Die Taktik der Verzögerung

In “Wait” hält Ex-Investmentbanker Frank Partnoy ein Plädoyer für das Abwarten, das Hinauszögern und die Besonnenheit - mit sehr guten Argumenten.

Quelle: TREND UPDATE 09/2012

Das Reden über Trends im Kontext unternehmerischer Strategie impliziert eine Dringlichkeit, die häufig Gefahr läuft, in hektischen Aktionismus zu münden. Schnell zu handeln, irgendetwas anzuzetteln, um bloß nicht stillzustehen, gebietet die institutionelle Logik, in der jeder Verantwortungsträger sich durch dezisionistische Initiative hervortun muss. Das kluge Abwarten und Stillhalten ist hingegen schlecht beleumundet. Dem Zögerer und Zauderer flicht man keine Kränze – was musste Gerhard Schröder für Prügel beziehen, als er es wagte, seine Wirtschaftspolitik im Jahr 2001 unter das Motto „Politik der ruhigen Hand“ zu stellen?

All den Hamlets, Batlebys und Oblomovs in Management und Politik liefert nun einer Argumentationsfutter, von dem man es auf Anhieb nicht erwarten würde. Frank Partnoy ist Anwalt an der Wallstreet, hat selbst als Investmentbanker gearbeitet und berät Firmen, die ihr Geschäft mit High-Frequency-Trading machen, also mit dem Wertpapierhandel im Millisekundenbereich. Sein unorthodoxes Buch „Wait“, das im US-amerikanischen Original den passenderen Untertitel trägt: „The Art And Science of Delay“, ist ein Plädoyer für das Abwarten, das Hinauszögern und die Besonnenheit.

The second mouse gets the cheese

Gegen die Business-Binsenweisheit „The early bird catches the worm“ variiert Partnoy das Thema „... but the second mouse gets the cheese“ und zeigt im Spektrum von der Millisekunde bis zu langfristigen Strategien, dass Geschwindigkeit nicht alles ist: vom Profi-Tennisspieler, der einen Wimpernschlag länger zögert, bevor er sich für eine Ecke entscheidet, über den TV-Comedian, der das Publikum in Rage bringt, indem er die Pointe hinauszögert, bis zum Arzt, der eine bessere Diagnose stellt, indem er sein abschließendes Urteil über den Patienten möglichst lange offen hält und gegen die eigenen Routinen und Biases ankämpft.

Selbst institutionelle Anleger, die in Sekundenbruchteilen Milliarden transferieren, sind gut beraten, neben dem atemlosen Tagesgeschäft zu pausieren, um sich auf langfristige Strategien festzulegen. „Es mag überraschen, dass auch die besten High-Frequency-Trading-Firmen Low-Frequency-Kulturen haben: Die Manager lassen ihre Computer in Lichtgeschwindigkeit handeln, während sie sich selbst zurücklehnen und strategisch über die Märkte nachdenken“, schreibt Partnoy und zitiert Anleger-Legende Warren Buffett: „Wir werden nicht dafür bezahlt, dass wir schnell sind, sondern dass wir richtig liegen. Zur Frage, wie lange wir dabei abwarten: Wir warten unbestimmte Zeit.“

Was ziehen wir daraus für die Arbeit mit Trends und deren Umsetzung in unternehmerische Praxis als Innovationen? Hier gilt in verschärftem Maße, dass oft die zweite Maus den Käse bekommt. Von Neckermann bis AOL mussten Pioniere erleben, wie sie im von ihnen aufgestoßenen Marktsegment vom Markt überrollt wurden. Es kann also nicht darum gehen, atemlos den Trends hinterherzuhecheln; man muss sie erst einmal in all ihrer Komplexität durchdrungen haben, bevor man sich zur Implementierung entschließt. OODA heißt das zugehörige Prinzip, das für alle Strategieentscheidungen eine gute Blaupause liefert: observe – orient – decide – act! Meist wird dabei die wichtige Orientierungsphase schlampig ausgeführt oder aus paranoidem Aktionismus gar übersprungen. Die Fähigkeit und Bereitschaft, vor wichtigen Entscheidungen innezuhalten und in der Tiefe zu verstehen, trennt Trend-Opportunisten Es gilt, Trends zunächst in ihrer Komplexität zu durchdringen, statt ihnen atemlos hinterherzucheln von guten Strategen. Partnoys Kernbotschaft in einem Satz lautet deshalb: „Die besten Profis verstehen, wie viel Zeit sie zur Verfügung haben, um eine Entscheidung zu fällen, unter Maßgabe dieses Zeitfensters warten sie dann, so lange sie irgend können.“

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelt Partnoy hilfreiche Ratschläge für alle Lebenslagen, etwa den, dass eine Entschuldigung nicht sofort erfolgen, sondern dem Gekränkten und Verletzten Zeit geben sollte, das Erlebte zu verdauen. Mit etwas Abstand wird sie zudem als deutlich glaubwürdiger empfunden. Darüber hinaus birgt das Buch – immer unter der Fragestellung nach dem Zeitbezug und richtigen Timing – interessante Einsichten in die neuere Gehirnforschung und Verhaltensökonomie, etwa wie wir innerhalb von wenigen Sekunden Urteile über andere Menschen fällen („thin slicing“), und wartet mit einer bedenkenswerten Kritik am zeitbasierten Arbeitsregime („billable hours“) und den dadurch entstehenden Fehlanreizen auf. Kurz: Ein Buch, für das man sich die Zeit und Muße nehmen sollte.

Frank Partnoy: Wait - The Useful Art of Procrastination. Profile Books (2012)

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Buchrezensionen

Buchrezensionen

Vielleicht haben Sie in Ihrem Alltag wenig Zeit, sich Büchern zu widmen, die sich mit dem Thema Zukunft beschäftigen. Hier finden Sie eine wachsende kommentierte Auswahl an Publikationen, die wir intensiver betrachtet haben.

 

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Holm Friebe

In seinen Vorträgen öffnet er die Augen für den Wandel der Arbeitswelt und die neue Crafting-Revolution. Als smarter New Worker ist für Holm Friebe die Zukunft der Arbeit bereits Realität.