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Zukunftsletter
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Matthias Horx über den Zukunftsletter
Editorial der Ausgabe September 2010
Das Glokalisierungs-Prinzip
Gerade in der globalisierten Welt zählt die kleinere soziale Einheit
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| Matthias Horx |
Das 20. Jahrhundert war vom großen Grundkonflikt der Klassengesellschaft
geprägt: Staat versus Wirtschaft, links gegen rechts. In diesen Frontlinien
verlaufen heute noch die meisten politischen Debatten: Soll der
Staat mehr Verantwortung übernehmen? Der Einzelne alle Lebensrisiken
tragen? Die Wirtschaft schärfer reguliert werden? In der globalisierten
Welt des 21. Jahrhunderts ist diese alte Polarität weitgehend obsolet.
Der Staat gerät an seine Grenzen – selbst wenn er wollte, könnte er kaum
noch mehr Lebensrisiken der Bürger übernehmen. Die Wirtschaft lässt sich
generell nur noch selten regulieren – und wenn, dann nur zu einem hohen
Preis. Der „Bürger“ fühlt sich in der Rolle des Transferempfängers abwechselnd
bevormundet und unterversorgt, und eine allgemeine Kultur des Jammerns
und Lobbysierens hat den politischen Diskurs ersetzt. So fahren alle Zukunftsdebatten
immer im Kreis herum.
Dieses Ringelreihen könnte unterbrochen werden, indem wir uns wieder auf den
Ursprung des Sozialwesens zurückbesinnen: die Stadt, die Gemeinde, der Stadtteil, die
Region. Wenn es stimmt, dass die zentrale Ressource der Zukunft die Kooperation ist, dann
liegt in der „Lokalpolitik“ das Experimentierfeld der Zukunft. Hier lassen sich soziale Konflikte
lösen oder zumindest moderieren. Hier können wir heute schon spannende neue
Public-Private-Partnerships erleben (siehe Seite 3): im Bereich der Bildung, des Stadt-Designs, der Gesundheitsversorgung, der Arbeitsmarktpolitik, der Energie. Da kaufen Gemeinden
ihr Stromnetz von den Energiekonzernen zurück – und entwickeln einen regionalen
grünen Stromversorger. Da gestalten Bürger ihre Ortskerne neu. Da kooperieren
Gemeinden für ein neues, exzellentes Schulzentrum, in dem sich die ideologisierten Fragen
der Schultrennung gar nicht mehr stellen. Da ersetzt Bürgerarbeit das Hartz-IV-Elend.
Wer sagt denn, dass Innovation immer nur im Bereich der Technik oder der Warenwelt
stattfinden muss? Soziale Innovationen sind mindestens genauso spannend wie das
neue iPad. In einer neuen Urban- und Regionalpolitik lassen sich die alten ideologischen
Grenzen überwinden, Zukunft und Vergangenheit versöhnen. Hier entsteht das eigentliche
Kapital der Zukunft: Sozialkapital. Aber eben nicht nur durch Umverteilung und
Forderungen und neue Bürokratie. Sondern durch die „3-Zukunfts-Ks“: Kommunikation,
Kreativität, Kooperation.
Herzlich, Ihr
Matthias Horx
matthias.horx@zukunftsinstitut.de
Weitere Themen der September-Ausgabe:
- Mobile Couponing (Teil 1): Mit digitalen Gutscheinen den Kampf um die vordersten Plätze bestehen
- Stadtentwicklung: Wenn es um die Zukunft geht, werden Städte und Gemeinden immer kreativer
- IT-Markt 2015: System, Netzwerk, Mobilität – die ehemals getrennten Welten nähern sich mehr und mehr an
- Inform-ART-ion: Info-Lust statt Info-Flut
- Food-Trends: Der Gast kocht selbst
- Marken: Luxus-Labels fischen zunehmend in fremden Gewässern
- Wohnen: Die Baubranche setzt auf Pop-up-Architektur
- E-Commerce: Wie das Check-in-Prinzip den Handel beflügeln kann
- Interview mit Dr. Sascha Peters, Gründer und Leiter des Berliner Beratungsunternehmens „haute innovation“
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Editorial der Sonderausgabe „Innovation Economy“, September 2010:
Die Innovations-Illusion
Wie Innovation ihren Charakter evolutionär verändert
Wenn irgendwo im Lande von Innovation die Rede ist, werden unentwegt
emphatische Reden gehalten, Toasts ausgebracht, Subventionen gefordert
und Spesen verzehrt. Dass Innovation – und nicht mehr Produktion – den
„Schlüssel zu unserer Zukunft“ darstellt, kann niemand ernsthaft bestreiten.
Aber ist unser Bild davon, wie „Innovation“ funktioniert, noch zeitgemäß?
Als Währung für Innovation gilt immer noch die Zahl der Patentanmeldungen.
Doch die Zeiten, in denen der einsame Ingenieur im Keller oder der geniale
Chemiker im Labor „Heureka“ rief und mit einer brandneuen Methode die Welt beglückte,
sind vorbei. Selbst die viel gerühmte Grundlagenforschung kommt immer seltener auf einen
grünen Zweig. Innovation ist immer seltener Erfindung. Und immer mehr Evolution.
Immer weniger Geniestreich. Und immer mehr Kollaboration.
Ein Großteil aller gelungenen Innovationen basiert auf ständiger gradueller Verbesserung.
Die „Hidden Winners“ unserer Industrie haben nichts anderes getan, als über Generationen
hinweg Gabelstapler, Zahnbürsten, Autos, Gartengeräte, Kühlschränke so lange zu
verfeinern, bis echte Kultgeräte und Exportschlager daraus wurden. So gut, dass selbst die
Chinesen sie nicht mehr einfach kopieren konnten.
- Disruptive Innovationen – Neuheiten, die ganze Märkte durcheinanderwirbeln – sind
selten geworden. Ihr Entstehen ist jedoch nie rein technischer Natur. Beispiele wie iPhone
und iPad zeigen, wie radikale Innovationen einem „Rekombinations-Denken“ entspringen,
verbunden mit intensivster Kommunikation mit Kunden. Und erleuchteter Analyse
von Marktumfeldern.
- Design-Innovationen beschränken sich heute nicht mehr nur auf die äußere Form.
James Dyson, der Erfinder des beutellosen Staubsaugers, ist zwar Ingenieur und Tüftler,
sieht aber seine Produkte stark von einem ganzheitlichen Design-Standpunkt her. Viele
Produkte werden erst zu Innovationen, wenn sie mittels einer neuen Formensprache mit
der Außenwelt zu kommunizieren beginnen.
Der Management-Publizist Kirk Cheyfitz hat in seinem Buch „Thinking Inside the Box“
schon vor einigen Jahren die weit verbreitete Innovations-Esoterik angegriffen. Nach dieser
Doktrin sollen wir ständig „radikal anders“, „außerhalb der Box“ und möglichst
„quer“ denken. Klingt gut, ist aber meistens nur heiße Luft. Die meisten Unternehmen
wären besser beraten, ihre Hausaufgaben zu machen – also das, was sie tun, eleganter,
schöner, effektiver zu machen. Die Natur bringt auch nicht alle Jahre eine ganz neue
Spezies hervor. Sie rekombiniert nur bisweilen das, was sie schon kann – Augen, Ohren,
Nasen, Gehirne, Nervensysteme –, zu ganz erstaunlichen Schöpfungen. Zu innovierenden
Menschen zum Beispiel.
Herzlich, Ihr
Matthias Horx
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