Gastbeitrag: Das missverstandene Desaster
Warum der Crash von 1929 und die Turbulenzen heute vor allem mit dem realen Leben zu tun haben. Von Erik Händeler
Genau 80 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass die Börse an der Wall Street wankte. Nach dem Schwarzen Freitag im Oktober 1929 ging es am folgenden Montag und Dienstag zusammen noch einmal um 40 Prozent nach unten. Wer auf Pump Aktien erwarb, kann seine Schulden nicht mehr zurückzahlen. Wegen der faulen Kredite brechen Banken zusammen. Durch Handelsschranken kollabiert der Welthandel. Die Arbeitslosigkeit schnellt in die Höhe. Obwohl die Konjunktur schon vorher schwächelt, schreiben Journalisten und Historiker seit gut 80 Jahren, der Börsencrash hätte die Weltwirtschaftskrise ausgelöst.
Schuld waren angeblich – wie heute – die Banker und Spekulanten, die unverantwortlich Geld anlegen und den Wohlstand verzocken. Niemand fragt aber weiter, warum die Aktienkurse ausgerechnet zu dieser Zeit in die Höhe schossen und ein Spekulationsfieber entfachten. Heute wie damals kauften die Akteure mit dem freien Geld Aktien, Rohstoffe und Immobilien, weil die Zinsen so niedrig sind, dass es sich nicht lohnt, Geld zu einem Prozent fest anzulegen. Wenn also niedrige Zinsen den Spekulationsboom auslösen: Niemand fragt bislang nach, warum die Zinsen damals wie heute so niedrig sind.
Wer sich von der auf Geld reduzierten Sicht der meisten Ökonomen verabschiedet und stattdessen auf die Veränderungen im realen Leben sieht, versteht, warum die Geschichte von Börsenkrach 1929 und Weltwirtschaftskrise eine Generation vorher beginnt. In den 1880/90ern können sich nur Großunternehmer eine Dampfmaschine leisten, die zudem laut, gefährlich und unflexibel, also nicht effizient ist. Zunächst zaghaft breitet sich dann der elektrische Strom aus. 20 Jahre, nachdem Werner Siemens das elektrodynamische Prinzip erfunden hat, wird der Elektromotor als Antrieb in die Fabriken gestellt, zunächst nur von belächelten Pionieren. Doch ab 1900 ist klar: Der elektrische Strom ist die Zukunft. Rasant wird die Produktion nun elektrifiziert, was die Kapazität vervielfacht und die Qualität auf eine weit höhere Ebene stellt. Die vielen Innovationen sparen im realen Leben Zeit und Ressourcen ein, die man für neues und zusätzliches verwenden kann – die Wirtschaft wächst rasant. Bei so vielen rentablen Investitionsmöglichkeiten kann gar nicht genug gespart werden. Die Zinsen sind daher hoch, und Aktien sind nur Thema für eine Minderheit.
Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist eine Boom-Zeit. Aber Anfang der 1920er Jahre sind fast alle Fabriken in den Industrieländern elektrifiziert, am Ende sind über 90 Prozent aller Privathaushalte an das elektrische Netz angeschlossen. Es gibt immer weniger, wofür es sich lohnt, rentabel Geld zu investieren. Deswegen sinken nun die Zinsen. Nachdem dieses technologische Netz fertig ausgebaut ist, aber das neue noch nicht stark genug, tritt die Wirtschaft auf der Stelle. Weil Geld auf einmal so billig und Kredite nun leicht zu bekommen sind, geht das Geld in Aktien und Immobilien, deren Preise stark ansteigen.
Nun spekulieren immer mehr Menschen mit geliehenem Geld in dem Glauben, Kursgewinne würden ihre Schulden später tilgen. Der niedrige Zins beschleunigt auch, dass die Konsummärkte schneller gesättigt werden. Mehr als die Hälfte aller Autos und drei Viertel aller Möbel wurde in den 1920er Jahren auf Kredit finanziert. Als die Firmen dann am Ende weniger absetzen, stoßen die ersten Anleger ihre Aktien ab. Deren Kurse fallen erst langsam, dann immer schneller. Die Industrieproduktion kollabiert auf ein Viertel. Verteilungskämpfe, Deflation und weltweiter Protektionismus sind Folgen des erschöpften Strukturzyklus – Symptome, aber nicht Ursache.
Derzeit erleben wir Ähnliches: In den vergangenen 30 Jahren hat uns der Computer produktiver gemacht, Ressourcen eingespart und neue Arbeitsplätze rentabel gemacht. Seit sich dieses technologische Netz weitgehend ausgebreitet hat, sind die Zinsen sehr niedrig, deswegen wanderte das Geld an die Börsen, und auch amerikanische Landstreicher bekamen ohne Eigenkapital einen Hauskredit. Dass die Notenbanken nun noch mehr Geld in die Märkte pumpen, um die Wirtschaft am laufen zu halten, vergrößert nur die Aktienblase.
