Wie innovativ ist “smart”?

Die Welt wird smart: Telefone, Autos und ganze Städte werden „intelligent“ – aber werden sie auch innovativ? Überlegungen am Beispiel des „Smart Tables“.

Von Nick Brandt (12/2015)

Intelligenz galt lange als das Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Mit zunehmender Vernetzung häufen sich jedoch auch die Diskussionen um intelligente Maschinen, smarte Geräte und künstliche Intelligenz. Prozesse, Gegenstände und Strukturen werden “smarter” – mit Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und die Art des Zusammenlebens. Doch nicht immer erzeugt die “Smartifizierung” von Geräten und Gegenständen echten Mehrwert. Die Smart City ist bisher vor allem ein spannendes Konzept geblieben, das Smart Board eher eine Spielerei und Smart Car wirft momentan noch mehr Probleme auf als es Vorteile bringt.

Gerade wird mit Hochdruck an einer smarten Variante eines Gegenstands gearbeitet, der für die meisten Menschen der westlichen Welt das zentrale Wohnobjekt ist: der Tisch. An ihm wird gearbeitet, gekocht, debattiert und geschaffen, er ist Dreh- und Angelpunkt des sozialen Zusammenlebens. In einer hochvernetzten Welt kann er aber weit mehr als nur ein Alltagsgegenstand sein: Er entwickelt sich zur Schnittstelle, zum Kommunikationsmedium und zur Küchenhilfe – und damit zur “Smart Innovation”. Die folgenden Beispiele zeigen, wie “smart” wir in Zukunft wohnen und arbeiten könnten – und werfen zugleich die Frage auf: Welche dieser Neuerungen macht wirklich Sinn?

IKEA Concept Kitchen 2025

Die gesamte Tischoberseite besteht aus einem Induktionskochfeld und dient neben auch als Projektionsfläche, um etwa Rezeptvorschläge darzustellen. Eine Kamera, die Bewegungen und Gegenstände  erkennt, ermöglicht passgenaue Rezepte für auf dem Tisch befindliche Zutaten. Diese können dann auch direkt auf dem Feld zubereitet werden – ein Gesamtkonzept, das Küchen- und Arbeitsfläche sowie Esstisch vereint.  

Semantic Listening Table des New York Times R&D Lap

Der “Listening Table” hört und versteht Konversationen, die am Tisch stattfinden. Ein Mikrofon nimmt diese auf und speichert sie. “Touchpoints” an der Tischoberfläche ermöglichen es, virtuelle Markierungen zu setzen, die später in einer App abgerufen werden können.

Projekt “Transform” des MIT Media Lab

Der Tisch besteht aus drei integrierten Displays mit jeweils 1000 beweglichen Pins. Diese reagieren über eine Sensorerkennung variabel und intuitiv auf Bewegung von außen und transformieren sich entsprechend der Bewegungsabläufe.  

Die Beispiele zeigen anschaulich, welche Faszination von einem “Smart Table” ausgehen kann. Doch bei allen Erleichterungen und Hilfestellungen, die auf den ersten Blick geboten werden, wird der stellen sie zugleich erhöhte Anforderungen an die Nutzer: Smart Tables machen ihre Besitzer zu Usern, die sich den Umgang erst aneignen müssen. Was dem intelligenten Tisch fehlt, ist ein wirklicher “Need”: Er antwortet auf kein Bedürfnis, dass der analoge Tische nicht erfüllen kann. Vielmehr wirft ein hochtechnologisierter Tisch viele Fragen auf: Wie kann ich verhindern, dass mich der Tisch nicht nicht zu stark beeinflusst? Wie kann die Bedienung so einfach gestaltet werden, dass sie nicht zur zusätzlichen Anstrengung wird? Wie kann ein smarter Tisch den sowieso schon hochtechnologisierten Alltag erleichtern?

Erfolgreiche Technologie muss nicht in erster Linie smart sein, sondern vor allem auf menschliche Bedürfnisse zugeschnitten sein. Deshalb können scheinbar simplere Neuerungen wie die Nachttischlampe, die kabellos und automatisch das Smartphone mittels Induktion auflädt, eine größere Wirkkraft als ein Smart Table, der vor Soft- und Hardware nur so strotzt: Sie antworten auf einen echten Need, die Basis echter Innovationen.

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