Handel in China: Event-Shopping und Cashfree-Vorreiter

China dominiert den Handel in Asien und wirkt in die ganze Welt. Die chinesischen Giganten geben sich längst nicht mehr mit dem heimischen Markt zufrieden, sondern streben auch nach Europa. Noch gibt es aber kulturelle Unterschiede zwischen dem fernen Osten und Mitteleuropa, wie Event-Shopping-Wahnsinn und stark vertretene Alternativen zum Bargeld zeigen. – Ein Auszug aus Theresa Schleichers Retail Report 2020.

obs/Alipay

Shopping-Feiertage haben einen besonders starken Einfluss auf den Umsatz. Was den Amerikanern ihr Black Friday ist den Asiaten der 11.11. – ein Shopping-Event der Extraklasse. Insbesondere wegen des chinesischen E-Commerce-Giganten und Amazon-Konkurrenten Alibaba ist der „Singles’ Day“ zum erfolgreichsten und umsatzstärksten Shopping-Feiertag überhaupt geworden. Alleine Alibaba verzeichnete am 11.11.2018 einen Umsatz von 30,8 Milliarden US-Dollar – hingegen wurden an Thanksgiving, Black Friday und Cyber Monday in den USA gerade einmal 14,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt. 

Singles’ Day: Shopping-Feiertag der Superlative

Der Singles' Day ist ursprünglich eine Erfindung der chinesischen Nanjing Universität aus dem Jahr 1993. Er war den vielen männlich Singles gewidmet, die als Folge von Chinas Ein-Kind-Politik keine Partnerin finden konnten. Das Datum 11.11. besteht aus vier Einsen und steht symbolisch für das Single-Dasein. Bis heute erfreuen sich die Singles’ Day Festivals in China großer Beliebtheit, um neue Freundschaften zu schließen oder auch um den Partner oder die Partnerin fürs Leben zu finden.

Inzwischen wird der Tag allerdings auch zum Shopping genutzt und mit zahlreichen Schnäppchen gefeiert. 2018 wurden bei Alibaba allein in den ersten zwei Minuten des 11.11. Produkte im Wert von mehr als 1,27 Milliarden verkauft. Black Friday und Cyber Monday erzielten zusammen in Deutschland 1,7 Milliarden Euro Umsatz – an beiden Tagen zusammen. 

In Deutschland ist der Singles’ Day noch weitgehend unbekannt. Einige wenige Händler reagierten mit besonderen Aktionen auf den Singles’ Day: Media Markt warb mit dem Motto „Wir lassen euch nicht allein“, Saturn feiert den 11.11. „mit 111 unwiderstehlichen Angeboten” oder Douglas rief den Tag der starken Frauen mit der Kampagne „Real love starts with yourself“ aus. Allerdings waren diese Aktionen mit wesentlich weniger Erfolg verbunden als die Cyber Week.

Cashfree Retail: Den Anfang machte Fernost

Ein weiteres Phänomen des chinesischen Handels ist der starke Fokus auf Mobile Payment. Während alternative Bezahlmethoden in Deutschland noch relativ neu sind, gehört Bargeld in China schon fast der Vergangenheit an. Die Marktforscher von eMarketer gehen davon aus, dass knapp die Hälfte der Chinesen Mobile Payment nutzt. Laut Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Ipsos tätigen über 90 Prozent der mobilen Internetnutzer auch Zahlungen mit dem Smartphone. 

Grund dafür ist der Mangel an Alternativen zum Bargeld: Will man in China beim Imbissverkäufer oder Blumenhändler bezahlen, geschieht dies in aller Regel mobil über einen der zwei größten Bezahldienste Alipay oder WeChat Pay. In China liegt die Penetrationsrate von Alipay und WeChat Pay zusammen bei 87 ProzentAlipay gibt es seit 2004 und hat sich seither zu einer Plattform entwickelt, über die Nutzer viele Aspekte ihres Lebens steuern können – so etwa auch Taxibestellungen. WeChat Pay ist in dem gleichnamigen Chat-Programm integriert und bietet Bezahlen ebenfalls als eine von mehreren Funktionen an.  