Statt nun mit der Abwrackprämie und anderen Staatshilfen Strukturen zu erhalten, müssten wir nun in den nächsten Strukturzyklus investieren. Der ist jedoch weniger eine neue Maschine zum anfassen als vielmehr die Fähigkeit, mit Information effizient umzugehen – das hängt ab vom Sozialverhalten, der Bildung und umfassender Gesundheit der Menschen. Das ist die Geschichte der Zukunft.
Von Erik Händeler erschien zu diesem Thema u.a. das Buch „Die Geschichte der Zukunft – Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen (Kondratieffs Globalsicht)“ 7. Auflage 2009. Mehr Infos zu Erik Händler »




Am 3. November 2009 um 17:11 Uhr
Hallo Herr Händeler, ein wie ich finde schlüssiger und durchaus plausibler Ansatz. Anlass genug, vorgegebene, etablierte Denkmuster zu verlassen.
Sie haben mich an eine Passage aus Bernhard Moestl´s Shaolin erinnert. Stelle “gelernte” Urteile in Frage - vertraue eigenen Wahrnehmungen.
DANKE dafür.
Am 4. November 2009 um 16:20 Uhr
Sehr geehrter Herr Alshut,
ich finde Ihren Beitrag treffend: Staatsinvestitionen - wohin fließt das Geld - aktuell in veraltete Technologie für `PKW mit Ottomotorisierung`.
Der Staat steht als Investor in Bereichen, in denen das Unternehmen unzureichend Verzinsung seines Kapitals sieht. Da sollte das Investitionsgut sogfältig ausgewählt werden. Mit “PKW” wurde gegen die goldene Bankregel verstoßen: langfristig mit langfristigem Geld zu finanzieren. Wir finanzieren langfristig für ein kurzfristiges (4-Jahre)-Konsumgut PKW - und zudem noch sehr teuer: Der Staat mit Steuerschulden und der Verbraucher als Leasing-Kredit.
Vor dem Hintergrund, dass wir u.a. am Rande eines globalen Öko-System-Wandels stehen, wende ich mich diesem entstehenden Markt zu. Er stellt sich ähnlich dem Gesundheitsmarkt mir so dar, dass die Produkte “Intakte Umwelt” zwar benötigt werden - aber für die Vorsorge der Einzelne keine Vorkehrungen treffen möchte oder kann. Hier ist eine Verzinsung nicht vorhanden/zu gering.
Intakte Umwelt: Malthus hat ein Ruhejahr als Ehre an den Boden, aus dem der Ertrag der Landwirtschaft erzeugt wurde, postuliert. Wie geht der Wert “Umwelt” in unsere Gesamtrechnung (BWL oder VWL) ein? - Wir entreißen der Natur u.a. Rohstoffe, verkaufen und haben dann Geld … Aktuell sind wir global dabei den “letzten Fisch” mit der teuersten Fangflotte `rentabel` zu fangen und ein Flughafen ist deutschlands größter Fischereihafen. Zwar wird der Preis hoch sein, aber das Geld für diese Ressource Fisch ist vorhanden.
Zurück: Milliarden-Investitionen als Staats-Investition & Staats-Handeln hätte daher besser in künftige (Überlebens-)Technologie als Projekt “Jedem Haus 6qm Kollektorfläche” zur solaren Brauchwassererwärmung fließen sollen - als ein dauerhafter Heizkostenzuschuss. Und diese von der PKW-Förderung umgelegten 2.500 € je Haushalt -anstatt einer Abwrackprämie- hätten sich noch sehr viel länger verzinst: Nutzung über 10 Jahre bei Kollektoren - beim PKW ist die Bindung gerade mal 4 Jahre.
Ist Umwelt einer der nächsten Stukturzyklen, dann drängt sich die Frage auf, wer staatliches Handeln erzwingt, wenn der Markt versagt und die Akteure durch Druck ihrer News- Groups eine notwendige Ressourcenallokation verweigern.
Mit freundlichen Grüßen Christoph Maurer
Am 15. November 2009 um 07:46 Uhr
Hallo Herr Händeler,
bezogen auf den Crash 1929 mögen Sie recht haben. Bezogen auf den heutigen Crash - der sich von der großen Rezession, die auf den Schwarzen Freitag folgte, aber doch immerhin dadurch unterscheidet, dass weite Teile der Bevökerung heutzutage nur partiell mit der Krise in Berührung kommen und keine Massenverelendung stattfindet - bildet Ihr Artikel aber nur einen Teil der Realität ab.
