Wearables: Auf dem Weg zur Menschmaschine

Computer, die wie Kleidung oder Accessoires am Körper getragen werden können, stellen uns vor die Frage: Wie nah wollen wir Technik an uns heranlassen?

Von Cornelia Kelber und Pia Nagel (09/2016)

Pexels / photos.oliur.com / Smart Watch / CC0

Wie intim soll die Beziehung zwischen Mensch und Maschine werden? Diese Frage wird unsere nähere Zukunft entscheidend prägen. Noch ist der gesellschaftliche Mainstream jedoch weit davon entfernt, menschliche Körper als programmierbare "Wetware" zu begreifen, wie es in der Subkultur der Body-Hacker üblich ist: Der Mensch als "Code", als Substanz, die ebenso veränderbar ist wie ein Computerprogramm.

Das klingt zunächst technisch und kalt, doch Idealisten verbinden mit dieser Idee die Hoffnung, dass der Veränderung auf technisch-biologischer Ebene auch eine Veränderung auf geistiger Ebene folgen wird. Aus den künstlich erweiterten Sinnesorganen soll mehr Sensibilität, mehr Sinn für Poesie und ein innigeres Weltverhältnis resultieren. Nicht eine Menschmaschine à la "Terminator", sondern ein besserer, ein wärmerer, glücklicherer Mensch. So das ferne Ziel.

Bereits 2010 gründeten Neil Harbisson und Moon Ribas die Cyborg Foundation. Die Stiftung soll es Menschen ermöglichen, mit technischen Mitteln ihre Wahrnehmung zu erweitern, unabhängig davon, ob eine "Behinderung" vorliegt oder nicht. Denn die Vorstellung von einem körperlichen "Normalzustand", der mit Hilfe der Technik wiederhergestellt werden soll, haben sie längst hinter sich gelassen. Auch Harbissons EyeBorg-Implantat stellt nicht nur die Fähigkeit, Farben zu sehen, wieder her, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten, etwa die Wahrnehmung von Ultraviolett- und Infrarotstrahlung. "Das ist praktisch", scherzte er auf der re:publica 2013 in Berlin, "wenn man an den Strand will und nicht genau weiß, welchen Sonnenschutzfaktor man an diesem Tag braucht."

Heute müssen Menschen zunehmend als eine Art Mensch-Maschine-Konglomerat aus Homo Sapiens und Smartphone gedacht werden. Zumindest in den jüngeren Gesellschaftsschichten schlägt demjenigen Unverständnis entgegen, der nicht von unterwegs jederzeit eine WhatsApp-Nachricht schreiben, etwas auf Wikipedia nachschlagen oder seinen Weg selbstständig mit Hilfe von Google Maps finden kann. Diese erweiterten Fähigkeiten, über die wir erst seit ein paar Jahren verfügen, werden zunehmend als selbstverständlich vorausgesetzt. Wie wird sich die temporäre Menschmaschine, die wir jetzt schon sind, über die Schnittstelle Smartphone hinaus weiterentwickeln?

Unter dem Konzept des Wearable Computing werden verschiedenste Computerprodukte entwickelt, die getragen werden können wie Kleidung und Accessoires – möglicherweise das nächste große Ding nach dem Triumph des Smartphones. Die Technologie-Expertin und Risikokapital-Beraterin Mary Meeker prognostiziert, dass sich Wearables schneller als andere Technologien verbreiten. Laut dem Marktforschungsunternehmen IDC wurden 2014 weltweit 28,8 Millionen Wearables verkauft, 2015 bereits 78,1 Millionen – ein Wachstum von mehr als 171 Prozent.

Bereits durchgesetzt hat sich der Trend zum Wearable Computing dort, wo er sich mit dem Self-Tracking-Trend verbinden kann. Gesundheit und Fitness sollen nicht mehr dem Zufall überlassen werden. Das Zählen von verbrannten Kalorien, gegangenen Schritten und das Aufzeichnen von Schlafphasen helfen dem Gesundheits-Prosumenten, seine körperliche Fitness zu optimieren. Auch hier ist die Vision von einem besseren Menschen die treibende Kraft. Doch anders als bei den Cyborgs der Cyborg Foundation dient Technologie nicht einer erweiterten Wahrnehmung, sondern dem Messen, Zählen und Wiegen im Alltag. Das Ziel: die Gesundheit optimieren – und die Leistungsfähigkeit.

