Bio-Tech: Das lebende Haus

Neues Leben für die eigenen vier Wände: Wie Bio-Technologie und Mikroorganismen die Zukunft des Wohnens revolutionieren könnten

Quelle: TREND UPDATE 03/2013

Unsplash / Liam Andrew Cura / CC0

Bakterien, Algen und Pilzkulturen sind nicht unbedingt Begriffe, die man gerne mit Wohnbau oder gar Haushalt in Verbindung bringt. Lange Zeit galt es als eines der obersten Ziele guter Haushaltsführung, sämtliche Mikroorganismen aus dem Wohnraum zu verbannen. Dieser Ansatz wurzelt in einem Denken, das Natur und Kultur als zwei voneinander strikt getrennte Konzepte begreift. Das eine organisiert, rein und kontrollierbar. Das andere schmutzig, unberechenbar und gefährlich.

Auch wenn dieses Misstrauen an vielen Stellen berechtigt ist, so ist es doch stark übertrieben. So sind unter den rund 6.000 bis 10.000 bekannten Bakterienarten (man geht davon aus, dass noch rund 95 bis 99 Prozent der Bakterien unbekannt sind) durchaus einige potentiell gefährlich für den menschlichen Organismus. Die überwiegende Mehrheit jedoch ist vollkommen unbedenklich Wie kann Wohnen nachhaltiger und ökologisch verträglich gestaltet werden, ohne dabei auf Komfort zu verzichten? oder gar essentiell wichtig für unser Überleben. Dennoch gaben bei einer Befragung des Ifak-Institutes im Jahr 2012 18,2 Prozent der befragten Deutschen an, mindestens mehrmals im Monat harte Desinfektionsmittel zu verwenden. Dabei reichen gute Haushaltshygiene und herkömmliche Reinigungsmittel für den privaten Haushalt vollkommen aus.

Die nächste Evolutionsstufe

Es ist an der Zeit, die kleinen Lebensgefährten einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Der biotechnologische Trend in der Design- und Architekturszene zeigt, dass Mikroorganismen großes Potenzial zur Verbesserung des menschlichen Wohnraumes haben. Viele Forscher sehen die Synthese aus Biologie und Produktion gar als die nächste Evolutionsstufe der industriellen Revolution. Aus vielbekriegten unsichtbaren Feinden werden plötzlich produktive Helfer.

Viele zukunftsorientierte Avantgardisten beschäftigen sich derzeit damit, wie man Wohnen nachhaltiger und ökologisch verträglich gestalten kann, ohne dabei auf Komfort verzichten zu müssen. Ein Motiv dafür ist ein gestiegenes und verändertes ökologisches Bewusstsein. Die kreative Klasse will dazu beitragen, Lösungen für globale Probleme wie die Klimaerwärmung zu finden. Design und Architektur sollen weder nur rein ästhetischen Ansprüchen genügen, noch ausschließlich an ihrer Funktion gemessen werden.

Mehr denn je fühlen sich viele Menschen, besonders im urbanen Raum, von der Natur entfremdet und suchen nach neuen Möglichkeiten, wieder mit ihr in Beziehung zu treten. Eine davon ist, mehr Natur im eigenen Wohnraum zuzulassen und sich selbst als Teil eines ökologischen Kreislaufes zu begreifen. Angesichts der schnell zunehmenden globalen Verstädterung haben diese und andere neo-ökologische Konzepte das Potenzial, unsere Zukunft langfristig zu verändern.

„The Future is fungal“

Phil Ross ist ein DIY-Künstler und Erfinder, der sich auf die Verwendung von Biotechnologie und insbesondere von Pilzstrukturen für Skulpturen, Interieur und Architektur spezialisiert hat. Aufgewachsen in New York City, fühlte er sich wie viele Stadtmenschen schon früh von der Natur entfremdet. Er suchte also nach Möglichkeiten, eine Verbindung zur Natur aufzubauen, wusste aber zuerst nicht wie. In seiner späteren Tätigkeit als Küchenchef beschäftigte er sich intensiv mit Speisepilzen. So lieferte ihm seine direkte (Arbeits-)Umgebung Inspiration und das Material, um sein Bedürfnis nach mehr Naturverbundenheit zu befriedigen.

Lange Zeit galt die Pilzzucht als ein sehr gut gehütetes Geheimnis, da sich mit der Produktion von Speise- und Heilpilzen große Gewinne erwirtschaften lassen. Doch auch in dieser Bewegung hat der Trend zur Openness voll eingeschlagen. Bücher wie jene des Mykologen Paul Stamets waren die ersten Sporen einer sich öffnenden Subkultur. Die große Revolution brachte jedoch das Internet: Hobby-Mykologen aus aller Welt konnten sich erstmals vernetzen und über diverse Foren und Onlineplattformen austauschen. So wurde das einst geheim gehaltene Wissen über den ganzen Globus verteilt und von unzähligen Interessierten in DIY-Labors umgesetzt.