Was ich damit meine, ist die Erfahrung, dass wir sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich beobachten können, dass eine Art Paradigmenwechsel stattgefunden hat und zum Teil immer noch stattfindet. Im privaten Bereich lässt sich dies z.B. daran erkennen, dass finanziell grosse Risiken eingegangen werden, in Produkte investiert wird, die weder Investor noch (Bank-) Berater auch nur annähernd einschätzen können. Relativ sichere Investitionen wie Staatsanleihen oder Sparkonten sind offenbar nicht mehr so interessant wie früher, zumindest vermisse ich entsprechende Aussagen wie ein “Sicherheit mit Dividende - Lebensversicherung” aus den 1980ern. Auch auf Staatsebene sieht es für mich so aus, als ob alte Grundsätze wie das Magische Viereck von Preisstabilität, außenwirtschaftlichem Gleichgewicht, Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum nicht mehr gelten oder aber nicht mehr beachtet werden. Statt wie von Herrn Maurer vorgeschlagen, Zukunftstechnologien zu fördern und das Geld durch Einsparungen im Haushalt, beispielsweise durch Kürzungen von Subventionen in eine chronisch unrentable Landwirtschaft aufzubringen, werden Autokäufer, die in eine veraltete Technologie investieren, die noch dazu unsere Umwelt schädigt, finanziell unterstützt und so neue, bislang ungeahnte Neuverschuldungshöhen erreicht, was wiederum einen Verstoss gegen den sogenannten Generationenvertrag darstellt. Neben dem privaten und öffentlichen Sektor lässt sich der Paradigmenwechsel auch in den Unternehmen erkennen: hier werden zum Teil über lange Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnisse z.B. durch Massenentlassungen und/oder Bespitzelungen von Mitarbeitern zerstört, etwa um Renditeerwartungen der Kapitaleigner zu erfüllen oder vielleicht auch einfach nur um unternehmenskonformes Handeln der Mitarbeiter zu fördern . Das dieser Vertrauens- und Know How-Verlust ggf. das langfristige Bestehen des jeweiligen Unternehmens gefährden kann bleibt in der Diskussion meines Erachtens weitgehend unbeachtet.
Um zum Kernpunkt meiner Aussage zu kommen: diese Krise hat vielfältige Gründe, sie ist daher auch nicht mit einfachen Massnahmen - wie erfolgt - zu bewältigen. Vielmehr muss ein Umdenken in der Gesamtgesellschaft und der Politik stattfinden, dass ein Verstoss gegen tradierte Verhaltensregeln wie dem Mißachten der goldenen Bankregel und der Nichteinhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes oder der Erkenntnis der Notwendigkeit zu mehr Umweltschutz in mittlerer bis längerer Sicht zu negativen Folgen für uns und unsere nachfolgenden Generationen führt. Erderwärmung und zwei Börsencrashs innerhalb eines Jahrzehnts sprechen eine relativ eindeutige Sprache…
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Michael Dumont
Am 18. November 2009 um 16:44 Uhr
Sehr geehrter Herr Dumont!
Da bekommen Sie sicher Zustimmung von allen Seiten - was Sie schrieben, wird mir im Moment bei allen Diskussionen nach den Vorträgen entgegengehalten: War es nicht doch das veränderte Verhalten, die Gier, die Unverantwortlichkeit der Banker und Manager? Ich beurteile deren Verhalten so negativ wie Sie, aber ich halte das nur für ein Symptom, nicht für die Ursache. Nur wenn ein technologisches Netz zu Ende investiert ist und es zuwenig gibt, wofür es sich lohnt, rentabel zu investieren, nur dann sind die Zinsen so niedrig, dass Leute Kredite bekommen, die es sich nicht leisten können, nur dann werden Kredite unverantwortlich vergeben, nur dann kann man sich als Staat so vermeintlich ungestraft verschulden, weil das Geld ja fast nichts kostet. Nur bei so neidrigen Zinsen geht das Geld in die Spekulation - mit den entsprechenden Verlusten beim Platzen der Blase. Sie schrieben mit Recht, dass wir anders als 1929 kein Massenelend haben (ich meine, weil wir schon eine höhere Stufe des Wohlstandes erreicht haben) - aber die Ursache, ein zu Ende gegangenen technologisches Netz, erscheint mir als derselbe Mechanismus, auch wenn es Unterschiede gibt, etwa, dass die Notenbanken den Markt mit Geld schwemmen und die Staaten sich hoch verschulden. Das wird aber m.E. nicht für nachhaltigen Wohlstand sorgen, sondern nur den Katzenjammer am langen Ende noch vergrößern. Ich denke, diese Krise (die erst noch bei den Leuten ankommen wird) hat einen Grund, und wird durch vielfältige Faktoren beschleunigt und gebremst, aber Ursache ist nur eine: Dass alles durchcomputerisiert ist, wir aber die nächste Stufe des Wohlstandes noch nicht erreichen, weil wir (gemessen an der Lebensdauer und am Bildungskapital) zu hohe Krankheitsausfälle haben, und weil unser Sozialverhalten noch nicht gut genug ist, ausreichend effizient mit Wissen umzugehen…
Umwelt und WEnergie ist auch wichtig, aber in Gesundheit und Sozialverhalten halte ich die größeren Produktivitätsreserven versteckt.
Ich habe auf meiner Webseite www.Kondratieff.biz ein paar Artikel dazu als Download, die auch darauf eingehen…