Das Buch, das zu spät kam

In “Who owns the future?” macht sich Cyber-Guru Jaron Lanier Sorgen um die Zukunft des digitalen Kapitalismus.

Quelle: Trend Update

Jaron Lanier, Autor von „Who owns the future?“, wird gemeinhein zu den Menschen gezählt, die das Internet erfunden haben. Lanier war Anfang 20, als er in einer Garage im Kalifornien der 80er Jahre das Computerspiel „Moondust“ programmierte. Er prägte den Begriff „virtuelle Realität“, und Steve Jobs und Sergey Brin zähl(t)en zu seinen Duzfreunden. Doch mit dem Cyber-Utopisten ist eine Veränderung vor sich gegangen: Das Internet ist ihm suspekt geworden. Nach der Finanzkrise von 2008 wurde ihm und allgemein klar, dass es, zumindest in ökonomischer Hinsicht, keine „virtuelle Realität“ gibt, sondern nur ein und dieselbe Realität, die sich allerdings auf den Bildschirmen der einen und auf den Tellern der anderen sehr unterschiedlich darstellt.

Als Lanier das Buch fertigstellt, ist seine Tochter sechs Jahre alt. Ihr widmet er das Buch mit den Worten: „Ich hoffe, sie wird in der Lage sein, ihren Platz in einer Welt zu erfinden, in der es normal sein wird, Erfolg und Erfüllung zu finden.“ Denn was Ende des 20. Jahrhunderts in kalifornischen Garagen entstanden sei, verbaue jetzt vielen Menschen soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Bei Kodak hätten zu Spitzenzeiten 140.000 Menschen gearbeitet; bei Instagram heute sind es nur 13, so Laniers Lieblingsbeispiel.

Die Befürchtung des besorgten Vaters ist es, in einem Kapitalismus zu leben, den das Internet so verändert hat, dass einige wenige extrem gut leben von der Arbeit vieler, die dies nicht mehr können. Piraterie, Kostenlos-Mentalität bei kreativen Leistungen, Konzentration der Daten vieler in den Händen einiger weniger – das alles, so Lanier, ruiniere die Mittelschicht und zerstöre auf lange Sicht die ganze Wirtschaft.

Utopie der “humanen Informationsökonomie”

Dem kritischen Leser ist zwar schnell klar, dass der Vergleich zwischen Kodak in den 80ern und Instagram heute ziemlich deutlich hinkt, doch die Frage nach einer „humanen Informationsökonomie“, die im Mittelpunkt des Buches steht, kann tatsächlich nicht laut genug diskutiert werden. Jaron Lanier hat sicherlich einen Nerv getroffen, wenn er fragt, wo der ganze Wert, den Milliarden von Facebook-Usern über Jahre hinweg gemeinsam geschaffen haben, schlussendlich landet. Bei den Usern sicher nicht.

Doch wie bei dem Vergleich zwischen Kodak und Instagram erscheint Laniers Schlussfolgerung eher vorschnell. Er fordert, Soziale Netzwerke sollten ihre User dafür bezahlen, dass sie sharen, Die aktuellen Versuche, allenthalben neue „Paywalls“ zu errichten, zeigen die Verzweiflung liken, sich beteiligen. Der massive Missbrauch von Bewertungsfunktionen etwa in der Gastronomie oder im Tourismus zeigt, wie viel „bezahlte Likes“ dann noch wert sind. User haben auch ohne Bezahlung einen Nutzen von Sozialen Netzwerken – sonst würden sie diese wohl kaum so eifrig befüllen –, dieser Nutzen liegt nur nicht in einer monetären Sphäre. Zudem sind praktisch alle Geschäftsmodelle, die bisher im Internet funktionieren, werbebasiert. Online-Werbeformate wie zum Beispiel die Suchmaschinenoptimierung verachtet Lanier allerdings zutiefst; der künstlerische Anspruch ist ihm zu gering.

Auf seiner Suche nach einer humanen Informationsökonomie stolpert er im Folgenden über die Tatsache, dass die Kreativität der „Crowd“ noch nie bezahlt wurde, ihre Aufmerksamkeit aber sehr wohl. Dabei ist die Missachtung künstlerischer Leistung als „bloße Daten“ (wie sie sich beispielsweise im Urheberrechtsdiskurs zeigt) bekanntermaßen eine der zweifelhaften Errungenschaften der frühen Internetgemeinde, die ohne Internetgiganten wie YouTube oder Facebook zu dieser Praxis fand. Diese Einstellung ist längst überall in der Welt verbreitet und kann kaum mehr zurückgenommen werden. Die aktuellen Versuche, allenthalben neue „Paywalls“ zu errichten, zeigen die Verzweiflung.

„Die Zukunft soll unser Theater sein. Sie soll Spaß machen und wild sein und uns zwingen, die Gegenwart mit neuen Augen zu betrachten“, schreibt Lanier am Ende seines Buches. Doch in der Zukunft, die er in seinem klugen und gut gemeinten Buch ausmalt, wird eine Tragödie gespielt. Der Leser wird das Gefühl nicht los, das die Essenz aller Tragik widerspiegelt: zu spät.

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