Community Commuters: Heterogene Gemeinschaften

Zugehörigkeit wird immer flexibler: Neue Nachbarschaftsmodelle, aber auch neue Arbeitsformen fordern eine adäquate Architektur für diese Communities

Quelle: Immobilien Report 2015

Die Sehnsucht nach kollektiven Erlebnissen wächst wieder. Dies überrascht, da in der jüngeren Vergangenheit gleichzeitig ein Trend zu Einpersonenhaushalten und I- und Me-Formaten gesehen werden kann sowie eine stärker werdende Individualisierung und Customization. Individuen wollen aber wieder Teil einer Gruppe sein, einer Art Ersatz-, Zweit- oder Wahl-Familie. Das Gemeinsam fühlt sich „stärker“ an. Der Eigenverantwortung und Freiheit mit Leistungsdruck steht eine neue Verheißung der Teilhabe durch Zugehörigkeit gegenüber.

Die Herausforderung dabei scheint im „Maß der Verbindlichkeit“ zu liegen, die erst ein tatsächliches, nachhaltiges Gefühl der geliehenen Geborgenheit gewährleisten kann. Die pure Individualität der persönlichen Freiheit wird durch ein neues Gruppengefühl ersetzt. Der Verbindlichkeit der traditionellen Familie werden neue, gezielt geschaffene Wahlfamilien als Alternativen entgegengestellt. Diese Kommunen gründen sich sowohl online als auch offline. Welche neuen Formate jedoch werden Bestand haben oder gewähren zumindest die Verheißung einer vergleichbaren Attraktivität von Verbindlichkeit und Vertrauensgewinn?

Einzelidentitäten und die Suche nach wechselnden Gemeinschaften scheinen mittlerweile offensichtlich zwei Erscheinungsformen desselben Phänomens zu sein. Die Den bisher auf absoluten Verbindlichkeiten beruhenden Lebensmodellen steht eine Selbstverständlichkeit des Temporären gegenüber letzte Konsequenz der Wahl temporärer Lebensentwürfe und -gemeinschaften, der zunehmenden Zahl von Patchwork-Familien und der freien Partner-Wahlverwandtschaften ist eine Selbstverständlichkeit des Temporären, die den bisher auf absoluten Verbindlichkeiten beruhenden Lebensmodellen gegenübersteht. Wer sich bei den fundamentalen Lebensrealitäten mit Standbein und Spielbein aufstellt, wird auch bei Marken- und Produktidentifikation das Nebeneinander von langfristigen mit temporären Identifikationen zulassen. Das gilt auch für Zielgruppen, die sich im familiären Bereich tendenziell konservativ binden.


Die übliche Kategorisierung der Konsumenten nach den Sinus- und Sigma-Milieus ist daher nicht mehr ausreichend und spiegelt die Komplexität unserer Lebensformen nicht mehr wider. Man kann jetzt frei zwischen verschiedenen Kommunen hin und her springen, im Karriereweg konservativ sein, in der Freizeit eher liberal oder sogar öko-fundamentalistisch. Gruppenzugehörigkeiten können jederzeit frei ausgetauscht werden, wie beim Surfen im Internet. Die Chance besteht darin, neue Kollektive, Gemeinschaften und Neo-Kommunen zu gründen, um neue Kunden zu finden und binden. Es ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten in der Planung und Vermarktung. Dies betrifft sowohl das sich verändernde Wohnumfeld und das allgemeine Kaufverhalten der Konsumenten als auch unsere Arbeitsplätze und Freizeitgestaltung.

