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Trendspot #22: Die Weltwirtschaft boomt. Wird sie trotzdem immer korrupter?
Schwarze Kassen und Bestechung bei Siemens sind der vorläufige Höhepunkt im Korruptionskapitel der Deutschland-AG. Gibt es einen weltweiten Trend zur Korruption? Oder sind verlässliche Marktprinzipien im globalen Business stärker als kurzfristiges, regelwidriges Vorteilsdenken?
Die Entrüstung über die korrupten Machenschaften in der Republik ist groß: Nach den Schwarzgeld-Koffern der CDU, dem „Kölner Klüngel“ und dem Schiedsrichter-Skandal kamen zunächst die moralischen Verfehlungen bei Volkswagen ans (Rot-)Licht. Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über eine neue Affäre berichtet wird. Nun ist es der Siemens-Konzern, dessen Führung erstmals jahrelange Korruption im Unternehmen eingestehen musste. Waren es zunächst 200 Millionen Euro, geht man bei Siemens inzwischen von dubiosen Zahlungen in Höhe von 420 Millionen Euro aus. Schon warnen Experten, nur 5 Prozent der Korruptionsfälle in Deutschland würden aufgeklärt – und das, obwohl es in Deutschland keinerlei empirische Untersuchungen zum Dunkelfeld gibt.
Ist Korruption ein Trend?
Die Fälle von Korruption, die den Strafverfolgungsbehörden bekannt geworden sind, waren nie sehr zahlreich. Der aktuelle Sicherheitsbericht der Bundesregierung geht der Verbreitung des Problems auf den Grund: „2005 wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2.160 Fälle registriert, das waren 0,03 % des gesamten polizeilichen Fallaufkommens (ohne Staatsschutz- und Straßenverkehrsdelikte). Verurteilt wurden wegen dieser Delikte (als schwerster Straftat) im letzten Jahrzehnt deutlich weniger als 500 Personen pro Jahr. Seit 2001 nimmt die Zahl der polizeilich registrierten Fälle deutlich ab.“ (Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht, Kurzfassung, 2006, S. 42 (PDF)).
Daran gemessen ist Korruption in Deutschland relativ selten. Allerdings bedeutet diese Entwicklung dessen, was öffentlich gemacht wird, nicht zwingend, dass Korruption tatsächlich abgenommen hat. Die Dunkelziffer ist zweifellos nicht unerheblich. Zu beschönigen gibt es da mit Sicherheit nichts.
Korruptionssumpf auf breiter Front oder hypermoralischer Defätismus?
Das weiß auch die Bevölkerung. Wenn es um Korruption geht, ist das Vertrauen der Deutschen in die eigene Wirtschaft und den Staat im internationalen Vergleich relativ gering: Im aktuellen Gallup Corruption Index belegt Deutschland gerade mal Platz 48 – hinter Ländern wie Bolivien, Estland oder Afghanistan. Der Index misst für über 100 Staaten weltweit, wie sehr die Bürger in ihrem Land Korruption in Wirtschaft und Staat für verbreitet halten. Auch auf dem Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International befindet sich Deutschland 2006 lediglich auf Platz 16 und rangiert im europäischen Vergleich gerade mal im Mittelfeld hinter den nordischen Staaten, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Großbritannien und Luxemburg. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie aus dem Jahr 2005 sind 42 Prozent der Deutschen davon überzeugt, Korruption sei vor allem in der Politik angesiedelt, 26 Prozent sehen darin ein Problem der Wirtschaft, 11 Prozent schreiben Korruption am ehesten der Verwaltung zu und 8 Prozent dem Sport (Institut für Demoskopie Allensbach, Allensbacher Berichte Nr. 5/2005).
Der Megatrend Globalisierung wirkt Korruption entgegen
Experten wie Erich Schöndorf, Professor für Wirtschaftsrecht und Vorstandsmitglied von Business Crime Controll, bezeichnen Korruption als „kriminelle Variante des Marketing“. Sie ist Teil der Marktwirtschaft, des Wettbewerbs und damit des Wirtschaftssystems – und zwar mehr, als wir uns heute eingestehen wollen. Dabei ist Korruption aber längst kein neues Phänomen, es gab sie schon immer. Von dem Zeitpunkt an, seit dem Wirtschaftsgesetze existierten, gab es auch illegale Formen der Profitmaximierung.