Der Markt der Fitness-Armbänder boomt weiterhin. Fitness Tracker sind laut Juniper Research die beliebtesten und meistgenutzten Wearables. Pioniere sind die kalifornischen Unternehmen Jawbone und Fitbit. 2011 gab Jawbone, das bis dahin auf die Herstellung von Lautsprechern und Kopfhörern spezialisiert war, sein Fitness-Armband Up heraus, das Schlaf-, Ess- und Bewegungsverhalten analysiert. Es folgten vier weitere Armbänder und ein Clip, der an der Kleidung befestigt werden kann. Die Daten werden von den Fitness Trackern an die Smartphone-App geschickt. Die Geräte sind auch kompatibel mit anderen Fitness-Apps wie Sleepio oder GymPact.

Wearables-Marktführer FitBit hat einen ausgeprägteren Gamification-Ansatz: Für das Erreichen von Fitness-Zielen gibt es virtuelle Abzeichen, die auch auf der Webseite veröffentlicht werden. Bevor FitBit 2013 sein erstes Armband FitBit Flex auf den Markt brachte, hatte das Unternehmen schon jahrelang mit anderen Fitness-Tracking-Geräten experimentiert: Bereits 2008 kam das FitBit Classic heraus, optisch eine Mischung aus Krawattennadel und USB-Stick. Die lange Erfahrung auf dem Quantified-Self-Markt zahlt sich aus: FitBit kann auf eine Reihe illustrer Awards und Investoren verweisen – und auf die Tatsache, dass seine Kunden 43 Prozent mehr Schritte täglich gehen als Nicht-Kunden.

Fitness Tracking können aber nicht mehr nur Armbänder, sondern auch Kleidungsstücke wie T-Shirts, Sport-BHs oder Socken. Die Firma Hexoskin hat 2015 ein Smart Shirt vorgestellt, das die Herz- und Atemfrequenz sowie das Atemvolumen misst, Schritte zählt und den Schlaf überwacht. Das Shirt kann über Bluetooth mit verschiedenen Fitness-Apps verbunden werden. Nach 14 Stunden ist der Akku des Shirts jedoch leer und muss aufgeladen werden.

Neben der Aufzeichnung und Sammlung von Daten kann Sportbekleidung und Sportausrüstung sogar den Job eines Personal Trainers übernehmen. So hat das Unternehmen electricfoxy ein Sporthemd entwickelt, das bei Yoga und Pilates Positionskorrekturen vornehmen kann. Das Oberteil ist mit vier Sensoren ausgestattet, die den Träger anleiten sollen, Bewegungen richtig auszuführen. Die Sensoren können Körperhaltungen und Muskelbewegungen erkennen und sind vorne, hinten und an den Seiten des Shirts eingelassen. Das Move-Oberteil weist durch leichten Druck an der jeweiligen Stelle auf falsche Bewegungen hin – so wie ein menschlicher Coach. Eine mit den Sensoren verbundene App zeigt dem Nutzer im Detail, wie richtige Bewegungen aussehen, wo er sich verbessert und wo noch Nachholbedarf besteht.

Bereits auf dem Markt ist die mit Sensoren ausgestattete Sportkleidung von Athos, die nicht nur die Herz- und Atemfrequenz misst, sondern dem Sportler einen direkten Einblick in seine Muskelarbeit gibt. Auf diese Weise kann er erfahren, welche Teile seines Körpers am meisten angestrengt wurden und welche Bereiche noch trainiert werden müssen. Die Daten werden via Bluetooth auf dem Smartphone angezeigt.

Doch auch abseits des Fitness-Trends wächst das Interesse an Wearables. Accessoires wie Uhren und Brillen werden zur iWear. Eine Smartwatch ermöglicht dem Nutzer einen Blick auf das Handy, ohne es aus der Tasche ziehen zu müssen. Das kleine Startup Pebble, eine Erfolgsgeschichte der Crowdfunding-Plattform Kickstarter, hat dieses Potenzial schneller erkannt als die "Großen": Die ersten Smartwatches von Pebble wurden bereits im September 2013 nach Deutschland geliefert. Auf dem E-Paper-Display der Pebble-Watch werden Features wie E-Mails, Nachrichten, Wetter und eingehende Anrufe angezeigt. Zwei neue Smartwaches, die Pebble 2015 herausgab, verfügen zusätzlich über einen Farbdisplay und ein eingebautes Mikrofon.

Im September 2013 kam die erste Smartwatch von Samsung, die Galaxy Gear, auf den Markt. Sie verfügt über Kamera, Lautsprecher und Mikrofon und war die erste Smartwatch, die direkt als Telefon benutzt werden konnte. Seit 2013 hat Samsung jedes Jahr mindestens eine weitere Smartwatch herausgebracht. Im April 2015 startete der Verkauf der Apple Watch, die in mehreren Ausführungen, bis hin zur Luxus-Variante, erhältlich ist. Wie die neueren Modelle von Samsung verbindet sie Smartphone und Fitness-Armband. Sie vibriert, wenn Nachrichten eingehen oder Termine bevorstehen, kann Telefongespräche annehmen, aber auch den Puls und das Bewegungsniveau messen. Dem Nutzer empfiehlt sie, wie oft er stehen, sich bewegen oder trainieren soll. Für jeden Erfolg gibt es eine virtuelle Medaille.