Wohnen als Gruppenerlebnis

Die Veränderung der klassischen Kernfamilie und deren Familienzusammenhalts verändert auch die identitätsstiftenden Momente unseres Lebens. Besonders in den immer teurer werdenden Innenstädten und vor dem Hintergrund von Gentrifizierungsdebatten und den Abwehrreaktionen dagegen muss die Planung von Wohnungen im städtischen Umfeld überdacht werden, um dieses neue Nebeneinander zu reflektieren. Denn der „Progressive“ oder „Hedonist“ wohnt durchaus gerne im Umfeld der neuen Bürgerlichkeit oder als Leitwolf inmitten einer kreativ improvisierten „suburban landscape“. Schlagworte wie Baugemeinschaft, Hausgemeinschaft und Co-Housing, Risikogemeinschaften von Individualisten und Familien, beginnen den Wohnungsbau zu verändern. Neue Wohnwelten entstehen, die auf Kleinstwohnungen in Anlagen mit attraktiven Gemeinschaftsflächen setzen. Darüber hinaus wird für eine wachsende Klientel die Immobilie zu einem nur temporär gewählten Kleid, in dem das Private immer kleiner zugunsten eines immer breiteren Gemeinschaftsangebotes wird. In diesem Feld können wir Trends identifizieren, die zu neuen, ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Projekten führen können.

Davon ausgehend entstehen neue Formen von Entwicklungsprojekten wie das Bikini Ensemble in Berlin. Neben Wohn- und Arbeitswelten entstehen hier neue Verkaufs- und Vermarktungskonzepte einer ungewöhnlichen und nur durch ihre Autoren-Community zusammengehaltenen Produktpalette. In direkter Nachbarschaft befinden sich ein Hotel und Gastronomieflächen, in denen nicht nur die Urheber, sondern auch die Konsumenten der angebotenen Produkte einund ausgehen. Der Ort wird als authentischer Marktplatz erlebt, der sich als Lebens- und Identitätsraum der dort vermeintlich Ansässigen geriert. Allen diesen Projekten und Orten gemeinsam ist die kontrollierte Nähe und Konfrontation von Lebensmodellen gelebter Freiheit, die eine Minimal-Schnittmenge haben, gegenseitig kompatibel sind und kollektiv erlebt werden. Das Lebensideal ist nicht mehr der pure Rassehund, sondern die gesunde Promenadenmischung.

The Micro Community

Selbst im unteren Segment des Wohnungsmarktes gibt es ähnliche Trends, die das veränderte Kommunenkonzept reflektieren. Junge Menschen mit niedrigem Einkommen wollen in den Zentren der Ballungsräume wohnen, um nah an all den verschiedenen Gruppen zu sein, denen sie sich zugehörig fühlen. Hohe Mietpreise machen dies zu einem Problem. Die F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt stellte deutlich höhere Mietsteigerungen in den Ballungsräumen als im Gesamtdurchschnitt fest.

In den Vereinigten Staaten wurde in den letzten Jahren ein Konzept entwickelt, das sich mit diesem Problem auseinandersetzt. Die ‚Flexible Microunit‘ ist eine kleine Wohnung, die durch intelligente Nutzung und mobile Elemente dennoch alle Notwendigkeiten für das Leben enthält. Auf 30 Quadratmetern kann man zwölf Leute zum Essen einladen, zwei Freunde übernachten lassen, arbeiten oder eine Besprechung abhalten. New Yorks ehemaliger Bürgermeister Michael Bloomberg startete kurz vor dem Ende seiner Amtszeit zahlreiche Projekte in diesem Sinne. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Menschen weniger an Orte und Familie gebunden sind als früher. Man lebt mit flexiblen, temporären Verbindungen zu unterschiedlichen Gruppierungen. Wohnungsbau im deutschsprachigen Raum kann sich neu erfinden, indem er diesen Trends folgt.


Unsere Studie "Die neue Wir-Kultur"

Ein gewaltiger Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft steht bevor. Der Treiber sind: Wir. Überall tun sich neue Formen von Gemeinschaften und Kooperationen auf. Doch wie sehen diese neuen “Wirs” genau aus? Welche Chancen bieten sie, wer profitiert von ihnen und wie wird der Wir-Trend unsere zukünftige Arbeits- und Lebenswelt verändern?
Mehr über die Studie

The Themed Community

Neue Communities entstehen also nicht mehr nur langsam organisch, sondern können auch relativ schnell erfunden werden. Die letzte Stufe individueller Freiheit ist die freie Wahl einer Gruppenzugehörigkeit von unbestimmter Dauer, welche abhängig von ihrer jeweiligen Attraktivität und Authentizität ist. Damit kommt der Erfindung und Gründung, der Etablierung und Pflege von Gemeinschaften eine enorme Bedeutung zu.

