Unser aller Ich-Geschichte

Peter Normann Waage zeigt mit seinem Buch, wie aktuell selbst älteste Theorien vom “Ich” für unser individualistisches Selbstbild sind

Quelle: TREND UPDATE 04/2015

Für die westlichen Kulturen der vergangenen Jahrzehnte ist der Individualismus so etwas wie eine Ersatzreligion. Selbstbestimmung war der Schrein einer pluralistischen Gesellschaft, in der allgemein bindende Regeln immer weniger akzeptiert wurden. Ego-Gesellschaft, Ich-Orientierung und Ellbogenmentalität wurden dann zu Schreckgespenstern der Spaß- und Finanzjahrzehnte. Neuerdings erwarten wir nun von den neuen Gemeinschaften, sie mögen den Zerfall gemeinsamer Werte stoppen und wieder eine erzählbare gemeinsame Narration erschaffen.

Wie lange uns dieser Megatrend aber bei genauem Hinsehen schon begleitet, ist uns in der Regel nicht bewusst. Dazu braucht es akribische Aufarbeiter wie den norwegischen Kulturhistoriker, Journalisten und Essayisten Peter Normann Waage.

Er holt weit aus. So weit, dass es einem mulmig werden kann, wenn man die mehr als 700 Seiten Ich-Historie zur Hand nimmt. Schwer lasten die großen Namen auf dem historischen Verlauf der Ichwerdung: Echnaton, Sokrates, Platon, Augustinus, die Manichäer, die Katharer. Die Revoluzzer der Renaissance, Kant natürlich, Hegel im Streit mit Schopenhauer, Max Stirner, Goethe, Kierkegaard, Nietzsche. Rudolf Steiner tritt auf, Sartre vertritt die Existenzialisten und Simone de Beauvoir die Position der individualistischen Frauen. Schritt für Schritt zeigt der geduldige Autor auf, wie mühsam es war, gegen Gott und Religion, gegen Weltgeist und Massen dem Individuum seinen Raum zu geben.

Eine groß verkünstelte Dramaturgie braucht das Buch nicht, mehr oder minder chronologisch schreiten Buchaufbau und die Konstruktion des Bildes vom Individuum voran. Waage gelingt es, die Entwicklung hin zu einem Selbstbild des Individuums zu zeigen, das sich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Grundlage einer komplexen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wiederfindet.

Nun muss man über den Respekt hinaus, einen der aktuellsten Gesellschaftstrends der Gegenwart so profund zu beschreiben, keine übertriebenen Ansprüche an den Unterhaltungswert des Buches stellen. Die Gewissheit, Teil eines Menschheitsprojekts zu sein, entschädigt dafür.

Peter Normann Waage: Ich – Eine Kulturgeschichte des Individuums. Urachhaus, 2014

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