
|

Trendspot #55: Downaging
Warum wir nicht älter, sondern eher jünger werden
Die Alterung unserer Gesellschaft wird weitestgehend als ein negativer Vorgang betrachtet: Vergreisung, Überalterung, Rentenkatastrophe sind die Schlagwörter, die durch die Medien geistern. Fakt ist, so zumindest die aktuelle Meinung der Demographen, dass die Alten in Zukunft das Gros der Gesellschaft ausmachen. Diese statistische Prognose hat hier zu Lande jedoch bisher große Besorgnis ausgelöst und die Apokalyptiker auf den Plan gerufen. Aber es gibt noch einen anderen Trend, einen Gegentrend: Downaging. Während sich die statistische Lebensspanne ausdehnt, wird das subjektiv empfundene „Eigenalter“ eher geringer. Das Zukunftsinstitut hat bereits 2005 über diesen Trend berichtet (vgl. Kap. 4 „Downaging“ im Trend-Report 2006).
Nun ist er endlich auch in der Politik angekommen. Mit der kürzlich veröffentlichten Untersuchung „Wirtschaftsmotor Alter“ geht die Bundesregierung nun offensiv gegen Alters-Mythen vor: Deutschland wird im Jahr 2035 zwar die weltweit älteste Bevölkerung haben, aber das sei noch lange kein Grund zur Panik. Die über 50-Jährigen sind gebildeter, neugieriger, gesünder, aktiver und konsumfreudiger denn je. Wir möchten Ihnen hier anhand von drei Lebensstil-Typen aus unserer aktuellen Studie „Lebensstile 2020“ zeigen, wie die jung-alte Zielgruppe der Zukunft genau aussieht:
Auch die Theorie spielt mit: Das „probabilistische Lebensalter“
Die Altersforscher Sergei Scherbov und Warren C. Sanderson vom Institut für Demographie in Wien schlagen vor, das Alter aufgrund der neuen Verhältnisse neu zu berechnen. In einer Studie, die bereits im Juni 2005 in „Nature“ veröffentlich wurde, verwenden sie zur Definition des Alters nicht das gelebte Leben, also den Zeitraum, den wir bereits hinter uns haben. Sie setzen Alter vielmehr mit zukünftiger Lebenserwartung gleich. Ihre Formel dafür: Wir sind so jung, wie wir noch Lebensjahre vor uns haben. In unserem Körper tickt eine geheimnisvolle Zukunftsuhr, mit der wir ständig kalkulieren, wie weit sich der Zeit-Horizont vor uns erstreckt (siehe Grafik). Neueste Ergebnisse der Altersforschung sprechen sogar von einem Jugendgewinn von zehn Jahren in Verhalten und körperlicher Fitness. Und das ist erst der Anfang: Die Lebenserwartung in Japan, die derzeit noch welthöchste, beträgt im Schnitt 83 Jahre. Etwa sechs Jahre davon werden statistisch mit „eingeschränkter Gesundheit“ erlebt – diese Zahl stagniert derzeit trotz höherer Gesamt-Lebensspanne.
Die Alten von morgen sind (Un-)Ruheständler
In unsere aktuellen Studie „Lebensstile 2020“ haben wir u. a. drei Lebensstil-Typen für die Alten analysiert. Es sind allesamt Lebensstile, die sich aus der klassischen Rollenvorstellung herausbewegt haben. Wir sind davon überzeugt, dass diese Lebensstile heute eine Art gesellschaftliche Avantgarde und Vorreiterrolle spielen und die Richtung für die Alten von morgen vorgeben. Hier eine kurze Beschreibung der
drei Typen:
- Silverpreneure diskutieren nicht über die Rente mit 67: Sie machen sowieso weiter wie bisher, weil sie Arbeit nicht als täglichen Frondienst erleben. Sie sind sehr aktiv und unterscheiden sich kaum von den „normalen“ Erwerbstätigen – mit dem kleinen Unterschied, dass Silverpreneure ihre Arbeit mit Erfahrung und Gelassenheit machen. Ihre gestiegene Zeitsouveränität ermöglicht ihnen einen umfassenderen Blick auf die Welt und die Auseinandersetzung mit Themen rund um Gesellschaft, Politik und Technik. Silverpreneure sind nicht veränderungsresistent, nutzen deshalb auch mit Begeisterung die Vorzüge des Internets. Viele von ihnen gehören zu den Senioren-Studenten.
- Super-Grannys sind erfahrene und selbstbewusste Frauen jenseits des 55. Lebensjahres, die den so genannten 3. Lebensabschnitt aktiv und selbstbestimmt gestalten möchten. Auch wenn der späte Aufbruch der Super-Grannys sehr stark auf eigene Selbstverwirklichung zielt, distanzieren sie sich nicht komplett von tradierten Rollenanforderungen: Die gesellschaftlich engagierte und/oder familiär fürsorgliche Mutter, Oma oder Uroma kommt bei ihnen nicht zu kurz und gehört zum festen Bestandteil ihres „Un-Ruhestands“. Super-Grannys weichen mit ihrer Lebensphilosophie deutlich von den Biografien ihrer Mütter und Großmütter ab, die sich in der Regel selbstlos für die Familie aufopferten.
- Greyhopper sind der vitale Beweis dafür, dass Alter und körperlich-geistige Abenteuerlust keine Gegensätze sein müssen. Im Unterschied zu den Silverpreneuren gehen dem Greyhopper-Lifestyle jedoch radikale(re) Brüche voraus: Die Greyhopper lösen sich bewusst von lange gelebten Kontinuitäten und Gewissheiten. Sie möchten noch einmal ein neues Leben beginnen. Zweiter Aufbruch heißt (noch einmal): Unsicherheit, Tabula rasa, Ressourcen aktivieren, die geistige Festplatte neu booten. In gewisser Weise ist das eine zweite Pubertät. Hauptkennzeichen für den Greyhopper-Lifestyle sind denn auch aktives Konsumieren, diverse Freizeitaktivitäten und persönliche Einstellungen, die wir bislang eher mit Jugend oder jungem Erwachsenenleben in Verbindung bringen.
Veröffentlichung:
August 2007
Autor(en):
Redaktion Zukunftsinstitut
Quelle:
Trendspot
Preis:
kostenfrei
Schlagwörter / Kurzbeschreibung:
Die Alterung unserer Gesellschaft wird weitestgehend als ein negativer Vorgang betrachtet: Vergreisung, Überalterung, Rentenkatastrophe sind die Schlagwörter, die durch die Medien geistern. Fakt ist, so zumindest die aktuelle Meinung der Demographen, dass die Alten in Zukunft das Gros der Gesellschaft ausmachen. Diese statistische Prognose hat hier zu Lande jedoch bisher große Besorgnis ausgelöst und die Apokalyptiker auf den Plan gerufen. Aber es gibt noch einen anderen Trend, einen Gegentrend: Downaging. Während sich die statistische Lebensspanne ausdehnt, wird das subjektiv empfundene „Eigenalter“ eher geringer. • Auch die Theorie spielt mit: Das „probabilistische Lebensalter“ • Die Alten von morgen sind (Un-)Ruheständler • Silverpreneure • Super-Grannys • Greyhopper
Thema
keine Spezifizierung
Megatrends
Branchen
keine Spezifizierung
zurück zum Suchergebnis »
|

|