Antigravitation: Schweben lernen

Unser Alltag besteht aus Dauerablenkung und Reizüberforderung. Das Ergebnis: Wir verlieren die eindeutige Richtung, die Gravitation. Wie gelingt es, den Flow zu finden und schweben zu lernen? Ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

Von Harry Gatterer

Illustration: Benedikt Eisenhardt

Der Morgen beginnt mit dem Blick auf das Smartphone. Bereits 60 Sekunden nach dem Aufwachen haben die allermeisten Menschen das Ding in der Hand. Von da an beginnt die Antigravitation: Es startet der Alltag aus Dauerablenkung, Reizüberforderung und multiplen Sehnsüchten. Willkommen im Zeitalter der Antigravitation.

Die meisten Menschen in Deutschland entstammen einem Zeitalter, in dem es einfacher und klarer war, sich in der Gesellschaft zu orientieren – die Richtungen waren deutlich, die Pole klar abgegrenzt. Das Allermeiste im Leben war scheinbar ordentlich geregelt. Was dann Schritt für Schritt geschah, ist im Nachhinein betrachtet atemberaubend: Die Schwerkraft dieser klaren Pole ließ nach und wurde durch eine Gemengelage an Attraktoren ersetzt – Attraktoren, die nicht eindeutig in Zeit und Raum verteilt sind. Wer dieses Schweben nicht mag, regt sich auf, geht in den Widerstand. Fordert ein Zurück zur alten Ordnung.

Die Gesellschaft als Schwebe-Labor

Als Gesellschaft fällt uns das Schweben schwer, die Antigravitation macht uns noch nicht glücklich. Denn für diesen Zustand sind wir nicht ausgebildet. Nicht durch unsere Eltern, nicht durch Schulen und auch nicht durch Unternehmen. Aus diesem Grund machen wir den Schwebezustand aktuell noch durch Gegenmaßnahmen erträglich. Der Hygge-Trend lebt davon. Ebenso In der Antigravitation wird das gesamte Universum aus neuen Perspektiven sichtbar. Das öffnet Möglichkeitsräume, an die wir heute noch nicht denken. die neue Zuneigung zu Schallplatten, Filterkaffee oder Oldtimern.

Doch all diese Trends markieren kein Zurück: Vielmehr sind es Umwege ins Schweben. Denn das brutal Analoge verbindet uns mit der Gegenwart. Es erzeugt eine Konnektivität des Seins in der Welt. Oder wie es der Soziologe Hartmut Rosa formulieren würde: Es ermöglicht dem Individuum eine Resonanzerfahrung mit der Welt. Dies ist die zentrale Voraussetzung für den Umgang mit dem Schweben. Denn nur wer in der Gegenwart lebt, kann die Welt in diesem Momentum schätzen. Die Gravitation ist dann das Momentum – eine beglückende Erfahrung, eine intensive Begegnung mit anderen.

Schwerelos in die Zukunft

Die Antigravitation als neue Normalität zu erkennen, ist ein Gewinn. Doch das Schweben zu lernen, braucht Zeit. In der Antigravitation wird das gesamte Universum aus neuen Perspektiven sichtbar. Das öffnet Möglichkeitsräume, an die wir heute noch nicht denken. Räume, in denen unternehmerische Chancen liegen – und in denen gesellschaftliche Antworten gefunden werden müssen auf die Probleme, die das klassische Gravitationsdenken erzeugt.

Gängige Bilder und lang gehegte Denkmethoden – etwa das politische Links/Rechts-Schema – bringen keine Weiterentwicklung. Die Konzepte für den Ausblick in die Zukunft sind komplex und undeutlich. Daher kann uns die Metapher der Antigravitation enorm helfen, die Unsicherheit der Gegenwart in Politik und Wirtschaft auf spielerische Art zu überwinden. Denn Zukunft ist und bleibt einGestaltungsraum. Sie ist nur anders, als wir uns das im Moment vorstellen.

Techniken des Schwebens

Um das Leben und Schweben im 21. Jahrhundert zu beherrschen, gilt es, sich einige Techniken anzueignen, Schwebetrainings zu absolvieren. Eine dieser Praxisübungen, die für jeden zukunftsgewandten Entrepreneur oder Manager hilfreich sind, um sich gekonnt im Business der Zukunft zu bewegen, ist die “Powerful Uncertainty”: Üblicherweise deuten wir die Unsicherheit, die in komplexen Situationen entsteht, als Mangel – so zumindest erlebt man es in allgegenwärtigen Diskursen. Ein Beispiel: “Ist Ihr Unternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet?” Derartige Untersuchungen gibt es täglich. Antwortet man darauf mit “Ich bin unsicher”, gilt man als Risikogruppe.

Dabei ist es genau anders herum: Komplexe Situationen brauchen Unsicherheit – um uns wach zu halten, um uns aktiv zu machen und um die notwendige Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wenn wir alles für fix und geregelt erachten, reduzieren wir unsere mentalen Ressourcen. In der Unsicherheit lebt die Kraft des Neuen, Kreativen und Lebenswerten – und durch sie erlernen wir die Schwebekompetenz, die wir in Zukunft brauchen.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018. Von Harry Gatterer erscheint im Januar 2018 das Buch “Future Room: Entdecken Sie die Zukunft Ihres Unternehmens”.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.