Einen noch direkteren Kontakt zum menschlichen Körper bieten smarte Brillen oder Kontaktlinsen. Die Google Glass ist via Bluetooth oder WLAN mit dem Smartphone verbunden und kommuniziert nicht nur über den Augmented-Reality-Prisma-Bildschirm mit ihrem Träger, sondern auch über einen "Lautsprecher", der nicht über die Ohren, sondern über die Knochen mit dem User spricht. Bedient wird die Brille via Spracherkennung und Berührung am Bügel. Schon die Ankündigung des Prototypen 2012 rief eine Welle von Reaktionen zwischen Begeisterung und Entsetzen hervor. 2013 verteilte Google die "Explorer Edition" an einige tausend Beta-Tester, die sich im Vorfeld bewerben mussten, um die 1500 Dollar teure Brille kaufen zu dürfen. Anfang 2015 wurde der Verkauf der Brille allerdings gestoppt. Eine neue Abteilung soll nun an der Weiterentwicklung arbeiten.

Samsung hat im April 2016 ein Patent für eine smarte Kontaktlinse eingereicht, die über ein Display und eine Kamera verfügt. Elektronische Bestandteile wie eine Antenne sollen die Daten vom Smartphone direkt an die Linse und somit das Auge weitergeben. Sensoren reagieren auf die Bewegungen des Auges und können so nachvollziehen, wohin der Benutzer schaut. Informationen, zum Beispiel Navigationsanweisungen, sollen mithilfe des Displays direkt ins Auge projiziert werden können. Die Technik der smarten Kontaktlinsen ist unsichtbar. Das Gegenüber weiß nichts von dem Computer im Auge.

Verschiedene Ansätze zeigen, dass wir Wearables bald schon nicht mehr nur am, sondern im Körper tragen könnten. Unter dem Projektnamen Proteus haben britische Forscher Pillen mit Mikroprozessoren hergestellt, die den behandelnden Arzt wissen lassen, ob die verschriebene Medikation richtig eingenommen wird und ob sie den gewünschten Zweck erfüllt. Unterstützt von der Gates Foundation wurde in einem MIT-Projekt eine Pille zur Empfängnisverhütung entwickelt, die über eine Fernbedienung gesteuert und damit je nach Bedarf an- und ausgeschaltet werden kann. Implantiert wird ein Chip, der über 16 Jahre lang kleine Mengen eines empfängnisverhütenden Hormons produziert.

Als Ersatz für den Personalausweis könnten in Zukunft RFID-Chips unter die Haut eingepflanzt werden, die eine Person sowohl identifizieren als auch lokalisieren. Das US-Militär hat diese Technologie bereits eingesetzt, um den genauen Standort von Truppen ermitteln zu können. Was für das Militär ein Garant für Kontrolle und Sicherheit ist, erscheint anderen als Big-Brother-Horrorszenario. Mit dem Einzug der Technik in den Körper würden wir nicht nur einer noch lückenloseren Datenüberwachung zustimmen, sondern uns auch in ein immer größeres Abhängigkeitsverhältnis begeben. Denn was passiert, wenn die Technik einmal ausfällt oder gar gehackt wird?

Die revolutionären technologischen Umwälzungen der vergangenen Jahrhunderte haben unseren Alltag und unsere Gewohnheiten stark verändert. Unsere Wahrnehmung und unsere Fähigkeiten sind anders als vor hundert Jahren – nicht aber unser geistiger Platz in der Welt. Das wird sich auch in den nächsten hundert Jahren nicht ändern. Menschen sind kein programmierbarer „Code“, dafür sind sie zu vielschichtig, komplex – und irrational. Deshalb wird Technologie uns nie zu Übermenschen machen können, selbst wenn sie unseren Aktionsradius erweitert oder mithilfe von Self Tracking unsere Selbstdisziplin befeuert.

Aber Technologie kann uns helfen, über uns hinauszuwachsen. Dieser Wunsch nach Selbstoptimierung ist es, der den noch jungen Markt für Wearable Computing definiert. Das Rennen um diesen Markt wird letztlich nicht durch Technik entschieden werden, sondern durch bessere Kenntnis der Wünsche – und Ängste – der Verbraucher.

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