5 Zukunftspotenziale im lokalen Handel

Durch Corona gewann das lokale Umfeld für Konsumenten wieder an Bedeutung. Die Krise hat dazu beigetragen, zu verbinden, was lange Zeit als unvereinbare Gegensätze betrachtet wurde: die digitale Welt und die stationäre Handelslandschaft. Aber wie geht es nach Corona mit dem lokalen Einzelhandel weiter? – Ein Auszug aus dem Retail Report 2021.

Bild: Retail Report 2021

Der Handel und all seine Akteure schafften es, ausgelöst durch Corona, vom jahrelangen „müsste, könnte, sollte“, zur tatsächlichen Entdeckung der emotionalen Lokalität sowie der Modernisierung und Vernetzung einer neuen Handelslandschaft. Doch was passiert, wenn wir wieder frei entscheiden können, wo wir einkaufen gehen und in welchem Radius? Wenn große Flagship Stores und Shopping Center mit Rabatten werben, um Kunden und Kundinnen wieder zurückzugewinnen? Wie entwickelt sich der lokale Handel in der Post-Corona-Welt weiter? Sicher ist, im Post-Corona-Zeitalter führt für Retailer mit starkem lokalen Bezug kein Weg an digitalen Dienstleistungen vorbei.

Potenzial 1: Lokales ECO-System

Nachhaltige Produkte und Kooperationen gewinnen immer mehr an Relevanz. Bei lokalen Ökosystemen bietet sich zunehmend die Möglichkeit, nicht nur sehr transparent zu kommunizieren und zeitgemäße Waren ins Angebot aufzunehmen, sondern auch durch kurze Wege nachhaltigere Liefersysteme zu verfolgen. Ein Beispiel ist das Konzept STAIY aus Berlin, das ausschließlich nachhaltige Mode und Accessoires von unterschiedlichen Labels führt. Anhand eines ausführlichen Fragenkatalogs werden Händler in Bezug auf ihre nachhaltige Produktion und Philosophie geprüft. Der Onlineshop bietet Kleidungsstücke im Premium-Segment genauso wie preisgünstige Artikel. Was alle eint, ist eine gemeinsame reflektierte, achtsame Haltung gegenüber dem Konsum und der Wertigkeit der Materialien. Beim Einkauf werden zusätzlich Punkte für die Initiative One Tree Planted – eine gemeinnützige Organisation, die sich der Wiederaufforstung verschrieben hat – gesammelt.

Potenzial 2: Cross Commerce Areas

Zwar wurde in der Krise mehr online bestellt, aber nur bestimmte Produkte. Das verdeutlicht: Der Kunde lässt liefern, aber selektiv. Lebensmittel, Medikamente und Drogerieartikel gehörten zu den Gewinnern, Bekleidung und Elektrogeräte zu den Verlierern. Auch in Zukunft werden manche Branchen noch etwas länger brauchen, um sich zu erholen. Zum Teil werden die Umsätze auch nicht mehr auf Vor-Corona-Niveau zurückkehren. Zudem wird sich eine andere Kauffrequenz entwickeln. Umso wichtiger sind kuratierte Plattformen, die unterschiedliche Branchen verbinden und daraus ein Gesamterlebnis schaffen. In Asien schafft Taobao Live, die Streaming-Plattform von Alibaba, eine Schnittstelle: Beispielsweise ermöglichen Köche einen Live-Einblick in ihre Restaurantküchen, Immobilienmaklerinnen bieten Interessenten virtuelle Wohnungsbesichtigungen an, Bauern werben für ihr Obst und Gemüse und sogar Autohändlerinnen inszenieren und verkaufen über den Streaming-Dienst Luxusautos. Aber auch der klassische Lebensmitteleinzelhandel schafft mehr und mehr Cross-Commerce-Services. In Großbritannien arbeiten der Discounter Aldi und die Kaufhauskette Marks & Spencer bereits mit dem Essenslieferservice Deliveroo zusammen, um Lebensmittel und auch Convenience-Gerichte ausliefern zu können.