Ein sensibler Punkt der mobilen Bezahldienste ist seit jeher der Datenschutz; bei jeder Transaktion werden Kundendaten gespeichert. Während etwa der chinesische Staat Zugriff auf solche Daten hat – und ihn auch aktiv nutzt, um etwa nach politischen Gegnern zu fahnden – erscheint dieses Risiko in Deutschland und anderen europäischen Ländern durch die rechtlichen Regelungen zum Datenschutz und nicht zuletzt die europäische Datenschutz-Grundverordnung überschaubar.


Strategie-Reise

Wer über die Zukunft lernen möchte, muss nach China schauen. Das Zukunftsinstitut und Gaisberg Consulting haben darum mit ihren chinesischen Partnern ein Reiseformat entwickelt, das vor allem eine Frage beantworten soll: In welchen Bereichen haben chinesische Entwicklungen für mich und mein Unternehmen Relevanz?


Chinesische Giganten auf dem Weg nach Europa

Skandinavische Länder wie Schweden und Dänemark, wo das Vertrauen in den Staat traditionell hoch ist, sind beim digitalen Bezahlen bereits auf Chinas Spuren. Experten rechnen damit, dass ein Ende des Bargelds in diesen Ländern naht. In Deutschland herrscht dagegen eher Zurückhaltung, wenn es um neue Bezahlformen geht. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger kann sich einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge nicht vorstellen, auf Münzen und Scheine zu verzichten. Doch zeigen Entwicklungen und Ideen, in welche Richtung das Bezahlen in Zukunft gehen wird.

Dank der steigenden Akzeptanz von bargeldlosen Bezahlmethoden über Debit- und Kreditkarten hinaus können Händler und Marken neue Touchpoints zum Kunden erobern. Über Apps, in die Bezahlmethoden integriert sind, aber auch Bezahl-Apps von Finanzdienstleistern oder Banken können weitere Shoppingerlebnisse ermöglicht werden.

Nach dem Vorbild von Alipay und WeChat Pay könnten solche Apps zu den Bezahlfunktionen auch Restaurantempfehlungen geben, Shopping-Rabatte bieten und viele weitere Dienste integrieren – also letztendlich zum Alltagsbegleiter werden. Chinesische Anbieter haben aktuell einen immensen Vorsprung bei der Verknüpfung von Mobile Payment und Lifestyle-Plattform, doch aktuell sind Alipay und WeChat Pay nur von Personen nutzbar, die ein Bankkonto in China haben und einen chinesischen Pass besitzen – noch. Denn inzwischen sind Alipay und WeChat Pay auf Expansionskurs in Europa, um chinesischen Touristen das Bezahlen über ihren Dienst bei Händlern europaweit zu ermöglichen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Dienste auch für europäische Nutzer geöffnet werden. Hierzulande stehen allerdings Sicherheit und Datenschutz im Fokus, diese sind die Grundvoraussetzung für die Nutzung solcher Apps. 

Über die Autorin

Theresa Schleicher ist eine der führenden Retail-Beraterinnen Deutschlands. Die Trendforscherin ist in der Geschäftsleitung von VORN Strategy Consulting tätig und berät seit vielen Jahren die Handelsbranche. Innovative Handelskonzerne vertrauen auf Ihre Expertise, wenn es darum geht auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die Tech-Trends und die Wünsche der Kunden zu reagieren. Seit 2010 ist sie als strategische Beraterin und Rednerin für das Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main und Wien tätig.


Der Retail Report 2020 benennt und erklärt die wichtigsten Trends im Handel. Seine Erläuterungen, Themenschwerpunkte, Tipps, Best Practices und Statistiken zeigen Händlern, welche Prinzipien und Modelle in Zukunft Erfolg haben werden.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Handel

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„Handel ist Wandel“ – das ist die Devise einer Handelslandschaft. Das Flächenwachstum im stationären Einzelhandel stößt an seine Grenzen, und im Internet wird die Handelswelt neu vermessen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Theresa Schleicher

Ihr Fachgebiet ist die Markenkommunikation und der Handel in digitalisierten Zeiten. Als strategische Beraterin liefert Theresa Schleicher frische Ideen für innovative Unternehmenskulturen und Wandlungsprozesse.