zettelchen drucken (von einer praktischen Online-Plattform) mit Symbolen, die man auf seinen Briefkasten klebt. Und schon weiß der Nachbar Bescheid, nach was er fragen kann! Auch wenn er nicht ständig ONLINE ist!

Die Zukunft ist REAL-DIGITAL. Das heißt, dass sich jene Netz-Anwendungen evolutionär durchsetzen, die einen ECHTEN Mehrwert generieren - der auch in der analogen (physischen) Welt Bestand hat. Crowdsourcing ist ein gutes Beispiel. Das Netz ist ein Segen für diejenigen, die etwas WAHRHAFTIGES vorhaben. Wo das Digitale uns ein MEHR an Lebens-Komplexität zumutet, als es uns an erlöster Komplexität GIBT, versagen digitale Märkte. Das “Internet der Dinge” ist nichts anderes als eine Dystopie, in dem wir zu Bedien-Einheiten von GADGETS werden. Bei Flugzeugturbinen, 4.0-Fabriken und in großen Bürogebäuden mag das Internet der Dinge ein wichtiges Tool sein. Im privaten Leben bleibt es ein Terror.

Das ist der zweite große Irrtum, der aber keineswegs auf die digitale Welt beschränkt ist: Dass der Sinn von Technik KOMFORTABILITÄT ist. 

Technologie hat immer ZWEI Aspekte: Sie ermächtigt uns. Und sie PROTHETISIERT uns. Ein Navigationssystem lässt uns die wichtige Human-Fähigkeit der ORIENTIERUNG ent-lernen. Wearables sagen uns, wie unser Herzschlag beim Sport sein sollte - aber wir verlieren womöglich unsere Fähigkeit, unseren Herzschlag selbst zu SPÜREN.  Wo der Entmündigungsprozess überwiegt, wird Technologie zum Flop. In der zweiten Stufe, in der REKURSION, passt sich Technologie wieder dem Menschen an. Durch Scheitern, durch Pleiten, durch hartnäckige Aversion wie bei GOGGLE GLASS.

Das große Projekt der ACHTSAMKEIT, das gerade unsere Kultur zu erwecken beginnt, wird auf den digitalen Raum übergreifen. Achtsamkeit handelt davon, dass wir unsere sensuelle, mentale, informelle Freiheit zurückerobern. 

Die Evolution des Menschen IN seiner Technologie steht nicht still. 

Werden wir OMLINE! 

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Medien

Dossier: Medien

In der Medienwelt von morgen werden sich Geschichten noch weiter von ihren Trägermedien lösen und alte Denkschemata in „Zielgruppen“ obsolet machen. Im Zentrum strategischer Überlegungen wird die individuelle Nutzungssituation stehen - und damit auch die Frage, ob ein Medium Diffusions- oder Fokusmedium sein will. Den Medien von morgen gelingt es, beides miteinander zu verbinden.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.