“Neue Medien können Beziehungen stärken”

Interview: Der Soziologe Prof. Christian Stegbauer erklärt, wie sich Gemeinschaft zwischen gestern, heute und morgen verändert

Quelle: TREND UPDATE 03/2015

Herr Professor Stegbauer, was ist ein Netzwerk?

Netzwerke werden von uns Netzwerkforschern sehr formal definiert. Danach besteht ein Netzwerk um ein begrenztes Set von Knoten und Verbindungen zwischen Knoten. Ziel ist es, Strukturen von Beziehungen zu finden.

Was ist der Unterschied zwischen einem Netzwerk und einer Gemeinschaft?

Wenn Netzwerke formal definiert werden, ist eine Gemeinschaft ebenfalls ein Netzwerk. Gemeinschaft bedeutet klassisch enge und multiplexe Verbindungen. Dies bedeutete, dass man mit Familienangehörigen und Nachbarn in kurzer Distanz nicht nur wohnte, sondern auch arbeitete und seine Freizeit verbrachte. Heute sind die Beziehungspersonen in den drei genannten Bereichen nicht mehr deckungsgleich.

Wie werden Menschen in Zukunft Gemeinschaft erfahren?

Wegen der Arbeitsteilung und der Mobilitätsanforderungen ist Multiplexität nicht wieder zurückzubringen. Gemeinschaft erfährt man also in immer kleinteiligeren Runden oder nur punktuell zusammen mit vielen anderen bei Massenveranstaltungen.

Was ist „soziales Kapital“?

Häufig meint dieser Begriff die Fähigkeit, Informationen zu makeln. Hierzu gehören viele und vielfältige Kontakte. Die Erreichbarkeit dieser Stellung ist allerdings vom gesamten Netzwerk abhängig und kann nur begrenzt vom Einzelnen geschaffen werden.

Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen technischer Vernetzung und sozialer Verbindung ein?

Die Möglichkeit, über Medien in Verbindung mit anderen Menschen zu stehen, hat das Potenzial, Beziehungen zu stärken. Dort, wo viele Menschen miteinander in Verbindung treten, etwa auf Diskussionsforen, entstehen aber auch neue Ungleichheiten.

Was glauben Sie: Ist ein jüngerer Mensch, der technisch besser vernetzt ist, weniger einsam als ein älterer Mensch, der in einer Dorfgemeinschaft lebt?

Junge Menschen können über Medien auch dann aktiv mit ihren Freunden kommunizieren, wenn sie in Situationen sind, in denen sie sonst einsam wären. Diese explizite Aktivität ist nicht nötig, wenn man sich sowieso über den Weg läuft. Dies stützt Beziehungen. Einsam sein kann man aber in beiderlei Strukturen.

Haben Sie das Gefühl, dass es aktuell ein neues Bedürfnis nach Vergemeinschaftung gibt?

Die Popularität von Massenveranstaltungen weist darauf hin. Punktuell erfahren kann man gemeinschaftsähnliche Gefühle zum Beispiel bei Großveranstaltungen, etwa Fußballveranstaltungen, Rockkonzerten oder auch bei Papstbesuchen. Dort kommt es vor, dass sich der Mensch mit der Masse eins fühlt, also gemeinschaftsähnliche Gefühle entwickelt.

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Die studierte Germanistin und Journalistin ist seit 2010 für das Zukunftsinstitut tätig. Kelber arbeitet an Studienprojekten. Ihre Schwerpunktthemen: Marketing, Wertewandel und die Theorie der Zukunfts- und Trendforschung.

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Praxisnah und inspirierend zeigt die Beraterin, wie der Wandel der Arbeitswelt das Business verändert, wie Trend zu mehr Kollaboration neue Formen von Leadership schafft – und welche Rolle Frauen für die Zukunft spielen.