Mit den unterschiedlichen kulturellen Geflogenheiten in verschiedenen Ländern der Welt – so vielfach die Argumentation – müsse man akzeptieren, dass Bestechung, Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung in vielen Ländern bisweilen zum „guten Ton“ gehören, Korruption im kriminellen Verständnis mithin ein Fremdwort ist und im Zuge der Internationalisierung der Unternehmen und Märkte zunehme. Dass Korruption in einer globalen Dimension stattfindet, dafür ist Siemens sicherlich ein gutes Beispiel: Der Global Player verzeichnet laut Süddeutscher Zeitung „gerade in jenen Teilen der Welt ein boomendes Wachstum, in denen Korruption besonders verbreitet
ist. Auftragseingänge aus den Boom-Ländern Asiens legten bei Siemens um 26 Prozent zu, jene aus Afrika, dem Mittleren Osten und Russland um 35 Prozent.“ (SZ, 30.11.2006)
Es stimmt aber keineswegs, wenn behauptet wird, Korruption an sich sei ein Ergebnis der Globalisierung. Genau das Gegenteil ist der Fall: „Globalization may also be one of the best ways of keeping politicians honest, as more globalized countries have far lower levels of perceived corruption“ – zu diesem Befund gelangen das Beratungsunternehmen A.T. Kearney und Foreign Policy anhand des Globalization Index. Richtig ist zweifellos, dass Schwellen- und Entwicklungsländer sowie die so genannten Failed States besonders anfällig für Korruption sind. Je globalisierter aber ein Land ist, desto weniger korrupt ist es.
Zu dem gleichen Resultat kommt das Zukunftsinstitut nach Analysen auf Basis des Growth-Competitiveness-Index des World Economic Forum und des Corruption Perceptions Index von Tranparency International. Darin zeigt sich der starke Zusammenhang zwischen der Korruptionsanfälligkeit von Ländern und ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit (Korrelation: r=0,92): Je geringer die Korruption, desto größer ist die Wettbewerbsfähigkeit der Länder und damit auch die langfristigen Wachstumschancen. Staaten wie etwa die skandinavischen Länder, Singapur oder die Schweiz, die laut Experteneinschätzung nahezu frei von Korruption sind (Top-Positionen im CPI), belegen auch Spitzenpositionen im Growth-Competitiveness-Ranking.
Hingegen schneiden Länder, die Tranparency International zufolge hoch anfällig für Korruption sind – z.B. der Chad, Bangladesch, Nigeria oder Tadschikistan – auch hinsichtlich der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutlich schlechter ab. Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr endemische Korruption Wachstum hemmt und Stabilität verhindert. Durch Korruption erzeugte Unsicherheit und Misstrauen gehören zu den größten Hindernissen für Auslandsinvestitionen und sind eine massive Motivationsbremse für Unternehmer und Erwerbstätige.
Das Gute: Es gibt keine Zukunft der Schmiergeld-Ökonomie, weil Korruption langfristig zu teuer ist!
Korruption, das ist unbestritten, wirkt sich auf nationalen und globalen Märkten langfristig kontraproduktiv aus. Und nicht nur der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Angesichts steigender medialer Transparenz und des wachsenden Bewusstseins der Bevölkerung für die „Corporate Social Responsibility” geht der Schuss für Unternehmen künftig immer häufiger nach hinten los, „informelle Zahlungen“ werden kostspieliger, als gemeinhin angenommen wird. Auch das macht der jüngste Fall deutlich: Vergangene Woche hat Transparency International die korporative Mitgliedschaft der Siemens AG in der vergangenen Woche beendet, der Imageschaden für das Unternehmen ist nicht absehbar. Die Privatanleger misstrauen zunehmend dem Siemens-Vorstand: Nur noch 28 Prozent der in einer repräsentativen Studie kürzlich befragten Aktionäre sind der Meinung, dass Klaus Kleinfeld den Wert des Unternehmens nachhaltig steigern kann. – Vor drei Monaten waren es noch stattliche 52 Prozent.
Und auch die Business-Partner ziehen sich zurück. Nokia hat wegen der Schmiergeldzahlungen bei Siemens das für kommenden Januar geplante Joint Venture (in das der größte Teil der Netzsparte von Siemens eingehen soll) auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit bedroht der Korruptionsskandal nun auch die strategischen Weichenstellungen des Konzerns.
Fazit: Auch wenn es künftig ohne institutionelle Kontrollen nicht gehen wird, so sind doch Selbstregulierungsmechanismen im globalen Wirtschaftssystem verstärkt auch selbst angelegt. Das beginnt beim verlässlichen „Gentlement’s Agreement“ und transparenten Marktprinzipien, auf die in der Wirtschaft letztlich mehr vertraut wird und denen man eher den Vorzug gibt als dem „unlauteren Wettbewerb“, und endet bei der Macht der Anleger und Konsumenten, die immer häufiger über Wohl und Wehe von Managern und Unternehmenserfolgen entscheiden. „In the long run“ ist eine korruptionsfreie Welt also keineswegs eine realitätsfremde Utopie.
Veröffentlichung:
Dezember 2006
Autor(en):
Redaktion Zukunftsinstitut
Quelle:
Trendspot
Preis:
kostenfrei
Schlagwörter / Kurzbeschreibung:
Ist Korruption ein Trend? • Korruptionssumpf auf breiter Front oder hypermoralischer Defätismus? • Der Megatrend Globalisierung wirkt Korruption entgegen • Das Gute: Es gibt keine Zukunft der Schmiergeld-Ökonomie, weil Korruption langfristig zu teuer ist!
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