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Trendspot #51: Smart Drugs


Was die Apotheken-Tour über unsere Gesellschaftsideale verrät



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Trendspot #51

Die Tour de France rollt, und mit ihr die Lawinen an Scheinheiligkeit, Heuchelei und Bigotterie. Seien wir doch einmal ehrlich: Wenn Andreas Klöden eine Woche vor Ende der Tour ins gelbe Trikot fährt, werden wir wieder vor der Mattscheibe hängen und einem neuen deutschen Radsportwunder zujubeln. Trotz Boykott-Drohungen auf allen Kanälen ist eigentlich nur die „Berliner Zeitung“ konsequent aus der Tour-Berichterstattung ausgestiegen. Und wir, die Zuschauer, wollen es auch nicht anders. Als die ARD am vergangenen Wochenende – absurd genug – von einem sportlichen Megaereignis Tour de France berichtete, und dabei überwiegend Doping-Geschichten versendete, hagelte es Protestanrufe von den Zuschauern.

Wären wir ehrlich, würden wir zugeben, dass der Tunnelblick der Fahrer nichts Ungewöhnliches ist. Wer sich der „Tortour“ solch sportlicher Leistungsoptimierung unterzieht, sieht irgendwann nur noch die Bestzeiten. Er bewegt sich in einem sozialen Umfeld, das nur noch über die Bestzeit spricht und die Bestzeit erwartet – koste es, was es wolle. Machen wir uns nichts vor: Leistungssport heißt Grenzen überwinden, den illegalen Weg schließt das nicht automatisch aus.

Die große „Nationalstaffel des Nichtwissenwollens“

Und als Freunde von Krimis und Mafiafilmen kennen wir auch das beredte Beschweigen von kriminellen Handlungen: Keiner nimmt das Wort Doping in den Mund (Ärzte nicht, Betreuer nicht, Sportler nicht, Medien nicht) – und reicht die Spritze weiter. Seien wir ehrlich: Irgendwie sind wir selbst der Teil einer unsportlichen „Nationalstaffel des Nichtwissenwollens“, bestehend aus Zuschauern, Medien, Dopingärzten, Sportlern, Sponsoren und Politikern, die das Dopingsystem am Leben gehalten hat. Denn irgendwie haben wir schon immer gewusst, dass Lance Armstrongs Leistungen nicht von dieser Welt (sondern aus dem Labor) kommen. Aber auf dessen Duelle mit Jan Ullrich vor dem Fernseher (Erdbeertorte auf dem Teller, Kaffeetasse in der Hand) wollten wir nicht verzichten.

Self-Enhancement = Selbsterweiterung = Doping für alle?

Was das alles mit der Gesundheit in unserer Gesellschaft zu tun hat? Auch in unserem Gesundheitsalltag müssen wir künftig die Grenzen neu definieren. Ein Stichwort dafür: Neuro-Enhancement bzw. Self-Enhancement oder Smart Drugs. Self-Enhancement, das Doping fürs Gehirn, ist gewaltig im Kommen. Ob als Gedächtnisstütze, Konzentrationsverstärker, Stimmungsaufheller, zum Wachbleiben oder für den Tiefschlaf: Die Pille für jede Lebenslage rückt in greifbare Nähe. Und die Bereitschaft der Menschen zur gezielten Steigerung der körperlichen und geistigen Fitness durch Präparate steigt. Die Grenze zwischen medizinisch notwendigen Medikamenten und der gigantischen Grauzone der kleinen Alltagshelfer und Smart-Drugs verwischt zusehens.

Smart Drugs: Volksdoping für die gesunden Unzufriedenen und die Selbstoptimierer?

Ebenso wie die Wellness-Bewegung die Grenzen zwischen Gesundheit, Wohlfühlen und Fitness auflöste, werden die Neuro-Enhancer die Grenzen zwischen Medizin, Selbstoptimierung und Missbrauch neu definieren. Und gefährlich sind denn auch nicht die Medikamente an sich, sondern der falsche Umgang mit ihnen.

Schon heute beträgt der globale Markt für die Smart-Drugs rund 60 Mrd. Dollar. Doch die Karriere der Smart-Drugs beginnt erst: In einer Welt, die den Menschen immer mehr körperliche und geistige Hochleistung abverlangt, erwarten Pharma-Analysten eine Verdreifachung der Umsätze in den nächsten 25 Jahren. Denn die neuen Pillen ermöglichen diese Höchstleistungen. Sie machen schlau, aufmerksam, kreativ, mindern das Schlafbedürfnis, steigern die Reaktionsfähigkeit. Pharmakonzerne erschließen damit „den profitablen Markt der gesunden Unzufriedenen“, konstatiert die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. Zielgruppe sind Menschen, die körperlich gesund sind, aber nach ständiger Selbstoptimierung streben.

