Chinas Dilemma: Business vs. Society

China steuert auf eine neue Kulturrevolution zu: Die Regierung setzt auf Wirtschaftswachstum und Kontrolle – die Bevölkerung fordert individuelle Freiheiten ein. Dem ökonomischen Upgrade folgt ein Downgrade der Gesellschaft. 
Quelle: China Report 2017

China befindet sich seit Langem wirtschaftlich auf der Überholspur. Das immense Wachstum der vergangenen Jahre beginnt sich allerdings abzuschwächen. Grund genug, nach Alternativstrategien zu suchen – und das bedeutet in China: Change Management als Dauerprogramm. Allerdings kann permanente Veränderung kein Dauerzustand sein, Wandel erfordert auch Phasen der Regeneration, der Entschleunigung und Konsolidierung. Dessen ungeachtet kündigt Chinas Regierung an, die Löhne bis 2020 zu verdoppeln. Dieses Tempo in der Wirtschaft kann nicht ohne Folgen für die Gesellschaft und die chinesische Kultur sein. Führt das dauerhafte Upgrading der Wirtschaft zu einem langfristigen gesellschaftlichen Downgrading?

Heikle Balance zwischen Up und Down

Die Parteiführung in China sieht das Aufkommen von Entrepreneuren und innovativen Startups gern – solange sie die Übersicht behalten kann. Dafür etabliert Beijing noch mehr Kontrollmechanismen. Und steuert geradewegs auf die Kulturrevolution 2.0 zu. Das Upgrading gelingt demnach vor allem im Business: Die chinesische Wirtschaft hat Größen wie Alibaba hervorgebracht. Das deutsche Konzept von Industrie 4.0 als Vorlage soll für weitere Entwicklungen in China sorgen.

Doch mit dem Zukunftskonzept müssen mindestens zwei Downgrades der chinesischen Society beachtet werden: Die wachsende aufmüpfige Bildungsschicht will weniger Nachwuchs, dafür ein Upgrade auf Individualität. Die Bevölkerungsgröße lässt sich also nicht so hochfahren, wie man sich das in der Parteiführung zur Belebung der Wirtschaft wünscht. Da kommen die geplanten Effizienzsteigerungen durch das Programm “Made in China 2025” recht, das durch die Automatisierung der Abläufe eine Reduktion der benötigten Arbeitskräfte zur Folge hat. Andererseits sorgt dieses Upgrade wiederum dafür, dass die Bildungselite ins Ausland abwandert. Eine stabile Balance zwischen Wirtschaft und Gesellschaft herzustellen und aufrechtzuerhalten wird zum entscheidenden Faktor für die Zukunft Chinas.


Mehr im China Report 2017

Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder, die wir im Kopf haben. Zeit für einen fundierten Reset: Durch Dechiffrieren der wichtigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends in China liefern wir mit unserem neuen China Report von Dr. Diana Kisro-Warnecke Erkenntnisse und praktikable Handlungspotenziale für die zweitgrößte Wirtschaftsnation unserer Zeit.

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Disruptoren aus China

Von null auf hundert in kürzester Zeit – das ist in China nicht ungewöhnlich. Wenn Chinas Regierung Entscheidungen trifft, dann sind sie allgemeingültig und werden von heute auf morgen mit harter Hand durchgesetzt. Vom Tellerwäscher zum Milliardär – das ist nun der chinesiche Traum. Der Strategieberater Edward Tse schreibt in seinem Buch “China’s Disruptors”: “There is an emergence of a new group of entrepreneurial business leaders, all from the private sector, most operating with little direct government influence or support, and all transforming their industries.”

Zu den Shootingstars zählen u.a. Jack Ma, Gründer von Alibaba, Ma Huateng, Kopf des Internet-Unternehmens Tencent, oder Gang Yu, der den Online-Supermarkt Yihaodian ins Leben gerufen hat. Xiaomi, heute der viertgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, schaffte innerhalb von vier Jahren den Sprung vom Tech-Startup zum Marktführer in China.

Obwohl diese jungen Unternehmen privatwirtschaftlich agieren, sind sie doch von Chinas Regierung abhängig. Während die Anzahl an privatwirtschaftlichen Unternehmen Chinas Transformation betrifft jeden Winkel des Landes und jede Familie. zunimmt, sorgen gleichzeitig vor allem die staatseigenen Companys für schwächelnde Wirtschaftswachstumszahlen. Firmen in staatlicher Hand werden häufig künstlich am Leben erhalten, obgleich sie von Experten als ineffizient und als starke Belastung für das Wirtschaftswachstum eingestuft werden. Im Gegensatz dazu können chinesische Startups als wichtige Disruptoren gesehen werden, die das Potenzial haben, die Weltwirtschaft zu revolutionieren: denn sie imitieren nicht mehr, sie innovieren.

