Der Achtsamkeitsschwindel

"Management-Mindfulness" bewirkt allzu oft nur Kontraproduktives. Wirklich achtsam sind Unternehmen dann, wenn sie sich auf eine Reise des radikalen Wandels begeben.
Prof. Dr. André ReichelMindful Business (11/2016)

Seit einigen Jahren treibt eine Vorstellung ihr Unwesen in der Unternehmenswelt. Es geht darum, durch Anwendung fernöstlicher Weisheitslehren und -techniken wie Buddhismus, Yoga und Meditation das Arbeiten besser, humaner und erfüllter werden zu lassen. Der populärste Begriff zurzeit ist die "Achtsamkeit" oder auf Englisch: "Mindfulness". An der Achtsamkeit und ihrer Anwendung lässt sich vielleicht am deutlichsten darstellen, auf welch schmalem und unedlem Pfad sich diese ganze Bewegung befindet.

Achtsamkeit im ursprünglichen buddhistischen Sinne (Sati) beschreibt die Fähigkeit, eine Sache im Bewusstsein zu halten, dabei sich aber nicht darauf zu verengen, sondern den gesamten Hintergrund und seine Vernetztheit in einer Art Weitwinkelperspektive gleichzeitig zu sehen. Es ist eine umfassende Art der Wahrnehmung, die auf einem Gleichklang von körperlicher, emotionaler, geistiger und weltlicher Achtsamkeit basiert. Die Achtsamkeitsmeditation (Vipassana) ermöglicht ein tiefes und breites Verständnis der Welt und dient, wie die meisten Techniken im Buddhismus, der Verminderung des Leidens – des eigenen Leidens durch Erkenntnis, der Leiden anderer durch Vermittlung von Erkenntnis.

Im Management wird Achtsamkeit in einer seltsamen Verdrehung als Methode zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung bei hoher Arbeitsbelastung angewendet, die den praktizierenden Mitarbeitern kleine Fluchten im Arbeitsalltag ermöglicht, sich auf sich selbst zu besinnen, das "große Ganze" zu sehen und neue Kraft, Motivation und Sinnhaftigkeit ("sensemaking") zu finden. Diese Appropriation einer Weisheitslehre in einem westlich-kapitalistisch-technologischen Sinne, als Mittel zum Zweck der besseren Unternehmenszielverfolgung, kann nur schief gehen.

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