Nur zwei kleine Beispiele hierzu:

  • Brainbooster: Pharmafirmen erhoffen sich u.a. von neuen Mitteln, die gezielt einem löchrigen Gedächtnis abhelfen, hohe Gewinne. Nicht weniger als 40 verschiedene Gedächtnispillen sind derzeit in der Entwicklung, etwa ein Dutzend Firmen investieren dafür jährlich rund 1,5 Milliarden Dollar. Der weltweite Umsatz mit Medikamenten gegen das Vergessen liegt derzeit bei rund 10 Mrd. Dollar.
  • Konzentrationsverstärker: In Deutschland nehmen mittlerweile 3 Prozent, in den USA bereits 16 Prozent aller Studenten vor Prüfungen Ritalin, ein Medikament für Kinder mit schweren Aufmerksamkeitsstörungen. Eine große Karriere wird auch Modafinil vorhergesagt. Das gut verträgliche Stimulans lässt Probanden in kognitiven Bereichen besser abschneiden und kann zu ungeahnten Leistungshöhen führen. Bereits jetzt verkauft der Hersteller Cephalon davon Pillen im Wert von rund 400 Mio. Dollar pro Jahr.

Fazit: Ein „gesunder Unzufriedener“ ist auch ein Hochleistungssportler, der seinen Platz (und seine Lebensgrundlage) in einem professionellen Radfahr-Team nicht verlieren möchte und der nur an Zahlen und Platzierungen gemessen wird. Zeigen wir nicht mit dem Finger auf andere und tun wir nicht so, als hätten wir in unserer Gesellschaft nichts mit den asozialen Leistungs-Junkies des Sports zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Die Smart Drugs fordern von uns, dass wir einen neuen Gesundheitsbegriff entwickeln, der die Realität der Smart Drugs mit einbezieht. Die Fragen, die wir uns vorlegen müssen, sind die gleichen wie im Sport: Was lassen wir an „Enhancement“ zu, wie viel Enhancement ist gut für unsere Kinder, was ist überhaupt noch gesund?

Sport ist ein sakrosankter Raum, der neben Leistung auch gesellschaftliche Ideale wie Fairness und Ehrlichkeit kommuniziert. Tut er das nicht mehr, ist es kein Sport mehr. Liberalisierungen von Doping widersprechen grundsätzlich der Bedeutung, die wir dem Sport in unserer Gesellschaft gegeben haben. Die Rehabilitierung des Zweiten im Sport (momentan ist der Zweite der erste Verlierer) hört sich zunächst weltfremd an. Doch die Abkehr von der „Singulär-Sieger-Orientierung“, wie Claudia Pawlenka, Sportethikerin, es nennt, und die breitere Streuung der Preisgelder könnten erste Ansätze sein.

Mehr zum Thema Zukunft der Gesundheit erfahren Sie in unseren Studien „100 Top Trends“ und „Gesundheitstrends 2010“


Veröffentlichung:
Juli 2007

Autor(en):
Redaktion Zukunftsinstitut

Quelle:
Trendspot

Preis:
kostenfrei

Schlagwörter / Kurzbeschreibung:
Die Tour de France rollt, und mit ihr die Lawinen an Scheinheiligkeit, Heuchelei und Bigotterie. Seien wir doch einmal ehrlich: Wenn Andreas Klöden eine Woche vor Ende der Tour ins gelbe Trikot fährt, werden wir wieder vor der Mattscheibe hängen und einem neuen deutschen Radsportwunder zujubeln. Trotz Boykott-Drohungen auf allen Kanälen ist eigentlich nur die „Berliner Zeitung“ konsequent aus der Tour-Berichterstattung ausgestiegen. Und wir, die Zuschauer, wollen es auch nicht anders. Als die ARD am vergangenen Wochenende – absurd genug – von einem sportlichen Megaereignis Tour de France berichtete, und dabei überwiegend Doping-Geschichten versendete, hagelte es Protestanrufe von den Zuschauern. Die große „Nationalstaffel des Nichtwissenwollens“ Self-Enhancement = Selbsterweiterung = Doping für alle? Smart Drugs: Volksdoping für die gesunden Unzufriedenen und die Selbstoptimierer?

Thema
keine Spezifizierung

Megatrends
  • Gesundheit

Branchen
  • Gesundheit / Wellness / Pharma / Medizin



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