Potenzial 3: Fresh Solutions

Das Thema Food erhielt in der Krise eine besondere Aufmerksamkeit: Nach Hamsterkäufen für eine mögliche Quarantäne erlebte das Selberkochen zuhause gemeinsam mit der Familie eine neue Bedeutung. Trends rund um Frische und Genuss beherrschen schon länger die Gastronomie und den Lebensmitteleinzelhandel. Mit der höheren Affinität, Lebensmittel auch online einzukaufen, dem steigenden Wunsch selber zu kochen und dem Ausbau der Infrastruktur, ergeben sich neue Fresh Solutions, die neben der Versorgung den Genuss in den Fokus stellen. So brachte Chelsea Turowsky, Köchin und Gründerin des konzeptionellen Catering-Services Omiomi, in der Covid-19-Krise die Vielfalt von Berlins Food-Start-ups und Local Artists unter einem virtuellen Dach zusammen. Mit Up and Coming Berlin hat sie einen Online-Marktplatz mit Lieferservice etabliert, der Produkte von unterschiedlichen lokalen Herstellern wie Kombucha, Sauerteigbrot, Naturweine oder Keramiken verkauft. Geliefert wird jeden Freitag vor die Haustür in ausgewählten Berliner Stadtvierteln.

Potenzial 4: Lokale Premium-Erlebnisse

Wie viel Mut und Kraft einzelne Händler in der Krise an den Tag legten, zeigte sich sehr deutlich. Während viele große Retailer auf Entertainment, Vielfalt und Internationalität setzen, werden zunehmend privat-lokale Exklusiv-Spaces geschaffen, in denen eine ganz neue Art von Luxus zelebriert wird. Denn dieser definiert sich nicht mehr nur über Marken und Materialien – also das Produkt, das für Luxus steht. Vielmehr rückt das exklusive Erlebnis in den Mittelpunkt, für das sich lokale Retailer, Marken, Designerinnen und Künstlerinnen zusammentun. So baute die Fashion-Vertriebsagentur Melagence in der Krise eine E-Commerce-Plattform auf, um Kundinnen, internationale Designer und lokale Mode-Boutiquen zusammenzubringen. Melagence Local bietet ein authentisches Erlebnis und vermittelt ein Gefühl von Nähe, indem sympathische Einblicke hinter die Ladentheke gewährt werden. Nahbarkeit und persönliche Beratung stehen im Vordergrund.

Potenzial 5: Local Little Helpers

Während zahlreiche Handelsunternehmen mittlerweile eine Vielzahl an Produkten auf lokalen Online-Marktplätzen präsentieren, ist der Dienstleistungssektor mit seinen Angeboten auf solchen Marktplätzen bisher eher selten vertreten. Dabei machen wir Menschen während des Einkaufens wahnsinnig viel – mehr oder weniger nebenbei. Denn wenn wir einkaufen gehen, erledigen wir zudem oft weitere Dinge: Wir waschen das Auto, bringen Kleidung in die Reinigung oder das Kind zur Kita bzw. zum Arzt. Aus diesem Grund braucht es smarte Lösungen, die Shopping und Services besser verknüpfen. In Zukunft werden besonders im Mikrokosmos, also im direkten Umfeld, regionale Dienstleistungsplattformen entstehen. Von der Mobilität bis zum Wohnen und zum Austausch – sie verbinden eben genau das miteinander, was den Alltag der Menschen in der Region einfacher macht.


Über die Autorin

Theresa Schleicher ist eine der führenden Retail-Beraterinnen Deutschlands. Die Trendforscherin ist in der Geschäftsleitung von VORN Strategy Consulting tätig und berät seit vielen Jahren die Handelsbranche. Innovative Handelskonzerne vertrauen auf Ihre Expertise, wenn es darum geht auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die Tech-Trends und die Wünsche der Kunden zu reagieren. Seit 2010 ist sie als strategische Beraterin und Rednerin für das Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main und Wien tätig.


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