Als Ross lernte, Reishi-Heilpilze (Ganoderma lucidum) zu züchten, entdeckte er deren Eignung als formbares, plastisches Material. Sie werden durch subtile Veränderungen ihrer Umwelt in Form gebracht. Ein spielerisches Experimentieren mit Licht, Schwerkraft, Hitze und anderen Einflussfaktoren ermöglichte es Ross, Schritt für Schritt aus dem Pilz eine gewünschte Form zu gestalten. Im Gegensatz zu vielen anderen Materialien, wie zum Beispiel Beton, der schon nach wenigen Stunden aushärtet, bleibt das Objekt über einen langen Zeitraum lebendig und somit gestaltbar. Dies macht sich Phil Ross zunutze, um Möbel, Skulpturen und andere Kunstobjekte herzustellen. Jahrzehntelanges Forschen und Experimentieren auf dem Gebiet führte schließlich zu seinem aktuellen Projekt „Mycotecture“, bei dem Pilzstrukturen als nachhaltiges und ökologisches Baumaterial verwendet werden sollen. Ziel ist es, ein gesamtes Gebäude aus Pilzmaterial zu züchten.

Das mikrobiologische Haus

Das „Microbial home“ von Philips Design ist ein Indiz, dass der Megatrend Neo-Ökologie auch große Konzerne beschäftigt. Ein neues Bewusstsein der Konsumenten veranlasst sie, viel Geld in Forschung und Entwicklung neuer Lösungen zu investieren. Das mikrobiologische Wohnkonzept ist ein Vorschlag für ein ganzheitlich zyklisches Ökosystem, das so wenig Abfall wie möglich produziert: Jeder Output ist zugleich Input an anderer Stelle, streng nach dem Motto: „Don’t throw it away, there is no away!“

So wird beispielsweise mit Biogas gekocht, das von Bakterien aus Küchenabfällen produziert wird. Bakterienkulturen sind es auch, die für die notwendige Energie zur Beleuchtung des nachhaltigen Heimes “Wir haben kein Problem damit, über Science-Fiction nachzudenken – wir begrüßen es sogar“ sorgen und in organischen Wasserfiltern für Waschbecken und Toilette arbeiten. Mit Hilfe von Enzymen der Pilzkultur „Mycelium fungus“ können Kunststoffabfälle abgebaut werden, um schlussendlich Speisepilze damit anzubauen. In einem solchen Eigenheim ließe es sich ressourcenschonend und in vielen Bereichen völlig autark leben.

„Die Ideen, die wir vorbringen, basieren auf bereits serienmäßig existierenden Technologien. Wir ändern nur die Lösungsgrundlage und tun Dinge, die nicht immer offensichtlich sind. Wir haben kein Problem damit, über Science-Fiction nachzudenken – wir begrüßen es sogar“, sagt Mitchell Joachim. Joachim gilt als Pionier nachhaltiger und organischer Architektur und ist außerdem als Designer, Forscher und Lehrender an mehreren Universitäten tätig. Unzählige Ehrungen und Awards zeichnen seine Arbeiten aus. Seit 2011 ist der Mitbegründer von „Terreform ONE“ auch Senior Fellow bei TED.

Joachim geht bei der Verwendung von Biotechnologie für den menschlichen Wohnraum noch einen Schritt weiter als viele bisherige Konzepte. Fab Tree Habs: aus organischem Material gewachsene Häuser und Möbel, die eine neue Ära des Wohnens einleiten sollen. Sie erfüllen laut Joachim alle fünf Kriterien, die für ein nachhaltiges Zuhause der Zukunft notwendig sind. Sie sind anpassungsfähig, regenerativ, kooperativ, evolutionär und langlebig.

Häuser der Zukunft könnten laut Joachim durch hoch entwickelte Bio- und Gentechnologie aus Bäumen wachsen und aus organischem Material gezüchtet werden. Dieses wächst über ein per CNC (Computer Numeric Control) gestaltetes Baugerüst, das im Anschluss entfernt und wiederverwendet werden kann. Das Haus fügt sich symbiotisch in das Ökosystem der Umgebung ein und produziert während des gesamten Lebenszyklus Nährstoffe und Nahrung für Menschen und Tiere. Auch Abwasser und Abfall werden in den natürlichen Kreislauf integriert. Um mit dem „Fab Tree Hab“ in die experimentelle Phase zu starten, werden jedoch noch einige technische Innovationen, wie beispielsweise bioplastische Fenster, benötigt.

Bakterien individualisieren die Raumstimmung

„Bacterioptica“ ist eine Entwicklung des Design- und Architekturunternehmens MATLAB, das sich der Idee von ökologisch sensiblem Design, kreativer Intelligenz und Kundenorientierung verschrieben hat. Die Grenzen einst isolierter Disziplinen lösen sich auf in einen bunten Mix aus Design, Architektur, Kunst, Kognitionsforschung, Engineering und vielem mehr.