Downgrade Business: Brain Drain

Immer mehr junge Chinesen studieren im Ausland – und viele von ihnen kehren zurück in die Heimat. Laut dem chinesischen Bildungsministerium sind zwischen 1978 und 2014 insgesamt etwa 3,5 Millionen Chinesen zum Studium ins Ausland gegangen. In Deutschland gibt es die größte Gruppe von chinesischen Studenten an der TU Clausthal-Zellerfeld, wo bereits der heutige Minister für Wissenschaft und Technologie, Wang Gang, zwischen 1985 und 1990 die Alma Mater besuchte, promovierte und dort inzwischen zum Ehrenprofessor ernannt wurde. Er ist einer der 1,8 Millionen Studenten, die in die Volksrepublik zurückgekehrt sind.

Doch die Generation Y tickt nicht systemkonform. Sie erfährt im Ausland, was freie, kritische Bildung heißt und bringt diesen Anspruch zurück ins Heimatland China – doch sie scheitert an der konsequenten Etablierung ihrer Erkenntnisse und ihres Wissens. Nach der Ausbildung stellt ein Großteil der Rückkehrer fest, dass sich das wieder angelegte Korsett zu eng anfühlt. Der Blick geht zurück zu den Rahmenbedingungen, die sie in westlichen Ländern erfahren haben: Freiheit der uneingeschränkten Bewegung ohne stetige Überwachung; aber auch die Notwendigkeit der Eigeninitiative, Meinungs- und Pressefreiheit oder die kritikfördernde Reflexion eines fordernden Bildungssystems. Die Rückkehrer aus Übersee stellen nach einigen Jahren erfolgreicher Berufstätigkeit fest, dass das System keine grundlegenden Veränderungen möchte. Schon gar nicht so schnell, wie ihre Forderung lautet.

Die ausgebildeten Söhne und Töchter verlassen die Heimat. Viele von ihnen planen eine Familie oder sind in der Familienphase – sie gehen, um ihrem Nachwuchs mehr Bildungsmöglichkeiten und Entwicklungsfreiheiten zu bieten. Die Ehre, vom Vaterland für die Ausbildung ins Ausland entsandt worden zu sein, reicht nicht mehr aus, um die zurückgekehrten Akademiker im Land zu halten. Sie sorgen nicht mehr konsequent für den nützlichen Know-how-Transfer ins Kollektiv. Damit trifft es ihr Heimatland doppelt hart: Kluge, gebildete Köpfe mit immensem Gestaltungspotenzial für ein modernes China verlassen das Land – und verstärken so zusätzlich den Demografieeffekt einer alternden chinesischen Gesellschaft.

Business-Chancen für Unternehmen mit Weitblick

Mit einem Upgrade der Wirtschaft zur führenden Industriemacht aufsteigen – das sind die Ziele der Regierung. Chinas Transformation betrifft jeden Winkel des Landes und jede Familie. Eine Balance zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu halten bzw. wiederherzustellen bietet Business-Chancen für risikofreudige ausländische Unternehmen mit Weitblick. Die Pflegebranche in China wurde bereits für Investoren aus dem Ausland geöffnet, weil die Demografie aus dem Gleichgewicht geraten ist. Regierung und Unternehmen in China haben nicht frühzeitig und ausreichend auf die Entwicklung ihrer Gesellschaft zur Silver Society reagiert. Hier bietet sich die Möglichkeit, chinesischstämmige Fachkräfte und Ärzte in Deutschland auszubilden und danach hochqualifiziert in hauseigene Pflegeeinrichtungen nach China zu entsenden.

Chancen bieten sich zudem zunehmend in der Prozessberatung. Wie funktioniert nachhaltiges Wirtschaften? Selbst Abschreibungen im Finanzbereich sind ein unbekanntes Phänomen und für Chinesen stark erklärungsbedürftig. Optimierung von Geschäftsprozessen in nahezu allen Branchen und zyklische Ressourcennutzung in der Industrie sind für China wichtige Projekte – und zugleich Neuland. Man orientiert sich nicht zufällig am Konzept Industrie 4.0 und macht daraus die chinesische Variante MiC 2025. Die Bereitschaft, sich durch deutsche Unternehmen unterstützen zu lassen, ist groß. Hart bleibt lediglich die Abklärung der Konditionen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: China

Dossier: China

Wenn wir von China hören, ereilt uns das Gefühl einer großen Maschine: gut geplant, bestens geschmiert, zeitweise versmogt. Doch China ist viel mehr: Das Land wird getrieben von einer großen, in Europa selten gehörten, Zukunftserzählung über Fortschritt und Innovation – von immer mehr jungen Chinesen, die Zukunft „sexy“ finden. Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder in unseren Köpfen – Zeit für einen fundierten Reset.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Diana Kisro-Warnecke

Dr. Diana Kisro-Warnecke gründete 2004 das Beratungsunternehmen Dr. K&K ChinaConsulting. Seitdem berät sie Konzerne, aber auch KMU zu den Themen internationales Management, Unternehmensstrategie, Personal und Marketing.