Progressive Provinz: Die neue Heimat der Glokalisten

In den nächsten Jahren wird sich die Sehnsucht in Richtung Urbanität wieder umkehren – Dörfer, Kleinstädte und Regionen werden eine Renaissance erleben. Ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

Von Matthias Horx

Foto: Hadi Teherani Architects © on3studio GmbH / Wettbewerb 2007 - Winterfestspielhaus, Kulturgebäude - Erl, AT

Ist der ländliche Raum dem Untergang geweiht? So scheint es. Unablässig erhöht sich dieLeuchtkraft der Städte. Unwiderruflich wachsen die „Schwarmstädte“, in denen Kreativität und Komplexität ein abwechslungsreiches Leben bieten. Während der Megatrend Urbanisierung Menschen, Ideen und Arbeit in die Metropolen saugt, fallen gleichzeitig ganze Landstriche der Ödnis, Frustration und Verlassenheit anheim.

Aber ist wirklich alles so eindimensional und hoffnungslos?

Zum Basiswissen der Zukunftsforschung zählt auch die Erkenntnis, dass jeder Trend irgendwann einen Gegentrend erzeugt. In den nächsten Jahren wird sich deshalb die Sehnsucht in Richtung Urbanität wieder umkehren: Dörfer, Kleinstädte und Regionen können eine Renaissance erleben. In den Konzepten der Progressiven Provinz finden Beziehungsqualität und Weltoffenheit auf neue Weise zusammen – und erzeugen eine neue Vitalität des Lokalen.

Schon heute gibt es Regionen in Deutschland und Europa, die von ihrer Topografie her Provinz sind – sich aber mitten in einem vitalen Aufstieg befinden. Denn längst verläuft der Bruch zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Urbanisierung zwischen den Regionen. Deshalb gibt es zwei Provinzen: In der einen verkriechen sich die Bewohner in Passivität und Opfermentalität, in der anderen herrscht ein Klima der Offenheit und des Wandels. Hier hat sich eine kulturelle Urbanisierung durchgesetzt, ohne die chaotisierenden Nachteile der Großstadt in Kauf zu nehmen. Sie reinnovieren sich selbst.

Überall entstehen Future Regions, Modern Towns und Zukunftsdörfer – und plötzlich steigt die Bewohnerzahl wieder an! “Agronica” nannte der italienische Architekt Andrea Branzi einmal den von den Bedingungen der elektronischen Kommunikation umgestalteten ländlichen Raum. Aber das Internet allein kann die Verödungsgefahr nicht lösen. Deshalb ist die Frage, wie Neo-Regionen entstehen, vor allem eine Frage nach den Beziehungen der Bewohner.

Die Kraft der kooperativen Empathie

Die Sehnsucht nach Intensität, Individualität und Selbstverwirklichung zieht die Menschen in die Stadt. Aber wenn eine Lebensbiografie in städtischer Entfremdung stockt, wenn man in einer bestimmten Lebensphase das Tempo nicht mehr halten kann, dann werden neue Pläne geschmiedet. Dann wird mit unendlicher Geduld der Bauernhof in Brandenburg renoviert. Dort, wo die Kinder glücklicher aufwachsen sollen als zwischen Beton und Verkehrsstress. Solche Idyllen-Träume scheiterten oft an individuellen Überforderungen, an der Illusion von Autonomie, die oftmals ein Resultat innerer Verbitterungen ist.

Die nächste urbane Exodus-Welle wird deshalb anders verlaufen: Es geht nicht um Flucht, sondern um das Ankommen. Es geht im Kern um ein neues regionales oder dörfliches Selbstbewusstsein, das auch Rückkehrer und Neuankömmlinge Die Progressive Provinz versöhnt das Regionale mit dem Kosmopolitischen und die Tradition mit der Hypermoderne integrieren kann. Gerade die Wissensgesellschaft eröffnet dem Neo-Lokalen neue Märkte und Chancen, sowohl im Boom der Lebensqualität (von Biolandbau bis Gourmet-Bauernhof) als auch im menschlichen Beziehungswesen (von Gesundheits- und Therapieleistungen bis zu Sport und Naturerleben). Design, Kultur und Kunst sowie die Gastronomie können gerade in der tiefsten Provinz die entscheidende vitalisierende Rolle spielen.

Technologie ist wichtig, aber nicht alles. Im Kern der ruralen Renaissance stehen dielebendigen Beziehungen zwischen Menschen. Kleinstädte, Dörfer und Regionen können sich selbst neu erfinden, wenn sie ihre sozialen Potenziale heben: Der Standortvorteil gegenüber der Großstadt ist die kooperative Empathie.

3 Pfeiler der Progressiven Provinz

Lokale Visionäre: Die Renaissance des Ortes braucht charismatische Bürgermeister – aus den Großstädten Zurückgekehrte und Vielgereiste, die ihre Wurzeln wiederentdecken und zu Change-Agents des Ländlichen werden. Die Heimkehrer bringen Impulse (und bisweilen auch Kapital) in den Ort und verändern das Klima in Richtung Zukunft – wenn man ihnen Spielräume lässt.

Selbstvertrauen: Im Unterschied zu Nationalstolz, der immer eine gefährliche Komponente der Abwertung anderer enthält, kann Regionalstolz charmant und einladend sein. Die Liebe zur Heimat ist die Grundlage selbstbewussten Wandels. Aber diese Heimatliebe kann glokal sein: Sie muss sich nicht abgrenzen, sondern kann sich auf die ganze Welt beziehen, der man etwas Eigenes, Spezifisches hinzufügt (und eben nicht gegenüberstellt).

Offenheit nach außen: Auch Dörfer haben immer schon Fremde aufgenommen – und von ihnen profitiert. Fahrendes Volk brachte Waren und Ideen, reisende Knechte und Mägde prägten die Weiler des Mittelalters. Weltoffenheit ist gerade für das Dorf oder die Kleinstadt existenziell: Wenn das lokale Klima von Depression und Abwehrängsten geprägt ist, kommt eine Negativspirale in Gang. Wer möchte schon dorthin, wo das Misstrauen herrscht, die Neidkultur und das Schweigen – das über Nacht in Grölen umschlagen kann?

Dieser Text ist gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

Megatrend Urbanisierung

Wir befinden uns erst am Beginn einer neuen Stufe der Urbanisierung: Städte erfahren eine Renaissance als Lebens- und Kulturform. Die Städte der Zukunft werden vielfältiger, vernetzter, lebenswerter und in jeder Hinsicht „grüner“ sein als wir sie lange Zeit erlebt haben. Vor allem aber wandelt sich das Verhältnis und Bewusstsein der Menschen zu ihren Städten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.