„Bacterioptica“ ist ein Projekt, bei dem Bakterien einen Kronleuchter Schritt für Schritt mit dem Leben der Bewohner synchronisieren. Dieser Kronleuchter wird zu einem Haushaltsorganismus, der bakterielles Leben kultiviert, innerhalb des Systems verteilt und auf faszinierende Art und Weise in Szene setzt. Nicht nur Form und Mechanik dieses Möbelstücks kann verändert werden, sondern auch das Innenleben. Zum Objekt gehörende Petrischalen können, je nach Lust und Laune, mit eigenen Bakterienkulturen, beispielsweise von der Hautoberfläche, befüllt und getauscht werden. Die Mikroorganismen bewegen sich in einem weit verzweigten Geflecht aus Lichtfaserleitungen und Petrischalen und sorgen so für individuell atmosphärische Lichtstimmungen. Beim gemeinsamen Essen mit Freunden wird so der Kronleuchter zum integralen Bestandteil der Eventisierung des eigenen Wohnraums. Vor allem dann, wenn man seine Gäste bittet, einige ihrer Bakterien ins Beleuchtungssystem einzuspeisen.

Alge und Mensch in Symbiose

Die Hängelampe „Latro“ des Designers Mike Thompson leuchtet allein durch die natürliche Energieproduktion der Algenflüssigkeit. Sie hat nicht nur ökologisch-ökonomischen Nutzen, sondern macht das Objekt auch ästhetisch ansprechend. (Neo-)Ökologische Trends müssen heutzutage schließlich auch gefallen. Während die Algen Photosynthese betreiben, produzieren sie Energie, die in einer Batterie gespeichert wird. Alles, was die biologischen Kleinkraftwerke dazu benötigen, ist Sonnenlicht und CO2. Letzteres beziehen sie von ihrem Besitzer, der die Algen „füttert“, indem er ab und an über ein Mundstück in die Lampe ausatmet.

Auch wenn die Lampe noch ein Zukunftsprodukt ist, liegt sie heute schon voll im Trend. Sie benötigt keinerlei Kabel und ist dadurch äußerst flexibel einsetzbar. Noch wichtiger jedoch ist, dass sie das Bedürfnis befriedigt, ein symbiotisches Verhältnis mit seiner eigenen Umwelt einzugehen.


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Zwischen Vision und Realität

Das Thema Biotechnologie im Haushalt stellt eine Schnittstelle verschiedener Trends und Megatrends dar und sorgt wohl auch daher bereits jenseits avantgardistischer Kreise für Faszination und Begeisterung. Viele der Initiatoren solcher Projekte haben eine enorme Affinität zu neo-ökologischen Themen und sehen ihre Designs und Konzepte als Lösungsansätze und Vorboten einer neuen Ära.

Ohne den DIY-Spirit, den viele der kreativen Köpfe verinnerlicht haben, wären die meisten Projekte wohl Träumereien geblieben. Die neue kreative Klasse ist in alle Fachrichtungen vernetzt und weiß die ihr zur Verfügung Die Übergänge zwischen Design, Architektur und anderen Fachrichtungen wie Biologie werden immer unschärfer stehenden Informationen zu nutzen. Die Übergänge zwischen Design, Architektur und anderen Fachrichtungen wie Biologie werden immer unschärfer. Die Erschließung neuer Informationskanäle hat das kreative Arbeiten endgültig entgrenzt. Menschen wie Phil Ross oder Mitchell Joachim sind die neuen Universalgenies unserer Zeit. Ihre Biografien zeigen oft keinen linearen Verlauf, und aus der Vielseitigkeit ihrer Tätigkeiten in Verbindung mit dem nahezu unbegrenzten Zugang zu Information schöpfen sie ihre Kreativität.

Einige der vorgestellten Projekte, wie das „Fab Tree Hab“, scheinen noch ferne Utopien zu sein. Es ist unwahrscheinlich, dass wir schon in wenigen Jahren in selbstgezüchteten Häusern völlig CO2-neutral leben. Solch experimentelle Projekte greifen jedoch den Zeitgeist auf und haben das Verlangen nach ökologischer Veränderung erkannt. Sie ebnen den Weg für weitere Entwicklungen und schaffen Bewusstsein für aktuelle Trends, indem sie ihnen eine physische Form geben. In erster Linie sind sie also Indikatoren für zukünftigen Wandel. Nicht immer werden solch außergewöhnliche Projekte und Utopien vollständig realisiert. Einflüsse und Ideen der genannten Designs, so lehrt uns die Geschichte der Utopien, werden jedoch sicherlich ihre Spuren hinterlassen.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Wohnen

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