Die Zukunft nach Corona: Eine exponentielle Mischung

Die Coronapandemie hat der Weltöffentlichkeit wichtige Lektionen in Sachen exponentielles Denken gelehrt. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, gilt es jedoch sehr verschiedenartige exponentielle Muster zu erkennen – und zu entschlüsseln, wie diese in Kombination wirken. Ein Beitrag von Dirk Nicolas Wagner, Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University.

Foto: Jr Korpa/Unsplash

Die Krise als Praxiskurs in exponentiellem Denken

Das Coronavirus, das sich innerhalb weniger Wochen global ausbreitete, hat weltweit auch das Verständnis für exponentielle Entwicklungen radikal verbessert – für Entwicklungen, die zunächst kaum wahrgenommen werden, wenig später aber gemeinhin unerwartete Ausmaße annehmen und die Welt nachhaltig verändern. Dass dieser Praxiskurs in exponentiellem Denken gewirkt hat, lässt sich an der weit verbreiteten Meinung erkennen, die Menschheit dürfe nach der Coronakrise nicht einfach zu den alten Routinen zurückkehren. Eine neue Normalität ist gefragt, in der vorausschauender entschieden und gehandelt wird – und in der die großen gesellschaftlichen Herausforderungen konsequenter angegangen werden, allen voran der Klimawandel.

Dass dieser Praxiskurs wirken konnte, lag vor allem an drei Faktoren: Es handelte sich bei der Coronakrise um ein von Menschen gemachtes Problem, der Gesamtverlauf der Exponentialkurve war im Vergleich zu anderen Phänomenen sehr kurz – und gleichzeitig war die persönliche Betroffenheit hoch. Die Coronakrise hat auf schmerzhafte Weise gezeigt, dass sich oft erst dann ein Umdenken ergibt, wenn Beteiligte zu Betroffenen werden. Auch länger laufende Exponentialkurven wie die des Klimawandels sind durch die Coronakrise klarer und verständlicher geworden. Und nebenher verbesserte sich das Verständnis für neue wirtschaftliche Realitäten.

Exponentielle Entwicklungen: Chancen und Risiken

Während die Weltwirtschaft in die schwerste Rezession seit fast hundert Jahren rutscht, ist zu beobachten, dass sich eine Gruppe von Unternehmen absondert und unvermindert auf Erfolgskurs bleibt: die exponentiellen Organisationen (ExOs). Dazu zählen die Technologiegiganten und Vorreiter der digitalen Transformation wie Microsoft, Apple, Amazon, Alibaba oder Tencent. Während Daimler, Siemens und Co. in Kurzarbeit gingen, erzielte beispielsweise der Konzern Alphabet, zu dem Google gehört, einen Quartalsumsatz von 41 Milliarden Dollar und wuchs im Vergleich zum Vorjahr wieder zweistellig. Ist der sogenannte Tipping Point erst einmal überschritten, ist das Wachstum einer ExO kaum zu stoppen und gelingt selbst aus dem Homeoffice heraus.  

Pandemie, Klimawandel und ExOs sind jedoch nicht die einzigen exponentiellen Entwicklungen. Die Zukunft selbst ist eine exponentielle Mischung, und mehr denn je gilt es dabei den Blick auf gesellschaftliche und politische Fragen zu lenken. In einer von Digitalisierung und Multimedialität geprägten Welt, in der sich die Öffentlichkeit exponentiell erweitert hat, fällt es dem freien Individuum schwer, sich zu orientieren und mit der auf ihm lastenden Verantwortung umzugehen. Populisten, Demagogen, Despoten erfahren ein bedrohliches Maß an Unterstützung. Es kommt, wie Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch „Das Licht, das erlosch“ gründlich untersuchen, zu einer antiliberalen Revolte.

Exponentielle Muster und Effekte verstehen

Die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch die Coronakrise besonders akut geworden sind, werden sich nur erfolgreich bewältigen lassen, wenn die sie bestimmenden, exponentiellen Muster gut genug verstanden, erklärt und erlebbar gemacht – und die damit einhergehenden Chancen und Potenziale realisiert werden. Stärker denn je erfordert dies in Unternehmen ebenso wie im öffentlichen Sektor eine Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams. Denn eine wichtige Grundlage für das Verständnis exponentieller Muster ist die bewusste Abgrenzung vom – typisch menschlichen – linearen Denken. Hilfreich können dabei Visualisierungs- und Simulationstechniken sein, die beispielsweise aufzeigen, wie exponentielle Entwicklungen für eine „Ruhe vor dem Sturm“ Grundlage für das Verständnis exponentieller Muster ist die bewusste Abgrenzung vom – typisch menschlichen – linearen Denken. sorgen und zu Beginn einerseits hinter den Erwartungen zurückbleiben oder andererseits nicht ausreichend wahrgenommen werden.

Dabei ist es besonders wichtig, zu akzeptieren, dass zukünftige Zustände oder auch Ziele heute unter Umständen noch nicht erkennbar sind. Und je unvorhersehbarer die konkreten Ergebnisse einer Entwicklung sind, umso wichtiger wird es, ihre zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen – die vor allem aus Netzwerkeffekten bestehen. Es gilt also, das Augenmerk auf die Interdependenzen von exponentiellen Entwicklungen zu richten. Die Coronakrise veranschaulicht sehr deutlich, wie sich verschiedene Netzwerkeffekte – die Ausbreitung des Virus, die Entwicklung von ExOs wie Google und der Einfluss von Populisten – auf diese Weise gegenseitig beeinflussen können.

Über den Autor

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.



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