Insbesondere bei kommerziellen Freizeit-Communities sehen wir neue Projekte, bei denen sich die „Gruppe“ nicht selbst gefunden hat, sondern von einem Team von Planern erschaffen wurde. Es wird die Grundlage für eine Gemeinschaft erschaffen, die z.B. durch gemeinsames Freizeitverhalten in Kombination mit Weltanschauungen oder Lebensstilen zusammengehalten wird. Wichtig dabei ist, dass Freizeit Warum nicht heute in Communities investieren, die sich als vertraute Gemeinschaft im Alter erweisen? nicht mehr nur Flucht aus dem Alltag und individuelle Ruhe bedeutet, sondern Inhalt, Selbstverwirklichung und Ausdruck der Persönlichkeit ist. – Und sei es nur durch gefühlte Zugehörigkeit zu einem kollektiven Phänomen, für das man temporär zur Verfügung steht.

Parallel dazu und als Teil solcherart aufgewerteter Freizeitinteressen ist ein starkes Anwachsen der Angebote von Coaching- und Selbstfindungs-Kursen zu beobachten. Für die wachsenden teil-religiösen oder spirituellen Motivationen und auch für eine Vorliebe für bestimmte Naturerlebnisse finden sich zahlreiche „buchbare“ Gruppenerlebnisse. Die Sehnsucht nach einer gemeinsam durchlebten Erfahrung, die man mit anderen teilt, birgt ein noch wenig erkanntes Potential an Vertrauensgemeinschaften, die sich insbesondere in einer alternden Gesellschaft und vor dem Hintergrund als zunehmend weniger verlässlich empfundener Sozialsysteme möglicherweise als Standbein zur Lebenssicherung im Alter erweisen werden.

Warum nicht heute in Communities investieren, die sich als vertraute Gemeinschaft im Alter erweisen? Es ist dabei wichtig, den Markt genau zu studieren, um das richtige Projekt am richtigen Ort zu schaffen. Projektentwickler können hierbei Kunden durch ein gemeinschaftliches Thema an das Projekt binden und eine neue, starke Kommune bilden, die langfristig wirken kann.

Die Vorstellung eines idealen Wohnumfeld befindet sich im Umbruch: Höhere Mobilität und der daraus resultierende Wunsch nach einer maximalen Flexibilität, das Ganze gepaart mit dem Konzept der Wahlfamilie und einer Identifikation mit mehreren Communities zur gleichen Zeit, führen zu neuen Rahmenbedingungen im Wohnungsbau. Umgestaltung ohne Stress wird zum Gebot des Wohnens der kommenden Generationen. Der Trend geht zu Gruppenprojekten mit minimalem Aufwand.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Wohnen

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Weltweit steht die Bauwirtschaft vor Jahrzehnten spannender Aufgaben. Wir benötigen neue Mobilitäts-Infrastrukturen und Energie-Landschaften, Lösungen für partikulareres und gemeinschaftliches Wohnen - viel Raum für Planer und Verwirklicher.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Wolfram Putz

Er ist Experte für nachhaltige Architektur, neue Mobilitäts-Infrastrukturen und die Magie wandelbarer Orte. Wolfram Putz ist einer der drei Gründungspartner des renommierten Design- und Architekturbüros GRAFT.

Lars Krückeberg

Er ist Experte für nachhaltige Architektur, neue Mobilitäts-Infrastrukturen und die Magie wandelbarer Orte. Lars Krückeberg ist einer der drei Gründungspartner des renommierten Design- und Architekturbüros GRAFT.

Thomas Willemeit

Er ist Experte für nachhaltige Architektur, neue Mobilitäts-Infrastrukturen und die Magie wandelbarer Orte. Thomas Willemeit ist einer der drei Gründungspartner des renommierten Design- und Architekturbüros GRAFT.